Der Lektor sieht das eben anders…

P1140913bWarum Übersetzungen trotz immer besserer technischer Möglich­kei­ten eher schlechter werden als besser und Übersetzen an sich heute weniger denn je von dem Handwerk hat, das es eigentlich sein sollte – und mehr denn je sein könnte. Ein paar Betrachtungen zur einzigen Branche,  in der Amateure die Arbeit von Profis »polieren«, »tunen« oder – in der Regel – ganz einfach verschmieren.

Auf welchem Planeten, so die ewig wieder­keh­rende Frage des Über­setzers bei der Durchsicht eines re­di­gierten Manus­kripts, auf welchem Planeten in dieser oder sonst einer Galaxie voll bizarrster Wesen mögen die »Kor­rektu­ren« dieses Lek­torats wohl eine Ver­bes­se­rung sein? Die schiere Quantität der Änderungen, der oft kaum nachvollziehbare Unsinn so einiger, die Über­flüssigkeit so vieler, die, wenn schon nicht grund­verkehrt, so immerhin den Rhythmus eines Sat­zes, eines Paragraphen, einer Seite zer­stören. Das ist Überset­zer­alltag: Und je mehr man lernt, je mehr man nach­schlägt, je größer Daten­banken und Er­fahrungsschatz werden, je öfter man sich im Kampf gegen allzu Plumpes stilistisch an ge­stan­de­nen deutschen Autoren zu orientieren versucht, desto weiter über­setzt man über den Horizont einer Kaste hinaus, die – ja, die sich die­se Arbeit eben nicht macht, die nicht lernen, sondern lediglich wissen, ja im Grunde einfach nur recht haben will, nicht zuletzt, weil sie mittels Mut­ter­milch & Google (buchstäblich) mit Links auf das kommen zu können meint, was man sich in jahr­zehnte­langer Be­schäftigung mit der eigenen und der Fremd­sprache angeeignet, ach was, buchstäblich drauf ­geschafft hat: das Lektorat.
P1230450aÜbersetzen ist wohl das einzige Hand­werk, bei dem selbst die Arbeit alter Hasen mit 20 und mehr Jahren Berufs­er­fahrung von jemandem »kor­rigiert« wird, der in der Regel keinerlei ein­schlägige Erfahrungen vorweisen kann. Und fragt man dann nach, ob das denn sein müsse, lautet – oh, man hört schon am Ton, da fühlt sich wieder mal jemand auf den Schlips getreten und in die Defensive gedrängt – die scheinbar harm­lose und für den Branchen­frem­den womöglich sogar ein­leuch­tende Reaktion: Der Lektor sieht das eben anders…

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Ganz offensichtlich, man hat das Ergebnis ja vor sich; nur – von den ganz ein­deutigen Fehlern (allen voran der übliche 1000er-Pack an Schnitzern, die blutigen Amateuren, aber eben keinem Profi1 unterlaufen), Feh­lern, bei denen es einfach nichts anders zu sehen gibt, einmal abgesehen – sieht eben nicht nur dieser Lektor das an­ders, jeder Lektor sieht etwas anderes anders & das wiederum anders als ein anderer es sehen würde.

Ein kleines, eher harmloses, aber typisches Beispiel: Wenn sie »schnicken« durch »schnippen« ersetzt, zwingt die Redaktion der Über­setzung ihren persönlichen Geschmack, ihre Meinung auf. Und nein, es geht hier nicht um die ohnehin meist alberne Dialektfrage, es geht hier darum, dass andere Lektoren nie ein Problem mit dem Wörtchen »schnicken« gehabt haben, im Gegen­teil, es hat sich sogar schon mal einer darüber gefreut. Womit gesagt sein soll, »schnicken« fällt mitnichten einem objektiven Urteil zum Opfer, es fällt bei der Schur über einen ganz persönlichen Kamm, über den das Lektorat, weil es nur einen be­sitzt, alles schert, was auf seinen Schreib­tisch kommt (aber das ist schon wieder ein anderes Problem). Der Einwand von der »alternativen Sicht­weise« vernachlässigt grundsätz­lich das Wesentliche, und das ist etwas, was man in der Wirtschaft als »asym­me­trische Information« be­zeich­nen könn­te, hier nennen wir es mal schlicht das Wissens- und Erfahrungs­gefälle zwischen Übersetzer & Lek­torat.

P1230900aEin kleines Beispiel auch dafür: kein professioneller – will sagen erfahrener – Über­setzer macht einen »would-be suicide« zu einem »Möchtegern-Selbst­mörder«, nicht nur weil das dumm-zynische Wort­gebilde an sich gegen jeden, nicht zuletzt den sprachlichen Anstand ver­stößt, son­dern auch weil er sofort eine Palette anderer Anwendungsbeispiele für »would-be« parat hat wie etwa den »would-be customer«, aus dem niemand einen »Möch­tegern-Kunden« machen würde, weil sich ihm sofort der »potentielle Kunde«, der »Kauf­in­teressent«, egal was, nur eben nicht irgendein – durch die Bank ironisch so benanntes – »Möch­­tegern-Wesen« auf­drängt. An­ders ge­sagt: nach 20 Jahren als Über­­setzer weiß man in den meisten Fällen, was da im Aus­gangstext gemeint ist und im Zieltext zu stehen hat; man sieht Nuancen, man hat im Deutschen so seine Tricks; es mag auch hier und da eine bessere Lösung geben, aber da­rum geht es ja nicht, es geht darum, ob die vor­ge­nommene Änderung tatsäch­lich eine solche darstellt oder nicht. Und das ist eben eine Frage der Er­fahrung, nicht der bloßen Recht­haberei.

