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Trump-Wör­ter­buch #41: Debat­te der Schwach­köp­fe – Run­de 1

Man muss wohl ein zer­ti­fi­zier­ter Sadist oder Maso­chist sein, um sich die­ses Trau­er­spiel von Anfang bis Ende zu geben. Hät­ten da zwei Schü­ler debat­tiert, die Leh­rer hät­ten sie nach weni­gen Minu­ten mit einer fet­ten Sechs pro Nase nach Hau­se geschickt. Aber schlim­mer noch zeigt die­se jäm­mer­li­che Vor­stel­lung, in wel­chem Zustand sich eine Nati­on, eine Welt befin­den muss, die sich von die­sem Event etwas ande­res erhofft oder gar erwar­tet hat­te. Zu schwei­gen davon, dass man über­haupt einen Sinn dar­in sehen soll­te, einen Lügen­ba­ron mit einem Tat­ter­greis dis­ku­tie­ren zu sehen. Das Ergeb­nis lag von vor­ne­her­ein auf der Hand: Der eine zieht sich sei­ne alter­na­ti­ven Fak­ten ad hoc aus dem Arsch, dem ande­ren fal­len sei­ne Fak­ten, so offen­sicht­lich und gut sie auch doku­men­tiert sein mögen, schlicht nicht mehr ein.

Nichts wird so heiß geges­sen, wie es gekocht wird. Die­ser Ein­trag in mein Trump-Lexi­kon wird sich ver­mut­lich als der sinn­lo­ses­te erwei­sen, weil ich mich hier hin­rei­ßen las­se, in der Hit­ze des Augen­blicks zu »berich­ten«, was gleich nach der Trump-Biden-Debat­te zu hören war, anstatt abzu­war­ten, bis der Staub sich gelegt hat. Das heißt, die Spe­ku­la­tio­nen wie­der­zu­ge­ben, die im ers­ten Schock – oder Sie­ges­tau­mel – kur­sie­ren, ist sicher nicht das Klügs­te. Auf der ande­ren Sei­te belegt die­se Übung in Sinn­lo­sig­keit viel­leicht auch Fol­gen­des: Ich habe noch nie ver­stan­den, wozu es Fern­seh­de­bat­ten braucht und was sie bewir­ken sol­len. Die Par­tei­en und ihre Inhal­te sind bekannt, die Leu­te haben ihre Pro­gram­me her­aus­ge­ge­ben. Was soll­te es da groß inter­es­sie­ren, ob der eine oder ande­re sei­ne Sache zun­gen­fer­ti­ger ver­tre­ten kann als der ande­re? Ob der eine bes­ser aus­sieht als der ande­re? Ob der eine womög­lich einen schlech­te­ren Tag hat als die anderen? 

Zuge­ge­ben, bei uns hier gibt es mehr Par­tei­en ähn­li­cher Aus­rich­tung, da kann man sich im letz­ten Augen­blick noch ent­schie­den, wie weit rechts oder links man gehen will, aber in den USA? Bei gera­de mal zwei Par­tei­en? Wo dies­mal zwei Kari­ka­tu­ren gegen­ein­an­der ange­tre­ten sind? Die trau­ri­ger­wei­se die­ses Mal für eine weit grö­ße­re Ent­schei­dung als blo­ße Grenz‑, Gesundheits‑, Steu­er- oder Ren­ten­fra­gen etc. ste­hen. Die eine Sei­te steht, wie in Pro­ject 2025 schwarz auf weiß nach­zu­le­sen, für den Auf­bau eines auf auto­ri­tä­rem Gedan­ken­gut gebau­ten Sys­tems, das aus­schließ­lich für Kon­zer­ne und Mil­li­ar­dä­re arbei­ten wird. Die ande­re Sei­te steht für Demo­kra­tie an sich und für mehr sozia­le Gerech­tig­keit. Die eine Sei­te wird in den Schul­ter­schluss mit den ande­ren Dik­ta­tu­ren die­ser Welt gehen, die ande­re wird zumin­dest so wei­ter­wursch­teln, wie wir es gewohnt sind. Plat­ter kann man die anste­hen­de Ent­schei­dung doch gar nicht for­mu­lie­ren. Und über­haupt nicht zu wäh­len, wie zahl­rei­che Repu­bli­ka­ner das jetzt vor­ha­ben, kommt da auch nicht in Fra­ge. Es hat des­halb auch wenig Sinn, hier auf die ein­zel­nen Punk­te der Debat­te ein­zu­ge­hen. Sie waren ohne­hin bekannt; dass Biden sei­ne Goo­dies nicht so recht ein­fal­len woll­ten, ist tra­gisch; dass Trump auf Fra­gen erst gar nicht ein­ging oder sich ein­fach Scheiß aus den Fin­gern sog … 

