Wolfenbüttel, Juni 2009

Nächtens & völlig ungefiltert, bevor ich es mir wieder anders überlege, und in einem Zug: das Wolfenbütteler Gespräch des V.d.Ü.

 

Gut zwanzig Jahre hat es gedauert, bis ich mich endlich aufgerafft habe, dem Verband deutschsprachiger Übersetzer beizutreten (und erst jetzt sehe ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, dass es „deutschsprachiger“ und nicht „deutscher“ heißt!).

Nicht dass ich nicht von Anfang an einen Beitritt gedacht hatte. Aber erst mal hatte ich keine Ahnung, wie lange der Auftragsegen anhalten würde. Und nach einigen Jahren, als ich mich als Übersetzer zu fühlen begann, störte mich, gleich noch ein Geständnis, dass man da beitreten kann, wenn man gerade mal einen Zeitungsartikel übersetzt hat – ich meine, ich war im Alter von zwölf Jahren auf die Schnapsidee verfallen, Übersetzen sei ein Beruf & obendrein der richtige für mich! Und war dumm genug, Anglistik zu studieren, um Übersetzer zu werden! Ein einziger Artikel…

Schön, dann vergisst man auch immer wieder drauf, und schließlich kam die Geschichte mit Lemprière’s [sic] Wörterbuch, die ich so anstößig wie abstoßend fand. Auf einen Kollegen wegen einiger – doch, doch, einiger angesichts eines so gewaltigen Schinkens – Fehler los zu gehen, und das gleich öffentlich… Ich habe während der letzten dreißig Jahre an die tausend „Pärchen“ zusammengetragen, Originale mit ihrer deutschen Übersetzung, und schau mir die – wie sonst soll man sich in diesem Beruf so recht fortbilden – auch immer wieder mal an. Viele gute Lösungen, viele unspektakuläre, viele falsche. Glashaus, sag‘ ich mal ganz lapidar.

Dann lief’s aufgrund eines Schichtwechsels beim Hauptauftraggeber mit einem Mal nicht mehr so recht; ich will nicht undankbar sein, aber man sollte sich wohl nicht von einem einzigen Auftraggeber „zuballern“ lassen, da ein Verlag kein Gedächtnis hat. Da stehste dann da – was brauchste jetzt noch dem Verband beitreten? Und schließlich ein Lichtblick, der sich leider rasch als fiese Blendgranate erwies, aber zu dem Zeitpunkt doch ein Lichtblick war, da dachte ich mir: Jetzt fängste noch mal von vorne an, und das gleich richtig.

Gesagt getan.

Was noch lange nicht hieß, dass ich gleich zur „Jahrestagung“ gefahren wäre! Was sollte ich da, ein „hack“, der’s Jahre zufrieden war, Dreierpacks abzuarbeiten. Und ich meine das nicht negativ! Es kommen auf die Art & Weise eine Unmenge Erfahrung und Routine zusammen, zumal wenn man sein Handwerk ernst nimmt und jedes Wort & die Arbeit daran, in diversen Datenbanken auf die Festplatte bannt. Aber man zählt sich eben nicht so recht zu Leuten, deren Arbeit man schon mal bestaunt hat, die Preise bekommen haben & so.

Dann flatterte mir eine Mail ins Haus, ob ich nicht einen Workshop machen möchte. Nun, ich bin nicht gern sichtbar, aber da ich bei Slang buchstäblich hemmungslos werde, dachte ich mir, mach doch mal los.

Und so treffe ich denn ein: Bahnhof Wolfenbüttel. Ein Bahnhofsgebäude, das gar nicht der Bahnhof ist. Es steht Kulturbahnhof drauf. (Wie überhaupt auf jedem zweiten Haus dieser schönen alten Stadt „Kultur“ zu stehen scheint.) Der Bahnhof ist ein Einkaufszentrum. Denke ich mal. (Ich wüsste jetzt noch nicht, wie & wo ich in Wolfenbüttel ein Ticket bekäme.) Ich habe keine Ahnung, wo’s hingehen soll; der Google-Plan mit den Kringeln um meine Ziele steht Kopf & hätte ebenso gut von einem böhmischen Dorf sein können. Ich spreche eine Frau an, die – wie so viele andere auch – einen Sockenporsche hinter sich her zieht, weil ich messerscharf auf eine Kollegin schließe: „Sie sind sicher eine Kollegin?“ – „Ja.“