Der Lektor ist kein Über­setzer. Wer keinen Text zu erstellen hat, aus dem Nichts, möchte man fast sagen, sondern lediglich ein bestehendes Manuskript redigiert, lernt schlicht und ergreifend nicht, was der Übersetzer lernt. Überdies hat er sich um vieles andere zu kümmern, und wird, egal wie erfahren er ist, dem Manuskript eben nicht dieselbe un­geteilte Auf­merk­sam­keit widmen können wie der Über­setzer. Und – nie­mand scheint auch nur auf den Gedanken zu kommen –, dass er es noch nicht einmal kennt, schließlich hat er, im Gegensatz zum Übersetzer, das be­treffende Buch eben nicht über­setzt. Wenn ein Lektor die Datei öffnet und seinen groben Pflug in die Scholle des ersten Satzes rammt, den man als Über­setzer x-mal umgedreht hat, auf den man immer wieder zurück­gekommen, bis er Pro­gramm der Übersetzung geworden ist, dann ist das absurd, ein Witz. Woher weiß er, was da sprachlich passt, woher weiß er, ob sich der Satz nicht auf einen auf Seite 364, womöglich gar auf mehrere be­zieht? Motivkette? Erzählhaltung? Spricht der Autor oder schiebt er einen Erzähler vor, dessen geistige Machart der Stil reflektiert? Gibt es mehrere Charaktere mit unterschiedlichen Sprechweisen? Alles Einbildung? Woher will man wissen, dass da nicht bereits Wortschatz, Stil gewählt wurde, der zu welcher Persona auch immer gehört, die diesen ersten Satz äußert, die da erzählt? Überhaupt äußert sich hier eine der großen Ab­surditäten des Lek­torats: Während – um doch noch mal auf besagten Kamm zurück zu kommen – jeder Lektor, mit dem ich je zu tun hatte, keinen Unterschied macht zwischen diesem Buch und dem vor­hergehenden oder folgenden, als wäre alles, was je über seinen Schreibtisch ge­gangen ist, von ein und demselben Autor, vom selben Übersetzer, im sel­ben Genre, im selben Stil, geht man jeden Satz in­nerhalb eines Buches so an, als hätte er mit keinem anderen Satz in diesem Buch, ach was, im selben Absatz auch nur das geringste zu tun!

P1230895aAber um beim Thema zu bleiben: Ist der Lektor schon kein Übersetzer, aber immerhin durchaus mal jemand, der durch Erfahrung einen Blick dafür ent­wickelt hat, was er vom Übersetzer be­kommt, so fehlt es dem Großteil derer, die da Über­setzungen redigieren, zwangs­läufig erst einmal über Jahre hin­weg an eben dieser Erfahrung. Nie­mand, der heute auf dem Lek­to­ren­sessel Platz nimmt, kann auch morgen schon ein »Lektor« sein, was aber eben keinen davon abhält, einen frei von der Leber weg zu »korri­gieren«. Bei Über­setzern ist das nicht anders: nicht jeder, der – in etlichen anderen be­ruf­lichen Anläufen ab­ge­blitzt, sich irgendwann darauf be­sinnt, doch mal eine Fremd­sprache ge­­lernt zu haben – ist mit dem ersten Auftrag gleich der große, natürlich, Übersetzer, für den er sich hält.

Und hier liegt irgendwo der Dreh- und Angelpunkt des Problems: Wer oder was ist denn nun eigent­lich ein Über­setzer? Ganz einfach: der Übersetzer ist die be­dauerliche Konsequenz des eben Gesagten, weiter nichts, definiert doch das Lektorat – als Auftraggeber – über kurz oder lang den­jenigen als Über­setzer, dem es etwas zu über­setzen gibt. Wem gibt es etwas zu über­setzen? Demjenigen, mit dem es aus­kommt. Mit wem kommt es aus? Nun, auf der einen Seite mit dem, der sich – mit ängstlichem Blick auf den nächsten Auftrag – kor­ri­gieren – sprich wie oben gezeigt »Feh­ler rein­schrei­ben« – lässt, zum an­de­ren, und hier wird es wirklich prob­le­matisch, mit dem, den es tatsächlich korrigieren kann. Das Lektorat, das Kunde eines kundigen Handwerks sein könnte, zieht sich lieber eine Kaste zweitrangiger Lie­fe­ran­ten von Interlinear­versionen heran, anhand derer sich be­weisen lässt, wie wichtig man doch eigentlich ist.

