SlangGuy's Blog ...

Wol­fen­büt­tel, Juni 2009

Näch­tens & völ­lig unge­fil­tert, bevor ich es mir wie­der anders über­le­ge, und in einem Zug: das Wol­fen­büt­te­ler Gespräch des V.d.Ü.

 

Gut zwan­zig Jah­re hat es gedau­ert, bis ich mich end­lich auf­ge­rafft habe, dem Ver­band deutsch­spra­chi­ger Über­set­zer bei­zu­tre­ten (und erst jetzt sehe ich, wie ich zu mei­ner Schan­de geste­hen muss, dass es „deutsch­spra­chi­ger“ und nicht „deut­scher“ heißt!).

Nicht dass ich nicht von Anfang an einen Bei­tritt gedacht hat­te. Aber erst mal hat­te ich kei­ne Ahnung, wie lan­ge der Auf­trag­se­gen anhal­ten wür­de. Und nach eini­gen Jah­ren, als ich mich als Über­set­zer zu füh­len begann, stör­te mich, gleich noch ein Geständ­nis, dass man da bei­tre­ten kann, wenn man gera­de mal einen Zei­tungs­ar­ti­kel über­setzt hat – ich mei­ne, ich war im Alter von zwölf Jah­ren auf die Schnaps­idee ver­fal­len, Über­set­zen sei ein Beruf & oben­drein der rich­ti­ge für mich! Und war dumm genug, Anglis­tik zu stu­die­ren, um Über­set­zer zu wer­den! Ein ein­zi­ger Artikel…

Schön, dann ver­gisst man auch immer wie­der drauf, und schließ­lich kam die Geschich­te mit Lemprière’s [sic] Wör­ter­buch, die ich so anstö­ßig wie absto­ßend fand. Auf einen Kol­le­gen wegen eini­ger – doch, doch, eini­ger ange­sichts eines so gewal­ti­gen Schin­kens – Feh­ler los zu gehen, und das gleich öffent­lich… Ich habe wäh­rend der letz­ten drei­ßig Jah­re an die tau­send „Pär­chen“ zusam­men­ge­tra­gen, Ori­gi­na­le mit ihrer deut­schen Über­set­zung, und schau mir die – wie sonst soll man sich in die­sem Beruf so recht fort­bil­den – auch immer wie­der mal an. Vie­le gute Lösun­gen, vie­le unspek­ta­ku­lä­re, vie­le fal­sche. Glas­haus, sag’ ich mal ganz lapidar. 

Dann lief’s auf­grund eines Schicht­wech­sels beim Haupt­auf­trag­ge­ber mit einem Mal nicht mehr so recht; ich will nicht undank­bar sein, aber man soll­te sich wohl nicht von einem ein­zi­gen Auf­trag­ge­ber „zubal­lern“ las­sen, da ein Ver­lag kein Gedächt­nis hat. Da stehs­te dann da – was brauchs­te jetzt noch dem Ver­band bei­tre­ten? Und schließ­lich ein Licht­blick, der sich lei­der rasch als fie­se Blend­gra­na­te erwies, aber zu dem Zeit­punkt doch ein Licht­blick war, da dach­te ich mir: Jetzt fängs­te noch mal von vor­ne an, und das gleich richtig. 

Gesagt getan.

Was noch lan­ge nicht hieß, dass ich gleich zur „Jah­res­ta­gung“ gefah­ren wäre! Was soll­te ich da, ein „hack“, der’s Jah­re zufrie­den war, Drei­er­packs abzu­ar­bei­ten. Und ich mei­ne das nicht nega­tiv! Es kom­men auf die Art & Wei­se eine Unmen­ge Erfah­rung und Rou­ti­ne zusam­men, zumal wenn man sein Hand­werk ernst nimmt und jedes Wort & die Arbeit dar­an, in diver­sen Daten­ban­ken auf die Fest­plat­te bannt. Aber man zählt sich eben nicht so recht zu Leu­ten, deren Arbeit man schon mal bestaunt hat, die Prei­se bekom­men haben & so. 

Dann flat­ter­te mir eine Mail ins Haus, ob ich nicht einen Work­shop machen möch­te. Nun, ich bin nicht gern sicht­bar, aber da ich bei Slang buch­stäb­lich hem­mungs­los wer­de, dach­te ich mir, mach doch mal los. 

