SlangGuy's Blog ...

»We know time« – Bewusstein in der Zeit vs. Zeit im Bewusstein

Ein Freund frag­te die­ser Tage mal an, was ich denn mei­ne, ob der Satz »We know time.«, der mehr­mals in Kerou­acs On the Road vor­kommt, mit »Wir ken­nen die Zeit.« rich­tig über­setzt sei. Ob es viel­leicht nicht bes­ser all­ge­mei­ner gefasst »Wir wis­sen Bescheid.« hei­ßen sollte.
Die Fra­ge will mich nicht mehr so recht los­las­sen. Aber ich habe Kerou­ac Anfang der 70er-Jah­re gele­sen, und obwohl es ein Traum wäre, sich die­se Sachen noch mal vor dem Hin­ter­grund all des­sen vor­zu­neh­men, was man in drei Jahr­zehn­ten dazu  gelernt zu haben meint, ich habe die Zeit dazu nicht und eine Men­ge ande­rer, dring­li­che­rer Probs obendrein.
Trotzdem.
Zunächst erin­nert »we know time« in der Tat an »to know the time« – mit Arti­kel –, und das heißt natür­lich »Bescheid wis­sen«, »wis­sen, wo’s lang geht«, »wis­sen, wie der Hase läuft« – am Bes­ten trifft es das moder­ne­re »wis­sen, was geba­cken wird«; »know the time« hat sich min­des­tens bis in den Hip­hop der 90er Jah­re gehal­ten; ich erin­ne­re mich an eine Zei­le von Chuck D. / Public Enemy. Es wur­de ab den 80er-Jah­ren zuneh­mend durch »to know what time it is« ersetzt, das unter Schwar­zen jah­re­lang ganz furcht­bar in Mode war; ich habe da noch einen Sketch aus In Living Color im Gedächt­nis, der Come­dy-Serie der Way­ans-Bro­thers, wo ein hoff­nungs­los unhip­per »bro­ther« auf die Fra­ge »Don’t you know what time it is?« tat­säch­lich auf sei­ne fun­keln­de Uhr schaut… zum brül­len­den Geläch­ter des ach so wis­sen­den Studiopublikums.
Das Pro­blem, soweit ich mich erin­ne­re, ist aber – mal abge­se­hen von dem feh­len­den Arti­kel – bei On the Road, dass es doch da immer dar­um geht, dass Dean in der abso­lu­ten Gegen­wart lebt, jeden­falls Sals Mei­nung nach, der ja sein eif­ri­ger Schü­ler ist.
Ich hat­te mir aus einem ganz ande­ren Grund kurz zuvor John Clel­lon Hol­mes’ The Horn ange­se­hen und dabei an eine Sze­ne aus On the Road den­ken müs­sen, in der Sal und Dean in einem Jazz­club gewe­sen waren. Dean schwärmt von dem Saxo­pho­nis­ten der Com­bo: »Now, man, that alto man last night had IT–he held it once he found it; I’ve never seen a guy who could hold so long.« Sal will natür­lich sofort wis­sen, wor­um es sich denn bei disem mys­ti­schen »it« han­de­le. Wor­auf Dean auf sei­ne ganz eige­ne Wesie sich an eine Erklä­rung macht: »“Ah well  … now you’­re asking me impon-de-rables­a­hem! Here’s a guy and everybody’s the­re, right? Up to him to put down what’s on everybody’s mind. He starts the first cho­rus, then lines up his ide­as, peop­le, yeah, yeah, but get it, and then he rises to his fate and has to blow equal to it. All of a sud­den some­whe­re in the midd­le of the cho­rus he gets it­ ever­y­bo­dy loo­ks up and knows; they lis­ten; he picks it up and car­ri­es. Time stops. He’s fil­ling empty space with the sub­s­tance of our lives, con­fes­si­ons of his bel­ly­bot­tom strain, remem­bran­ce of ide­as, rehas­h­es of old blowing. He has to blow across brid­ges and come back and do it with such infi­ni­te fee­ling soul-explo­ra­to­ry for the tune of the moment that ever­y­bo­dy knows it’s not the tune that counts but IT–”
Hier haben wir es: »Time stops.« Natür­lich nur für den Musi­ker und alle die ihn ver­ste­hen. Die Ein­ge­weih­ten. Das ist natür­lich zunächst ein­mal Dean. Der weiß instink­tiv, dass der Mann am Saxo­phon eins mit dem Augen­blick gewor­den ist, was den Fluss der Zeit zum Still­stand bringt. Dean kennt sich da aus: Wer in den Augen­blick ein­tritt, tritt aus dem Fluss der Zeit. Dean weiß das, weil er so sein Leben lebt: von einem Augen­blick zum anderen.