Eine extreme Sicht, meinen Sie? So for­muliert vielleicht, aber es ist nun mal meine Erfahrung aus über 20 Jahren voll- und hauptberuflichen Über­setzerdaseins. Es gab Ausnahmen, eine Handvoll, wenn ich kulant sein will, aber lange ist’s her. Die Wasserscheide schien immer: Ist das Lektorat älter als ich, hat es sich die Hörner abgestoßen, muss sich nicht mit der »Korrektur« einer Übersetzung pro­filieren; ist das Lektorat jünger als ich…

»Der Lektor sieht das eben anders« ist Symptom einer alten Krankheit, die – es hat ja viel mit Ego, Sprech­bla­sen­tum, Karriere- & Ellenbogendenken, Empfind­lich­keit & kompensierender Über­heb­lich­keit zu tun, die allesamt auf dem Vor­marsch sind – eher um sich greift als zu­rückgeht; es beginnt mit diesem schein­bar harm­losen Sätzchen in der Regel ein absurder Reigen, der güns­tig­s­tenfalls mit einem Kom­promiss zum Schlechteren hin endet; er kostet Zeit, den Über­setzer meist auch die Ver­lags­beziehung und den Verlag da­mit den in der Regel einen durchaus er­fahrenen Über­setzer; man geht lieber zur zweiten Garnitur, und wenn da immer noch keine Ruhe ist… eben zum Möchtegern – mit dem man ge­meinsam in seliger Selbstver­ges­senheit im Sandkasten der Unwis­sen­heit spielt.

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Ein vernünftiges und vor allem zeitge­mäßes Lektorat ginge den anderen Weg, ließe nicht fallen, was sich nur ungern kor­rigieren lässt, weil es sich über weite Strecken nur ver­schlimm­bessert weiß; ein vernünftiges Lektorat und zeitgemäßes Lektorat nähme den Profi und ließe den seine Arbeit machen, läse das Manuskript nicht mit der hechelnden Absicht, mit seiner Blei­­stiftlosung ein Revier zu mar­kie­ren, sondern um Unklarheiten zu klä­ren, nachzuhaken, Stellen zu finden, bei denen der Übersetzer sich im Eifer des Gefechts – selbstverständlich kommt das vor! Man hat Wort für Wort, Satz für Satz ein Manuskript eines ganzen Buches zu erstellen – tatsächlich mal verschaut hat. Man stelle sich vor: Über­setzung als Handwerk mit Ar­beitsteilung! In jedem anderen Hand­werk müsste man darüber noch nicht einmal dis­kutieren! Wer würde schon darauf bestehen, dass die Dame aus der Buchhaltung, die die Rechnungen schreibt, noch mal mit dem Holzhammer justiert, was der Kfz-Meister in einer modernen Werk­statt mit Spezialwerkzeug und einem Vierteljahrhundert Erfahrung eingestellt hat? Man be­kommt von einem Profi eben nicht den Quatsch, den das Lektorat allzu gerne anführt, wenn es ins Schwärmen gerät, was man denn da schon alles habe verbessern müs­sen. (Merkwürdi­ger­wei­se hat jeder Lektor da sofort die ver­meintliche Atom­waffe des »Labor­vertrags« – für labor con­tract – parat, der mir mein Lebtag noch nicht untergekommen ist und der sich allein schon ob der Naivität, ein Über­setzerprofi könnte tat­sächlich einen solchen Fehler machen, als Lektorenmythos aus­weist.)

Die Umgestaltung des Lektorats von der Fehlerquelle zum Detektor für Un­ge­reimtheiten und Lieferanten sinn­vol­ler Vorschläge2 mit dem ge­mein­samen Ziel eines soliden Texts? Die Folgen so einer für die Branche offen­sichtlich un­erhörten Professionalität liegen auf der Hand:

Ein­sparungen auf Ver­le­ger­seite (Wieso alles zweimal machen? Eine schlechte Übersetzung ist durch Zeiteinsatz nicht zu retten, eine gute aber sehr wohl zu zerstören), mehr Arbeit für den pro­fessionellen Übersetzer (mit denen man sich diesen Zeiteinsatz sparen kann – dass man die auf das Honorar umschlagen könnte… nun, ich dachte mal, Über­setzen sei Sache von Übersetzern und bin schon allein des­halb sicher nicht der Hellste, ver­mutlich glaube ich sogar, dass der eine oder andere bis hierher mitgelesen hat, aber so dumm bin ich nun auch wieder nicht.) Insgesamt führte das aber sicher zu einer Anhebung des Niveaus einer Branche; viel­leicht liest sich dann das sprachliche Kunstwerk, das da vollmundig im Klap­pentext an­gekündigt wird, irgend­wann nicht mehr so oft wie von einem Schüler der Unterprima nacherzählt.

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  1. ich spreche von Leuten, die tatsächlich etwas vorzuweisen haben, nicht Leute, die sich als große Übersetzer wähnen nur weil sie ein paar Bücher übersetzt haben []
  2. natürlich ist das mit der zunehmenden Verlegung ins Außenlektorat fast schon unmöglich gemacht, da diese Leute natürlich fast schon gezwungen sind, auf jeder Seite herumzuschmieren – wie sollte man den beim Verlag sonst sehen, dass man etwas gemacht hat? []
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