Und so tref­fe ich denn ein: Bahn­hof Wol­fen­büt­tel. Ein Bahn­hofs­ge­bäu­de, das gar nicht der Bahn­hof ist. Es steht Kul­tur­bahn­hof drauf. (Wie über­haupt auf jedem zwei­ten Haus die­ser schö­nen alten Stadt „Kul­tur“ zu ste­hen scheint.) Der Bahn­hof ist ein Ein­kaufs­zen­trum. Den­ke ich mal. (Ich wüss­te jetzt noch nicht, wie & wo ich in Wol­fen­büt­tel ein Ticket bekä­me.) Ich habe kei­ne Ahnung, wo’s hin­ge­hen soll; der Goog­le-Plan mit den Krin­geln um mei­ne Zie­le steht Kopf & hät­te eben­so gut von einem böh­mi­schen Dorf sein kön­nen. Ich spre­che eine Frau an, die – wie so vie­le ande­re auch – einen Socken­por­sche hin­ter sich her zieht, weil ich mes­ser­scharf auf eine Kol­le­gin schlie­ße: „Sie sind sicher eine Kol­le­gin?“ – „Ja.“

Wir tun uns zusam­men. Sie war schon mal da, weiß also, dass sie ihr Stück Weges nicht lau­fen möch­te. Ich sage, ich hab’s noch wei­ter, woll­te also sowie­so ein Taxi neh­men, ich neh­me sie mit. Die Taxis haben wohl die weni­ger unschlüs­si­gen Kol­le­gen geka­pert. Es ist keins mehr da. Am Drosch­ken­stand steht eine Frau, die wir fra­gen, sie hat gleich meh­re­re Kar­ten von Tax­lern im Porte­mon­naie. Frü­hes­tens in zwan­zig Minu­ten, erfah­ren wir. Wir gehen einen Kaf­fee trin­ken, bie­ten uns das Du an, knap­pes Cur­ri­cu­lum vitae, schon sind wir beim Beruf. 

Das bestell­te Taxi kommt nicht, dafür aber ein ande­res, wir fah­ren los, ich set­ze sie ab, wir ver­ab­re­den uns für spä­ter in einer „Kom­mis­se“ (noch nicht mal mein gro­ßer Duden kennt die­ses Wort; ich möch­te jetzt nicht den Grimm star­ten, ich neh­me an, es hat was mit Barras zu tun.) Der Tax­ler & ich fah­ren wei­ter. Ich sehe mich glän­zend unter­hal­ten wäh­rend der Fahrt, es ist wie ein Film: Anschei­nend bie­ten die Tax­ler in Wol­fen­büt­tel auch so etwas wie einen Ein­kauf­ser­vice, und so kommt denn über die kräch­zen­de Anla­ge der Anruf eines Man­nes mit schwe­rer Zun­ge, der meint, Robert (das ist nicht mein Tax­ler, es ist ein Kol­le­ge von ihm) sol­le ihm doch aus dem Super­markt noch was mit­brin­gen. Es folgt eine klei­ne Lis­te mit Milch, Eiern und Whis­ky. Alles klar. Mein Tax­ler ver­spricht, die Lis­te an Robert wei­ter­zu­ge­ben. Kaum ist das Gespräch been­det, wir haben eben zu lachen begon­nen, kommt wie­der ein Anruf, wie­der für Robert, von einem ande­ren Mann mit schwe­rer Zun­ge, der eine ähn­li­che Lis­te hat: Milch, Wod­ka, Eier­li­kör. Und der Eier­li­kör, das betont er gleich drei­mal, der sei nicht für ihn, son­dern für die Enkel­kin­der, die kom­men. Wir kön­nen kaum an uns hal­ten. Okay. Zum Abschied etwas, was mir eine Rie­sen­freu­de macht: „Also dann, Keu­le, dan­ke dir!“ Keu­le wie Kum­pel, Alter, Atze, alter Schwe­de, Spe­zi etc. Alles klar? Mein Tax­ler gibt die Bestel­lun­gen an besag­ten Robert wei­ter. Auf Roberts Fra­ge, wie groß denn die Fla­sche Wod­ka sein soll­te, meint mein Tax­ler: „Kei­ne Ahnung, ich nehm mal an, so dass es reicht.“ Wun­der­bar! Ich habe kei­ne Ahnung, wo wir inzwi­schen hin gefah­ren sind, aber wir sind da. Die Fahrt macht sie­ben vier­zig; ich gebe ihm einen Zeh­ner – zum Dank für den star­ken Film. 

Auch die Her­ber­ge ist pri­ma. Ich schrei­be mei­nen Namen solan­ge in die fal­schen Zei­len, bis die net­te Frau an der Rezep­ti­on abwinkt, bekom­me einen Schlüs­sel, tra­ge mei­nen Kram nach oben, ste­cke mei­ne Goog­le-Map ein & neh­me einen Block mit. Wer weiß. 