Wir tun uns zusammen. Sie war schon mal da, weiß also, dass sie ihr Stück Weges nicht laufen möchte. Ich sage, ich hab’s noch weiter, wollte also sowieso ein Taxi nehmen, ich nehme sie mit. Die Taxis haben wohl die weniger unschlüssigen Kollegen gekapert. Es ist keins mehr da. Am Droschkenstand steht eine Frau, die wir fragen, sie hat gleich mehrere Karten von Taxlern im Portemonnaie. Frühestens in zwanzig Minuten, erfahren wir. Wir gehen einen Kaffee trinken, bieten uns das Du an, knappes Curriculum vitae, schon sind wir beim Beruf.

Das bestellte Taxi kommt nicht, dafür aber ein anderes, wir fahren los, ich setze sie ab, wir verabreden uns für später in einer „Kommisse“ (noch nicht mal mein großer Duden kennt dieses Wort; ich möchte jetzt nicht den Grimm starten, ich nehme an, es hat was mit Barras zu tun.) Der Taxler & ich fahren weiter. Ich sehe mich glänzend unterhalten während der Fahrt, es ist wie ein Film: Anscheinend bieten die Taxler in Wolfenbüttel auch so etwas wie einen Einkaufservice, und so kommt denn über die krächzende Anlage der Anruf eines Mannes mit schwerer Zunge, der meint, Robert (das ist nicht mein Taxler, es ist ein Kollege von ihm) solle ihm doch aus dem Supermarkt noch was mitbringen. Es folgt eine kleine Liste mit Milch, Eiern und Whisky. Alles klar. Mein Taxler verspricht, die Liste an Robert weiterzugeben. Kaum ist das Gespräch beendet, wir haben eben zu lachen begonnen, kommt wieder ein Anruf, wieder für Robert, von einem anderen Mann mit schwerer Zunge, der eine ähnliche Liste hat: Milch, Wodka, Eierlikör. Und der Eierlikör, das betont er gleich dreimal, der sei nicht für ihn, sondern für die Enkelkinder, die kommen. Wir können kaum an uns halten. Okay. Zum Abschied etwas, was mir eine Riesenfreude macht: „Also dann, Keule, danke dir!“ Keule wie Kumpel, Alter, Atze, alter Schwede, Spezi etc. Alles klar? Mein Taxler gibt die Bestellungen an besagten Robert weiter. Auf Roberts Frage, wie groß denn die Flasche Wodka sein sollte, meint mein Taxler: „Keine Ahnung, ich nehm mal an, so dass es reicht.“ Wunderbar! Ich habe keine Ahnung, wo wir inzwischen hin gefahren sind, aber wir sind da. Die Fahrt macht sieben vierzig; ich gebe ihm einen Zehner – zum Dank für den starken Film.

Auch die Herberge ist prima. Ich schreibe meinen Namen solange in die falschen Zeilen, bis die nette Frau an der Rezeption abwinkt, bekomme einen Schlüssel, trage meinen Kram nach oben, stecke meine Google-Map ein & nehme einen Block mit. Wer weiß.

Es geht leicht abwärts. Ich kenne mich, was Verlaufen angeht (ich habe vor dreißig Jahren mal in Barcelona mitten in der Nacht auf der Suche nach einem Parkplatz einen Kumpel verloren), suche also erst mal die Yellow Brickroad meiner Google-Map zurück in die Stadt. Als ich sie gefunden habe, kann ich mich denn auch zum ersten Mal ein bisschen umsehen.

Die Stadt ist wie viele mittelständische Städte flach gehalten; sie erinnert irgendwie an alle Städte dieser Größe, und hat doch wie alle anderen einen ganz eigenen Charakter. Ich bin beeindruckt. Am meisten von den Autos, die tatsächlich anhalten & einen passieren lassen, obwohl sie stärker sind, selbst der Bus. Bei uns hier kann froh sein, keine aufs Maul zu bekommen, wenn man den Kopf schüttelt ob des Reifenprofils auf den Stiefeln, das einem irgend so ein BMW-Treter grade drauf gemacht hat.