Ich hat­te nie Sex mit einem Porno-Star. 

Donald Trump

Sie sind der Gelack­te! Sie sind der Loser!

Joe Biden

Es war die Zeit nicht wert. Und den­noch, so hört man, wird die Debat­te erheb­li­che Kon­se­quen­zen haben. Aber wie sehen die aus?

Nun, auf Sei­ten der Demo­kra­ten, so ist zu ver­neh­men, herrscht Panik pur.1 In ihrem Lager schlägt jetzt die Ansicht durch, die bereits seit län­ge­rem zu spü­ren ist: Man ist für Bidens Poli­tik, sicher, aber eigent­lich gegen eine zwei­te Amts­zeit des grei­sen Herrn. Und die Rede ist hier nicht von den Wäh­lern, son­dern von den Poli­ti­kern, die mit Biden ste­hen oder fal­len. Denen geht der Arsch mit Grund­eis. Wie die­se Panik sich auf die Wäh­ler aus­wir­ken wird, ist noch gar nicht abzu­se­hen. Auf Par­tei­ebe­ne schei­nen die Augen sich jetzt auf Nan­ci Pelo­si und Barack Oba­ma zu rich­ten, die dem Ver­neh­men nach die­ser Tage das Gehör der Par­tei haben.

Die gro­ße Fra­ge ist wohl, ob Joe Biden zurück­tre­ten soll, was er ver­mut­lich nicht möch­te, und inwie­fern man auf ihn ein­wir­ken soll­te, »ver­nünf­tig« zu sein. Falls er zurück­tritt, käme es zu einem Nomi­nie­rungs­par­tei­tag (open con­ven­ti­on), bei dem die Par­tei über Ersatz­kan­di­da­ten ent­schei­den wür­de. Was schwie­rig sein dürf­te, immer­hin hat­te Joe Biden sei­ner Par­tei sei­ne Kan­di­da­tur mit dem Argu­ment ver­kauft, der Ein­zi­ge zu sein, der Trump schla­gen könn­te. Jetzt sieht das anders aus. Die ein­ge­schla­ge­ne Rich­tung scheint sich als Holz­weg zu erwei­sen. Wie wird Biden selbst die eben abge­lie­fer­te Vor­stel­lung sehen? Er ist ja defi­ni­tiv kein Nar­zisst wie Trump, will sagen er ist zur Selbst­ein­sicht sehr wohl fähig. Nun, es sieht ganz so aus, als sähe er die Debat­te als Nie­der­la­ge. Schon. Aber er gibt sich in sei­ner ers­ten Rede danach sofort wie­der kämp­fe­risch: »Wird man nie­der­ge­schla­gen, steht man wie­der auf!«2 Und das mit einer Kraft und Klar­heit, die er – Herr­gott noch mal! – bei der Debat­te hät­te zei­gen sol­len. Was muss noch pas­sie­ren, um ihn zu der Ein­sicht zu brin­gen, dass er das schlicht nicht mehr reißt? Könn­te er sich auf sei­ne Leis­tun­gen besin­nen und sich zurück­zie­hen? Aber wie wür­de Bidens Rück­tritt auf die Wäh­ler wir­ken? Wür­de ein Ersatz­mann genü­gend Stim­men bekom­men? Wür­de er mit dem­sel­ben Pro­gramm antre­ten? Müss­te er sei­ne Agen­da erst neu erklären?