Es geht leicht abwärts. Ich ken­ne mich, was Ver­lau­fen angeht (ich habe vor drei­ßig Jah­ren mal in Bar­ce­lo­na mit­ten in der Nacht auf der Suche nach einem Park­platz einen Kum­pel ver­lo­ren), suche also erst mal die Yel­low Brickro­ad mei­ner Goog­le-Map zurück in die Stadt. Als ich sie gefun­den habe, kann ich mich denn auch zum ers­ten Mal ein biss­chen umsehen. 

Die Stadt ist wie vie­le mit­tel­stän­di­sche Städ­te flach gehal­ten; sie erin­nert irgend­wie an alle Städ­te die­ser Grö­ße, und hat doch wie alle ande­ren einen ganz eige­nen Cha­rak­ter. Ich bin beein­druckt. Am meis­ten von den Autos, die tat­säch­lich anhal­ten & einen pas­sie­ren las­sen, obwohl sie stär­ker sind, selbst der Bus. Bei uns hier kann froh sein, kei­ne aufs Maul zu bekom­men, wenn man den Kopf schüt­telt ob des Rei­fen­pro­fils auf den Stie­feln, das einem irgend so ein BMW-Tre­ter gra­de drauf gemacht hat. 

Die Stadt wird immer schö­ner, je wei­ter mich mei­ne gro­ße brei­te Stra­ße ins Zen­trum führt. Ich set­ze übri­gens eini­ge Land­mar­ken wie Brot­kru­men auf dem Goog­le-Plan, um wie­der nach Hau­se zu fin­den. Als ich dann scharf rechts abbie­ge, wird’s schier wun­der­lich: Die Stadt sieht aus wie aus Fal­ler-Häus­chen – nur dass alle so herr­lich schief & krumm sind, dass ich mich des Gedan­kens nicht erweh­ren kann, die Erbau­er, vom Archi­tek­ten bis hin zu den Mau­rern, müs­sen wohl Vor­fah­ren der bei­den Kna­ben mit den schwe­ren Zun­gen aus dem Taxi gewe­sen sein. 

Ich fin­de irgend­wie in besag­te Kom­mis­se & kom­me aus dem Stau­nen nicht mehr her­aus. Nicht weil ich der Ers­te bin; ich fin­de Unpünkt­lich­keit unhöf­lich; ich bin mein Leb­tag nie zu spät gekom­men, Abga­be­ter­min habe ich noch kei­nen ein­zi­gen ver­säumt, ist also kei­ne Kunst für mich, der Ers­te zu sein. Nein, ich stau­ne ob der Freund­lich­keit, mit der eine strah­len­de Frau mit lan­gem dunk­len Haar auf mich zukommt, dyna­misch mei­ne Hand ergreift, auf einen Tisch vol­ler Namens­schil­der weist & dann auf einen mit Geträn­ken. Wir plau­dern, von ihr waren schon die freund­li­chen Mails. Sie ist ein Schatz. Ich hät­te mich blö­de (in sei­ner alten Bedeu­tung) in eine Ecke gestellt ohne sie. 

Das Foy­er der Kom­mis­se ist eine Mischung aus Kata­kom­be & Glas; man sieht auf einen hel­len Innen­hof hin­aus, in einen Vor­trag­saal vol­ler Stüh­le hin­ein. Die Tem­pe­ra­tur stimmt, käl­ter & nass wird es erst tags dar­auf. Ich hole mir was zu Trin­ken, es tru­delt ein Zwei­ter ein, man kommt ins Gespräch. Er möch­te eigent­lich erst Über­set­zer wer­den. Und da er viel jün­ger ist & er mir den Feh­ler sei­nes Lebens zu machen scheint. (Ich weiß nach 25 Jah­ren in der Bran­che nicht, wo die nächs­te Mie­te her­kom­men soll! Ich hat­te die Chan­ce, an der Uni zu blei­ben, mich für rich­ti­ges Geld mit Slang zu befas­sen & im reich­li­chen Urlaub zu über­set­zen, Herr­gott noch­mal!) Ich erzäh­le ihm dies & jenes, und ich kann nur hof­fen, er hat die nächs­ten Tage über einen Kol­le­gen gefun­den, der nicht so frus­triert ist wie ich. Das Gan­ze tut mir jeden­falls furcht­bar Leid, ich trös­te mich aber damit, dass ihm mei­ne Lita­nei des Bösen mal gele­gen kommt. 