Die Stadt wird immer schöner, je weiter mich meine große breite Straße ins Zentrum führt. Ich setze übrigens einige Landmarken wie Brotkrumen auf dem Google-Plan, um wieder nach Hause zu finden. Als ich dann scharf rechts abbiege, wird’s schier wunderlich: Die Stadt sieht aus wie aus Faller-Häuschen – nur dass alle so herrlich schief & krumm sind, dass ich mich des Gedankens nicht erwehren kann, die Erbauer, vom Architekten bis hin zu den Maurern, müssen wohl Vorfahren der beiden Knaben mit den schweren Zungen aus dem Taxi gewesen sein.

Ich finde irgendwie in besagte Kommisse & komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nicht weil ich der Erste bin; ich finde Unpünktlichkeit unhöflich; ich bin mein Lebtag nie zu spät gekommen, Abgabetermin habe ich noch keinen einzigen versäumt, ist also keine Kunst für mich, der Erste zu sein. Nein, ich staune ob der Freundlichkeit, mit der eine strahlende Frau mit langem dunklen Haar auf mich zukommt, dynamisch meine Hand ergreift, auf einen Tisch voller Namensschilder weist & dann auf einen mit Getränken. Wir plaudern, von ihr waren schon die freundlichen Mails. Sie ist ein Schatz. Ich hätte mich blöde (in seiner alten Bedeutung) in eine Ecke gestellt ohne sie.

Das Foyer der Kommisse ist eine Mischung aus Katakombe & Glas; man sieht auf einen hellen Innenhof hinaus, in einen Vortragsaal voller Stühle hinein. Die Temperatur stimmt, kälter & nass wird es erst tags darauf. Ich hole mir was zu Trinken, es trudelt ein Zweiter ein, man kommt ins Gespräch. Er möchte eigentlich erst Übersetzer werden. Und da er viel jünger ist & er mir den Fehler seines Lebens zu machen scheint. (Ich weiß nach 25 Jahren in der Branche nicht, wo die nächste Miete herkommen soll! Ich hatte die Chance, an der Uni zu bleiben, mich für richtiges Geld mit Slang zu befassen & im reichlichen Urlaub zu übersetzen, Herrgott nochmal!) Ich erzähle ihm dies & jenes, und ich kann nur hoffen, er hat die nächsten Tage über einen Kollegen gefunden, der nicht so frustriert ist wie ich. Das Ganze tut mir jedenfalls furchtbar Leid, ich tröste mich aber damit, dass ihm meine Litanei des Bösen mal gelegen kommt.

Meine alte Bekannte vom Bahnhof trifft ein; sie rettet mein Opfer vor mir. Während wir plauschen, zuppelt hier und da jemand an meinem Ärmel. Ach, du liebe Güte. Ich hatte meinen Workshoppern ja gesagt, ich stünde um vierzehn Uhr an der Pforte. Na gut, das Foyer ist übersichtlich, und es ist keine internationale Veranstaltung, na jedenfalls nicht von der Größe her. Ich begrüße einige, weiß aber nicht so recht, was man so vielen Fremden sagen soll; wie immer bei mehr als drei Leuten führt ein leichter Kurzschluss bei mir auch diesmal zur nötigen Gelassenheit, aber ich stoße womöglich den einen oder anderen, den ich auf gleich vertröste & dann vergesse, vor den Kopf, was ich nicht will. Und da ich in der sich langsam füllenden Halle immer wieder die dunklen Haare der Frau sehe, die mich begrüßt hat, immer strahlend, lachend, Hände schüttelnd, frage ich mich: Wie macht die das. Ich bin geistig viel zu unbeweglich, um mehr als drei Leuten zu folgen, geschweige denn mich auf sie einzulassen. Schließlich taucht einer an dem runden Tischchen auf, der auch in meinem Workshop ist & den ich gleich mag.