Ob Trump nun ein paar Wäh­ler ver­lo­ren oder gewon­nen hat, spielt kei­ne Rol­le. Er ist die Par­tei. Biden mag für das demo­kra­ti­sche Pro­gramm ste­hen, aber er ist nicht die Par­tei. Es ist ver­ein­zelt zu hören, dass die Demo­kra­ten die Debat­te bewusst schon so früh – 131 Tage vor der Wahl – ange­setzt haben, um zu sehen, ob Biden das in »kogni­ti­ver« Hin­sicht auch tat­säch­lich bringt.3 Nun, jetzt hat man’s gese­hen: Trump log oder brach­te sei­ne übli­chen bizar­ren, aus der Luft gegrif­fe­ne »Argu­men­te« über Wirt­schaft, Außen­po­li­tik, Abtrei­bung und den 6. Janu­ar. Jeder halb­wegs kom­pe­ten­te Geg­ner hät­te die­se Steil­päs­se mit Bra­vour ver­wan­delt. Aber Biden brach­te kaum einen zusam­men­hän­gen­den Satz her­aus. Die »patrio­ti­sche Lösung«, wie The Atlan­tik meint, bestehe dar­in, dass er aus­steigt.4 Oder soll­te er viel­leicht sei­ne Vize-Prä­si­den­tin erset­zen? Es scheint ja nun klar, dass sein Vize mit eini­ger Wahr­schein­lich­keit Prä­si­dent wer­den wird. Und dem Ver­neh­men nach ist die Aus­sicht dar­auf, dass Kame­la Har­ris Prä­si­den­tin wird, für vie­le in der Wol­le gefärb­ten Demo­kra­ten denn doch ein Pro­blem. Wie es heißt, wür­de jeder der bis­lang als »Run­ning Mate« Genann­ten – Gret­chen Whit­mer, die Gou­ver­neu­rin von Michi­gan, Wirt­schafts­mi­nis­te­rin Gina Rai­mon­do, Kali­for­ni­ens Gou­ver­neur Gavin News­om – Bidens Chan­cen bei der Wahl erhö­hen.5 Aber wo man ohne­hin schon um die afro­ame­ri­ka­ni­schen Wäh­ler ban­gen muss, wäre es wohl unklug, Har­ris durch einen wei­ßen Kan­di­da­ten zu erset­zen. Michel­le Oba­ma ist bereits im Gespräch, was sich nicht schlecht anhört, aber sie habe, so hört man, kei­ne Freu­de an der Poli­tik.6

Oder die ande­re Lösung: Biden selbst aus­zu­tau­schen. Auch hier wer­den Gavin News­om und Michel­le Oba­ma genannt, Gret­chen Whit­mer, Nan­cy Pelo­si, Chuck Schu­mer. Und wohl mehr aus Scherz: Ber­nie San­ders und Hil­la­ry Clin­ton … wohl kaum. Kei­ner der poten­zi­el­len Kan­di­da­ten hat sich bis­her öffent­lich geäu­ßert, alle erklä­ren, soweit sie zu Wort kamen, ihre Loya­li­tät zu Biden.