Mei­ne alte Bekann­te vom Bahn­hof trifft ein; sie ret­tet mein Opfer vor mir. Wäh­rend wir plau­schen, zup­pelt hier und da jemand an mei­nem Ärmel. Ach, du lie­be Güte. Ich hat­te mei­nen Work­shop­pern ja gesagt, ich stün­de um vier­zehn Uhr an der Pfor­te. Na gut, das Foy­er ist über­sicht­lich, und es ist kei­ne inter­na­tio­na­le Ver­an­stal­tung, na jeden­falls nicht von der Grö­ße her. Ich begrü­ße eini­ge, weiß aber nicht so recht, was man so vie­len Frem­den sagen soll; wie immer bei mehr als drei Leu­ten führt ein leich­ter Kurz­schluss bei mir auch dies­mal zur nöti­gen Gelas­sen­heit, aber ich sto­ße womög­lich den einen oder ande­ren, den ich auf gleich ver­trös­te & dann ver­ges­se, vor den Kopf, was ich nicht will. Und da ich in der sich lang­sam fül­len­den Hal­le immer wie­der die dunk­len Haa­re der Frau sehe, die mich begrüßt hat, immer strah­lend, lachend, Hän­de schüt­telnd, fra­ge ich mich: Wie macht die das. Ich bin geis­tig viel zu unbe­weg­lich, um mehr als drei Leu­ten zu fol­gen, geschwei­ge denn mich auf sie ein­zu­las­sen. Schließ­lich taucht einer an dem run­den Tisch­chen auf, der auch in mei­nem Work­shop ist & den ich gleich mag. 

Ich habe es nicht so recht mit­be­kom­men, aber es sind jetzt vie­le da & vie­le ken­nen ein­an­der, begrü­ßen sich begeis­tert. Ich gebe zu, ich mag die Atmo­sphä­re, ich hät­te alle für zurück­hal­ten­der gehal­ten, Ein­sied­ler eben, aber das scheint gar nicht der Fall. Und schließ­lich gehe ich, eher spä­ter als die ande­ren in den gro­ßen Saal, der auch sehr alt zu sein scheint und gar nicht so hoch ist, die alte Bal­ken­de­cke unauf­fäl­lig von moder­nen Stahl­trä­gern gestützt, irgend­wie nicht zu groß, nicht zu klein, erstaun­lich hell. Wie­der allei­ne, suche ich mir einen Platz. Har­re der Dinge… 

Die Begrü­ßung ist freund­lich, ver­hal­te­ner Über­schwang statt lär­mi­ger Begeis­te­rung, ange­nehm; die Anspie­lun­gen sind lite­ra­risch, okay, aber damit muss man rech­nen bei so einer Ver­samm­lung, da muss ich durch. 

Eini­ge Kol­le­gen stel­len ihre neue Ein­rich­tung vor, die sich Welt­le­se­büh­ne nennt, und mir eine famo­se Idee zu sein scheint, von der man sicher noch hören wird. Wenn viel­leicht auch nicht bei uns in Nürnberg. 

Dann kommt schon ein High­light: Fritz Senn, ein Mann, des­sen Namen man kennt als Über­set­zer, ein rüs­ti­ger, ange­neh­mer alter Herr, ein Über- und Aus­ein­an­der­set­zer, wie er sich nennt, der, akus­tisch lei­der für mich nicht durch­weg ver­ständ­lich, zum The­ma zu plau­dern beginnt. Über Joy­ce geht es, natür­lich, und dies­mal – natür­lich habe ich den Ulys­ses mal gele­sen, ziem­lich gründ­lich sogar, ich woll­te mich nur nicht ver­be­am­ten las­sen von die­sem Buch – stö­re ich mich noch nicht mal dar­an. Er ist ein pri­ma Plau­de­rer & weiß, wovon er plau­dert: Wir Über­set­zer hät­ten die bes­ten Leser zu sein, meint er, wir dürf­ten nichts aus­las­sen, wie wahr, und dass es sich noch nicht über­all her­um­ge­spro­chen zu haben scheint, dass Über­set­zun­gen eben Über­set­zun­gen sei­en. Das hat mir beson­ders gefal­len. Er spricht vom Ver­bot, sei­nen Autor ver­bes­sern, jeden­falls bei der Über­set­zung höhe­rer Lite­ra­tur, sagt, dass Über­set­zun­gen gute Hilfs­mit­tel sei­en, sich Klar­heit über das Ori­gi­nal zu ver­schaf­fen, bringt eini­ge Bei­spie­le über die Illu­si­on der Über­setz­bar­keit, nennt die Beschäf­ti­gung mit dem Ein­fluss von Joy­ce auf Homer schmun­zelnd ein Hob­by & meint schließ­lich, die Welt sei eben nicht geschaf­fen, um Über­set­zer glück­lich zu machen. 

