Alle Jahre wieder: Auld Lang Syne

Robert Burns
Heut Nacht um zwölf geht’s wieder weltweit durch sektfeuchte Kehlen: »Should auld acquaintance be forgot. . .« Es bleibt kein Auge trocken, kein Schwanz kann den Text, keiner weiß, was die alten Zeilen bedeuten. Keine Bange, auch nicht in Ländern voll englischer Muttersprachler. Aber was soll’s, wo’s doch so schön sentimental ist. Und ein so alter Brauch obendrein. Die Rede ist von »Auld Lang Syne«, der alten schottischen Weise, die der schottische Nationaldichter & -held Robert Burns – seiner Ansicht nach – als erster aufgezeichnet hat.

So wird denn auch in der Regel dessen Version des Textes gesungen. Oder besser gesagt, die Version, die er eigenen Worten zufolge niedergeschrieben hat, nachdem sie ihm – eigenen Worten zufolge – ein alter Mann vorgesungen hatte. Die Weise fand er eher mittelprächtig, aber die Worte ergriffen ihn bis in die Tiefen seiner Seele. So entbehrt es auch nicht einer gewissen Ironie, dass heute die seiner Ansicht nach mittelmäßige – doch, doch, »mediocre« schrieb er einem Bekannten1 – Melodie alles zu scheint, wo doch den Text kein Mensch versteht.

Worum’s geht? Nun, um die gute alte Zeit. Und ob man sie vergessen soll. Und um alte Bekannte und darum, ob man die vergessen soll. Wenn man sich frühere Formen des Gedichts anschaut, handelte es sich dabei wohl um eine eher bittere Reflexion über die Undankbarkeit so mancher Zeitgenossen.

Should auld acquaintance be forgot,
and never brought to mind ?
Should auld acquaintance be forgot,
and auld lang syne?

CHORUS:
For auld lang syne, my jo,
for auld lang syne,
we’ll tak a cup o’ kindness yet,
for auld lang syne.

And surely ye’ll be your pint-stowp !
and surely I’ll be mine !
And we’ll tak a cup o’ kindness yet,
for auld lang syne.

CHORUS

We twa hae run about the braes,
and pu’d the gowans fine ;
But we’ve wander’d mony a weary fit,
sin auld lang syne.

CHORUS

We twa hae paidl’d i‘ the burn,
frae morning sun till dine ;
But seas between us braid hae roar’d
sin auld lang syne.

CHORUS

And there’s a hand, my trusty fiere !
and gie’s a hand o’ thine !
And we’ll tak a right gude-willy waught,
for auld lang syne.

CHORUS2

Die Wendung auld lang syne – oder old long since – ist, auch wenn sie keiner versteht, nicht einfach erfunden. Sie ist schlicht und ergreifend schottisch. »Auld« ist nichts weiter als eine alte bzw. Dialektform Form von old, in der das noch ältere ald durchscheint,3  und damit das einfachste der Wörter. »Lang« für sich ist ebenfalls nichts weiter als eine alte bzw. Dialektform von long.4 Das einzige, womit die Leute nichts Rechtes anzufangen wissen, ist das »syne«. Nun syne, in der Regel sine geschrieben, ist eine alte bzw.  die schottische Form des englischen Wörtchen since, und zwar in all seinen Bedeutungen als Adverb, Präposition und Konjunktion.

So bedeutet syne / sine:

1. Als Adverb vor, seit, von der Zeit an, seitdem« u.ä.
2. Damals, zu der Zeit, danach, als nächstes u.ä.
3. in diesem / dem Fall, dann
4. spät in den Wendungen as well soon as sine, soon or sine.
5. Als Präposition seit.
6. Als Konjunktion seit(dem).
7. da, dann, darauf
und natürlich auch in der kausalen Bedeutung
8. weil, da doch, in Anbetracht dessen, dass u.ä.5

Nun sind allerdings lang und syne auch zusammengewachsen in einer eigenen Bedeutung als langsyne (oder langseyne, langsine und langsarn etc.) zu finden; es bedeutet so

1. Als Adverb vor langer Zeit bzw. seit langem
2. als Adjektiv alt, althergebracht, aus alter Zeit
3. und als Substantiv die alte Zeit6

Das Wiktionary erweitert das noch um einen übertragenen Sinn:

lang syne

1) die alten Zeiten
2) Erinnerungen an die Vergangenheit
3) alte Freundschaften7

Insgesamt ergibt auld lang syne damit the old long since, wörtlich »das alte Lang-ist’s-her«, aber so sehr das heute Mode geworden sein mag, man übersetzt nicht in eine Sprache, die es nicht gibt; wir sprechen einfach von der alten Zeit. Alles andere ist Unfug.

Damit bedeutet die Zeile aus den Lied »for auld lang syne« um der alten Zeit[en] willen bzw. da es ja darum geht, einen zu heben, natürlich auf die [guten] alten Zeiten bzw. auf die [gute] alte Zeit.

Guten Rutsch! 

 

 

  1. Robert Burns, The Complete Poetical Works. New York: Houghton, Mifflin & Co., 1897. []
  2. Der Text ist von der englischen Wikipedia. []
  3. die Wurzeln sind dieselben wie die unseres Adjektivs alt: http://www.heinrich-tischner.de/22-sp/2wo/wort/idg/deutsch/a/alt.htm []
  4. Unser deutsches lang hat dieselben Wurzeln. []
  5. nach Joseph Wrights English Dialect Dictionary []
  6. nach Joseph Wrights English Dialect Dictionary []
  7. https://en.wiktionary.org/wiki/lang_syne#English []