Aber womög­lich pro­ji­zie­ren vie­le tat­säch­lich Inter­es­sier­te da nur ihre eige­nen Ängs­te und Hoff­nun­gen. Sicher, der Lügen­beu­tel wur­de weit und breit zum Sie­ger erklärt. Vier­und­zwan­zig Stun­den spä­ter jedoch, nach­dem sich der Staub etwas gelegt hat, taucht die Fra­ge auf, die ich oben gestellt habe: Wen zum Gei­er inter­es­siert denn das wirk­lich außer denen, die damit ihr Geld ver­die­nen? Law­rence O’Don­nell von MSNBC brach­te das auf den Punkt: »Das aller­ers­te, was Sie wis­sen müs­sen über das, was wir da ges­tern Abend gese­hen haben, ist, dass die meis­ten Wäh­ler es nicht gese­hen haben. Es war die Prä­si­dent­schafts­de­bat­te mit der gerings­ten Ein­schalt­quo­te seit lan­ger Zeit … der kleins­ten Quo­te aller ers­ten Prä­si­dent­schafts­de­bat­ten in die­ser Rei­he im 21. Jahr­hun­dert, und nur etwa ein Drit­tel der Leu­te, die bei der letz­ten Prä­si­dent­schafts­wahl gewählt haben, haben die Debat­te tat­säch­lich gese­hen.« Ein gewis­ser Denk­feh­ler unter­läuft ihm aller­dings, wenn er dar­aus den Schluss zieht, zwei Drit­tel der Wäh­ler hät­ten »auch nicht eine Sekun­de« der Debat­te gese­hen. Von wegen, die Leu­te haben sehr wohl in Clips gese­hen, wor­auf es ankommt! Und in sehr bewusst gewähl­ten und beschnit­te­nen Clips oben­drein. Es ist also mit Vor­sicht zu genie­ßen, wenn er sagt: »Jeder, der glaubt, dass die­se Geschich­te ges­tern Abend ein gro­ßes Pro­blem für Joe Biden dar­stellt, glaubt – ohne den gerings­ten Beleg dafür –, die Debat­te hät­te unent­schlos­se­nen Wäh­ler bei der Ent­schei­dung gehol­fen, und das obwohl es gera­de unent­schlos­se­ne Wäh­ler sind, die sich Debat­ten wie die von ges­tern Abend erst gar nicht anzu­se­hen.«7

Auf der ande­ren Sei­te hat O’Don­nell auch ein recht gutes Argu­ment: Nichts, aber auch gar nichts von dem, was Biden da wäh­rend die­ser völ­lig unnö­ti­gen Debat­te pas­siert ist, habe unterm Strich mit dem Amt des Prä­si­den­ten an sich zu tun. Eine Quiz-Situa­ti­on wie die­se erge­be sich im Oval Office schlicht nicht.8 Aber ob die Ame­ri­ka­ner sich das vor Augen hal­ten, wenn es ans Wäh­len geht?

Anmer­kun­gen

  1. »First Pre­si­den­ti­al Deba­te: Ana­ly­sis«. MSNBC, 28.06.2024. ↩︎
  2. The Beat With Ari Mel­ber 6/28/24 | 🅼🆂🅽🅱🅲 Brea­king News June 28, 2024. (bei 2 min 09 sek) ↩︎
  3. »Joe Biden will be Repla­ced | CNN Deba­te Sum­ma­ry Trump vs Biden.« Meet Kevin. 28.06.2024. ↩︎
  4. Jeru­sa­lem Dems­as, »Drop­ping Out Is Biden’s Most Patrio­tic Opti­on«. The Atlan­tic. June 28, 2024. ↩︎
  5. Nolan Fin­ley, »Fin­ley: Veep choice could allay fears about Trump«. The Detroit News, 19.06.2024. ↩︎
  6. »Who Could Rea­li­sti­cal­ly Replace Joe Biden After His Dis­as­trous Debate«The Megyn Kel­ly Show. 28.06,2024. (ca. 01 min 55 sek) ↩︎
  7. »Law­rence: We live in a coun­try whe­re most com­men­ta­tors declared the liar the deba­te win­ner«. MSNBC, 29.06.2024. ↩︎
  8. Ebda. ↩︎

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