Ich habe es nicht so recht mitbekommen, aber es sind jetzt viele da & viele kennen einander, begrüßen sich begeistert. Ich gebe zu, ich mag die Atmosphäre, ich hätte alle für zurückhaltender gehalten, Einsiedler eben, aber das scheint gar nicht der Fall. Und schließlich gehe ich, eher später als die anderen in den großen Saal, der auch sehr alt zu sein scheint und gar nicht so hoch ist, die alte Balkendecke unauffällig von modernen Stahlträgern gestützt, irgendwie nicht zu groß, nicht zu klein, erstaunlich hell. Wieder alleine, suche ich mir einen Platz. Harre der Dinge…

Die Begrüßung ist freundlich, verhaltener Überschwang statt lärmiger Begeisterung, angenehm; die Anspielungen sind literarisch, okay, aber damit muss man rechnen bei so einer Versammlung, da muss ich durch.

Einige Kollegen stellen ihre neue Einrichtung vor, die sich Weltlesebühne nennt, und mir eine famose Idee zu sein scheint, von der man sicher noch hören wird. Wenn vielleicht auch nicht bei uns in Nürnberg.

Dann kommt schon ein Highlight: Fritz Senn, ein Mann, dessen Namen man kennt als Übersetzer, ein rüstiger, angenehmer alter Herr, ein Über- und Auseinandersetzer, wie er sich nennt, der, akustisch leider für mich nicht durchweg verständlich, zum Thema zu plaudern beginnt. Über Joyce geht es, natürlich, und diesmal – natürlich habe ich den Ulysses mal gelesen, ziemlich gründlich sogar, ich wollte mich nur nicht verbeamten lassen von diesem Buch – störe ich mich noch nicht mal daran. Er ist ein prima Plauderer & weiß, wovon er plaudert: Wir Übersetzer hätten die besten Leser zu sein, meint er, wir dürften nichts auslassen, wie wahr, und dass es sich noch nicht überall herumgesprochen zu haben scheint, dass Übersetzungen eben Übersetzungen seien. Das hat mir besonders gefallen. Er spricht vom Verbot, seinen Autor verbessern, jedenfalls bei der Übersetzung höherer Literatur, sagt, dass Übersetzungen gute Hilfsmittel seien, sich Klarheit über das Original zu verschaffen, bringt einige Beispiele über die Illusion der Übersetzbarkeit, nennt die Beschäftigung mit dem Einfluss von Joyce auf Homer schmunzelnd ein Hobby & meint schließlich, die Welt sei eben nicht geschaffen, um Übersetzer glücklich zu machen.

Schön, das ist mir jetzt etwas zu translatozentrisch, für so wichtig habe ich mich nie gehalten, aber es ist klar, dass hier eine andere Klasse spricht, nicht einer, der mal ein paar Krimis ins Deutsche gezerrt hat wie ich.

Für später ist ein erstes Buffet angesagt, das in einem geradezu aberwitzigen Schandfleck von einer Beachanlage im Stadtpark, glaube ich, stattfindet. Da hat sich einer hingestellt, sich am Kinn gekratzt und gedacht: „Was diesem herrlichen Ententeich mit dem saftigen Rasen fehlt, sind ein paar Hundert Fuhren Sand. Und eine Kneipe. Und drum rum ein Bambuszaun wie aus der Brücke am Kwai, damit uns auch ja keiner stiften geht – jedenfalls nicht ohne zu zahlen.“ Es war kalt und feucht geworden, aber die Heizkörper, die mich an altmodische Gaslaternen – und Mückenzapper – erinnern, halten uns warm. Ich unterhalte mich prima mit meiner Bekannten vom Bahnhof und einer reizenden Kollegin, die sich für den Workshop angemeldet hat. Sie hat zwei besonders interessante Beispiele aus ihrer Arbeit eingeschickt, aus dem Gaelischen, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Abends wurde gelesen. Auch hier habe ich, ich muss es zugeben, gar nicht so viel erwartet, habe mich dann aber auf dem so genannten Theaterdach einer umgebauten Mühle, würde ich mal sagen, ganz doll amüsiert. Schon der Bau war ein Gedicht, man sehe mir den Kalauer nach. Nie habe ich einen so schönen Ort für Veranstaltungen dieser Art gesehen, ach was, erlebt. Und die Kollegen waren großartig. Besonders aufgefallen ist mir aber, dass die – durchaus komische – Szene einer Beschneidung mit Tücken, die Hartmut Fähndrich aus dem arabischen Roman Irrnisse und Wirrnisse des Knaben Numân vorträgt, besonders beim weiblichen Teil des Publikums stürmische Heiterkeit hervorzurufen vermochte; der anderen Hälfte ging es vermutlich wie mir.