Wenn ich mei­ne ver­gilb­te alte Pen­gu­in-Aus­ga­be von On the Road zu Hand neh­me, sehe ich, wie oft ich dort »moment« ange­stri­chen habe. (Über­haupt ist viel unter­stri­chen in die­sem Buch.) Gibt es ein Buch, in dem das Wort »moment« öfter vor­kommt als in On the Road?
An einer bezeich­nen­der Stel­le etwa erzählt Sal: »My moments in Den­ver were com­ing to an end, I could feel it…« War­um sagt er nicht »time«, »days« oder etwas Entsprechendes?
Oder: »And all this time Dean was tre­men­dous­ly exci­ted about ever­ything he saw, ever­ything he tal­ked about, every detail of every moment that passed.«
In Tom Wol­fes Acid Test, das zu über­set­zen ich das Glück hat­te, lebt Neal Cas­sa­dy – Kerou­acs Vor­bild für Neal Moriar­ty – auch stän­dig und aus­schließ­lich, wie es scheint, im Augen­blick. Der pau­sen­lo­se Mono­log, mit dem er alles, was er fühlt, denkt, erlebt, laut wie­der­gibt – ob es nun einer hören will oder nicht, ist Zei­chen die­ses Lebens im Augen­blick. Nicht nur Kerou­ac ist hier sein Schü­ler, auch Ken Kesey hat sich die­ses Eins-Seins mit dem Augen­blick zum Ziel gemacht.
Oder: »Not cour­ting talk – real strai­ght talk about souls, for life is holy and every moment is precious.«
Oder: »We play­ed one ball­ga­me on the TV, ano­t­her on the radio, and kept swit­ching to a third and kept track of all that was hap­pe­ning every moment.«
Ziel ist ein Leben »in a sud­den moment of gaping wonder«.
Mag sein, dass hier bei Kerou­ac die Beschäf­ti­gung mit dem Zen-Bud­dhis­mus her­ein­spielt, aber mit dem ken­ne ich mich nicht aus. Ich weiß aber, dass west­li­che Phi­lo­so­phen sich Gedan­ken über das Wesen der Zeit gemacht haben. »Zeit ist Bewusst­sein« heißt deren Mantra.
Dean sagt über sei­ne Mit­men­schen: “But they need to worry and betray time with urgen­cies fal­se and other­wi­se, pure­ly anxious and whiny, their soul real­ly won’t be at peace unless they can latch on to an estab­lished and pro­ven worry …” Jeder Gedan­ke an die Zeit ist für ihn gleich­zu­set­zen mit Sor­ge und ist ein Ver­rat an der Zeit selbst. Man tritt aus dem Augen­blick, dem Eins­sein mit Zeit und Sein, her­aus und ein ins Bewusst­sein der Zeit, was die Anti­the­se all des­sen ist, was ihm vor­schwebt, näm­lich das Sein im Augen­blick als Eins-sein mit der Zeit und rei­ne Mög­lich­keit … Es geht um den Gegen­satz der Vor­stel­lun­gen “Bewusst­sein in der Zeit” – ein Zustand der Unfrei­heit, da die­se Art von Exis­tenz von Kau­sal­zu­sam­men­hän­gen bestimmt wird, derer man sich ban­ge bewusst ist – und einem »rei­nen Bewusst­sein«, das jeden Augen­blick für sich nimmt und sich damit aus­kop­pelt aus dem sequen­ti­el­len Erle­ben der Zeit. So lässt die Zeit sich mani­pu­lie­ren und eine Frei­heit leben, die man andern­falls nicht haben kann. Man holt sich die Zeit in Form des bedin­gungs­los erleb­ten Augen­blicks ins Bewusst­sein. Wer das kann, der kennt sich aus mit der Zeit. Und das scheint mir, will Kerou­ac mit »we know time« denn auch sagen.
»Wir ken­nen die Zeit« scheint mir so als Über­set­zung durch­aus in die rich­ti­ge Rich­tung zu gehen, nur dass man eben nicht sagen wür­de: »Ich ken­ne die Mathe­ma­thik.« oder »Ich ken­ne Fran­zö­sisch.« Nicht um damit aus­zu­drü­cken, dass man die Mathe­ma­tik oder Fran­zö­sisch beherrscht.
Dean und sei­nes­glei­chen wis­sen um das Wesen der Zeit und wie man sie aus­he­belt. Sie ken­nen sich aus mit der Zeit.
Ich wür­de also eher sagen, »know« ist mit »ken­nen« ein­fach falsch übersetzt.

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