Tags darauf ist dann morgens Workshop. Diesmal bin ich der Erste am Rathaus. Da ich nicht rein kann, drehe ich noch mal eine Runde. Der Markt, den man auf dem Platz aufgebaut hat, ist richtig heimelig. Ich bleibe vor einer gewaltigen Spargelschälmaschine stehen; so wie die kleinen weißen Stämmchen durchgeführt werden, erinnert sie mich an ein Sägewerk, nie gesehen sowas; wenn das Ding nur nicht viel zu groß für die Küche wäre…

Mein Workshop ist ein Reinfall, auch wenn ich mich sauwohl fühle in einem Anfall von Reich-Ranicki, wie ich fast sagen möchte. Wie immer merke ich, dass die Leute staunen, dass es über Umgangssprache überhaupt etwas zu sagen gibt. Ich sehe sie die Köpfe schütteln. Nicht dass gar keiner mitgemacht hätte, ich will nicht ungerecht sein, aber gerettet hat mich ein blitzgescheites Wesen mit Peppermint Patty-Frisur und wunderbaren großen Augen, das nicht nur mitgeschrieben – sie musste Protokoll führen, die Ärmste –, sondern auch mitgedacht & mitgemacht hat, wann immer Funkstille herrschte. Ich werde ihr ewig dankbar sein. Nicht dass ich nicht drei Stunden über Slang reden könnte, aber das hatte man mir ja ausdrücklich verboten. Mein persönliches Fazit: Übersetzen wie Wörterbuchmachen ist was fürs stille Kämmerlein; ohne alle nur verfügbaren Hilfsmittel ist da nichts zu machen. Brainstorming allein tut es nicht.

So wie ich meine Mappe mit den Aufzeichnungen zu Hause vergessen habe, habe ich es natürlich auch versäumt, mich selbst für einen Workshop am Nachmittag einzutragen. Also denke ich mir, siehste dir die Stadt an, auch wenn es nieselt. Ich laufe mir faustgroße Wasserblasen, wie sich am Abend herausstellt; die dussligen Stiefel, ich dachte ja, ich sitze nur drei Tage rum. Schließlich wird es mir zu nass, ich hole mir am Bahnhof ein Jazzthing und setze mich in das letzte Café, das noch offen hat; es ist Samstagnachmittag, gerade dass die Gehsteige noch nicht hochgeklappt sind. Bei Tee, Bier & ganz vorzüglichen duftenden Schinkenbrötchen lässt es sich aushalten. Jazzthing hat was über den Sohn von John Coltrane & einen Artikel über Götz Alsmann, der mir besonders zusagt, weil der Mann altes und absonderliches Vinyl mit derselben perversen Begeisterung sammelt wie ich alten & neuen Slang. Ich lese ihn zweimal. Ich werde ihn noch mal zu Hause mit Textmarker durchsehen.

Um sechs gehe ich rüber in den Ratskeller, wo ich mich mit meiner Retterin und dem Mann aus dem Kurs verabredet hatte, der mir schon am Vortag besonders aufgefallen war.

Mein Schutzengel ließ sich nicht sehen, aber dafür konnte ich mich umso ausführlicher mit meinem Altersgenossen unterhalten, der in etwa mit mir die 60er-Jahre so knapp verpasst hat & doch zeitlebens von ihnen geprägt wurde. Und sie wie ich als die beste aller Welten zu sehen scheint. Der Gute hat im Leben schon so viel gemacht, dass ich ganz klein wurde. Allein eine geschäftliche Pleite habe ich mit ihm gemein. Und das hat er nicht etwa einfach so erzählt, der Schlawiner, ich musste ihm alles aus der Nase ziehen. Ich kam mir wie ein Aufschneider vor. Ich denke mal, wir schraubten uns in kürzester Zeit jede Menge Bullshit ins Ohr, und wenn wir jünger gewesen wären, ich bin sicher, wir hätten sofort das nächste Pleiteunternehmen aufgezogen. Begeisterungsfähige Menschen, die nicht rechnen können, oh Mann. Eine Bekannte von ihm kam dazu, auch eine Kollegin, die ich wunderschön fand & bei der ich noch kleiner wurde, weil sie einen nur ansah mit ihren großen Augen. Nach einem kleinen Abriss meines geplanten Piratenpornos – Angelique meets Blaubart – gingen die Lichter in ihren schönen Augen aber schon gründlich aus. (Herrgott, irgendwie muss doch Geld reinkommen. Und es ist gar nicht so einfach, eine in ihrer Blüte in die Sklaverei verkaufte Jungfer wieder so rein zu waschen, dass man ihr das Warten auf den Ersten und Einzigen über tausend Seiten abkaufen mag. Zumal einer Piratenkönigin.)

Aber sei’s drum. Am Abend gab’s wieder Buffet. Gleich zu Anfang gab’s eine nette Überraschung, als mich eine ältere Dame am Ärmel zupft. Es ist die nette Kollegin, die nach dem Workshop so freundlich meinte, also ihr hätte es was gebracht. Die gute Seele. Jetzt sagte sie, da ich im Workshop den Film Theo gegen den Rest der Welt erwähnt hatte, hätte sie eine Überraschung für mich. Sie weist neben mich & nach einer halben Drehung sehe ich mich vor einem freundlichen Hünen, zu dem ich richtig aufsehen muss. „Das ist der Produzent“, meinte sie. Staunend freue ich mir schier ein Loch in den Ärmel, weil Theo eine meiner nettesten Kinoerinnerungen ist. Ich sage ihm das auch oder versuche es wenigstens, aber ich nehme an, er bekommt eine Menge falscher Komplimente zu hören. Er erzählt ein bisschen vom Dreh, von Westernhagen, der so gar nicht glücklich über den Theo gewesen sei, dass man zuerst alles in Berlin drehen wollte, sich dann aber doch zu der aberwitzigen Reise in den Süden entschloss. Als er erzählt, dass es heute noch Kinobesitzer gibt, die ihm sagen, dass sie ihm ihr Rekordpublikum verdanken, versteige ich mich zu der Bemerkung, dass doch solche Zahlen noch nicht mal der Eichinger schaffe, worauf er bescheiden meint, der Bernd, der schaffe das schon. Aber mit internationalen Stars, möchte ich ihm sagen, und Millionenetats; Sie, Sie Wahnsinnskerl, haben das mit Theo aus Herne und seinen Sprüchen gemacht & kaum einer schlappen Million! Aber ich sage es nicht; er ist so nett, dass ich nicht spüren möchte, wie ihn das Gefühl beschleicht, sich nun lange genug mit mir unterhalten zu haben. Später sehe ich ihn noch am Rand der Tanzfläche von einem Fuß auf den anderen wippen wie ein großer freundlicher Bär. Ich denke mir, siehste, jetzt hast du wenigstens was zu erzählen, wenn du nach Hause kommst; von Übersetzern will ja doch niemand hören…

Getanzt wurde auch. Herzhafte Oldies auf einer lausigen Anlage oder einer, die zumindest nicht richtig eingestellt war. Nicht dass ich ein Tänzer wäre, aber bei vier ballongroßen Wasserblasen & aalglatten Ledersohlen, war die Versuchung nicht allzu groß. Und der Heimweg war abenteuerlich; aber nachdem ich – Gott sei’s gedankt – mehrmals der Versuchung widerstand, doch etwas früher abzubiegen, weil mir der Weg gar so lang schien, kam ich wieder auf die Yellow Brickroad & sicher und nass wie ein Hund wieder nach Haus.

Sonntagmorgen durfte ich feststellen, dass mein ebenso gescheiter wie hübscher Schutzengel auch noch in derselben Herberge abgestiegen war; würde ich an was glauben, ich würde sagen, da hat einer gründliche Arbeit geleistet. Nachdem ich mein Quartier bezahlt und mir ein Taxi hatte rufen lassen, sah ich die Gute beim Frühstück in dem plüschigen, aber sonst recht netten Speisezimmer, und so baff wie ich war, setzte ich mich einfach dazu. Eine unverzeihliche Unhöflichkeit, die sie mir, so hoffe ich jedenfalls, nachsieht, zumal nach einer halben Tasse Kaffee ohnehin mein Taxi eintraf. Ich hatte es für gleich bestellt in der Befürchtung, es könnte wieder so lange dauern wie am Freitag, bis eines kam. Es kam leider viel zu schnell, und es gab on board keinen Film.

Ich bin entsprechend früh wieder vor der Kommisse. Noch nicht mal der von mir zwei Tage so bestaunte Ausbund freundlicher Tüchtigkeit ist früher gekommen, dafür trudelt eine beleibte blonde Frau aus der Stadt mit einem roten Regenschirm ein, die zwar keinen Schlüssel mitbringt, aber aus Nürnberg stammt, wie sich gleich herausstellt. Auch mit ihr lässt sich prima plauschen. Unter Scherzen & Lachen vergehen einige Minuten, dann kommt sie schon, frisch wie am Vortag, ein freundlicher Wirbelwind. Dabei habe ich sie nachts noch tanzen sehen wie einen Derwisch! Sie entschuldigt sich, weil sie nur zehn Minuten zu früh dran ist. Ich habe ein schlechtes Gewissen und nehme mir vor, künftig nicht mehr gar so früh dran zu sein.

Es gibt noch eine Veranstaltung mit dem Titel „Der Autor trifft seine Übersetzer“, die ich wieder ganz prima finde. Und dass ein Autor (Ingo Schulze) & sein Übersetzer (John Woods) um die Ecke voneinander wohnen, scheint mir definitiv eine gute Idee. Ingo Schulzes Übersetzerin aus Ungarn ist auch mit dabei, und als sie vorliest, hört sich das so lyrisch an, dass es mir Leid tut, auch nicht ein Wort zu verstehen. Die Krönung ist aber doch die Passage, die der Autor aus seinem Buch vorliest; ich beschließe, es mir zu kaufen, wenn ich wieder zu Hause bin, & neben das Bett zu legen. Schon weil es bei seinem Umfang sicher eine prima Stufe abgibt.

Der Saal hat sich inzwischen zu leeren begonnen; auch ein netter Kollege, mit dem ich kurz vorher zum ersten Mal im Leben gesprochen habe, muss mittendrin gehen. Dann gibt es noch mal zu essen & ich hole mir eine Gabel Gemüse und Reis. Ich unterhalte mich bei Tisch noch mit einer Frau, die zum ganz unglaublichen Organisationsteam dieses Übersetzertreffens gehört, & hoffe aufrichtig, sie hält mein Kompliment nicht nur für Blabla. Ach, wir machen das jetzt schon zehn Jahre, meint sie bescheiden. Andere lassen nach zehn Jahren alles schleifen, denke ich mir. Nicht zuletzt der reibungslose Ablauf ist dafür verantwortlich, dass sich alle so gut verstehen.

Na, wie auch immer, die Reihenfolge beim Abschiednehmen bekomme ich jetzt nicht mehr so ganz hin, aber meine neuen Bekannten waren fast alle darunter.

Dann bin ich fast wieder der Erste am Bahnhof, lese im Stehen mein Mojo, das ich mir noch in Nürnberg gekauft habe, während sich der Bahnsteig zu füllen beginnt. Es scheint keine Sitzgelegenheiten am Bahnhof zu geben, auch nicht in Braunschweig, wie ich beim Umsteigen feststelle; irgendwie kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, es gibt da irgendwo eine Grenze, jenseits der man das Sitzen auf Bahnhöfen nicht so gern sieht. Das ist jedenfalls einer der Gedanken, die sich in meine verwunderten Betrachtungen darüber mischen, wie nett das doch war; man spürte einen berechtigten Stolz, aber es hat keiner getrommelt, es herrschte ein gewisses Gemeinschaftsgefühl, auch wenn einige besser sind & bekannter als andere. Es hat tatsächlich Lust darauf gemacht,  Übersetzer zu sein. 

Im Zug nach Würzburg – ich habe das Gefühl hundertmal umsteigen zu müssen – befindet sich mein reservierter Platz ausgerechnet neben dem eines Herrn, der zwei richtig dicke Bücher vor sich auf dem Brettchen hat, zwei Bücher über die Reisen Darwins, und auf einem steht der Name eines Kollegen, den ich eben noch gesehen hatte, in blauen Lettern, ganz unten, aber immerhin deutlich lesbar vorn drauf.

 

 

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