Schön, das ist mir jetzt etwas zu trans­la­to­zen­trisch, für so wich­tig habe ich mich nie gehal­ten, aber es ist klar, dass hier eine ande­re Klas­se spricht, nicht einer, der mal ein paar Kri­mis ins Deut­sche gezerrt hat wie ich. 

Für spä­ter ist ein ers­tes Buf­fet ange­sagt, das in einem gera­de­zu aber­wit­zi­gen Schand­fleck von einer Beach­an­la­ge im Stadt­park, glau­be ich, statt­fin­det. Da hat sich einer hin­ge­stellt, sich am Kinn gekratzt und gedacht: „Was die­sem herr­li­chen Enten­teich mit dem saf­ti­gen Rasen fehlt, sind ein paar Hun­dert Fuh­ren Sand. Und eine Knei­pe. Und drum rum ein Bam­bus­zaun wie aus der Brü­cke am Kwai, damit uns auch ja kei­ner stif­ten geht – jeden­falls nicht ohne zu zah­len.“ Es war kalt und feucht gewor­den, aber die Heiz­kör­per, die mich an alt­mo­di­sche Gas­la­ter­nen – und Mücken­zap­per – erin­nern, hal­ten uns warm. Ich unter­hal­te mich pri­ma mit mei­ner Bekann­ten vom Bahn­hof und einer rei­zen­den Kol­le­gin, die sich für den Work­shop ange­mel­det hat. Sie hat zwei beson­ders inter­es­san­te Bei­spie­le aus ihrer Arbeit ein­ge­schickt, aus dem Gaeli­schen, die ich nicht so schnell ver­ges­sen werde. 

Abends wur­de gele­sen. Auch hier habe ich, ich muss es zuge­ben, gar nicht so viel erwar­tet, habe mich dann aber auf dem so genann­ten Thea­ter­dach einer umge­bau­ten Müh­le, wür­de ich mal sagen, ganz doll amü­siert. Schon der Bau war ein Gedicht, man sehe mir den Kalau­er nach. Nie habe ich einen so schö­nen Ort für Ver­an­stal­tun­gen die­ser Art gese­hen, ach was, erlebt. Und die Kol­le­gen waren groß­ar­tig. Beson­ders auf­ge­fal­len ist mir aber, dass die – durch­aus komi­sche – Sze­ne einer Beschnei­dung mit Tücken, die Hart­mut Fähndrich aus dem ara­bi­schen Roman Irr­nis­se und Wirr­nis­se des Kna­ben Numân vor­trägt, beson­ders beim weib­li­chen Teil des Publi­kums stür­mi­sche Hei­ter­keit her­vor­zu­ru­fen ver­moch­te; der ande­ren Hälf­te ging es ver­mut­lich wie mir. 

Tags dar­auf ist dann mor­gens Work­shop. Dies­mal bin ich der Ers­te am Rat­haus. Da ich nicht rein kann, dre­he ich noch mal eine Run­de. Der Markt, den man auf dem Platz auf­ge­baut hat, ist rich­tig hei­me­lig. Ich blei­be vor einer gewal­ti­gen Spar­gel­schäl­ma­schi­ne ste­hen; so wie die klei­nen wei­ßen Stämm­chen durch­ge­führt wer­den, erin­nert sie mich an ein Säge­werk, nie gese­hen sowas; wenn das Ding nur nicht viel zu groß für die Küche wäre…

Mein Work­shop ist ein Rein­fall, auch wenn ich mich sau­wohl füh­le in einem Anfall von Reich-Rani­cki, wie ich fast sagen möch­te. Wie immer mer­ke ich, dass die Leu­te stau­nen, dass es über Umgangs­spra­che über­haupt etwas zu sagen gibt. Ich sehe sie die Köp­fe schüt­teln. Nicht dass gar kei­ner mit­ge­macht hät­te, ich will nicht unge­recht sein, aber geret­tet hat mich ein blitz­ge­schei­tes Wesen mit Pep­per­mint Pat­ty-Fri­sur und wun­der­ba­ren gro­ßen Augen, das nicht nur mit­ge­schrie­ben – sie muss­te Pro­to­koll füh­ren, die Ärms­te –, son­dern auch mit­ge­dacht & mit­ge­macht hat, wann immer Funk­stil­le herrsch­te. Ich wer­de ihr ewig dank­bar sein. Nicht dass ich nicht drei Stun­den über Slang reden könn­te, aber das hat­te man mir ja aus­drück­lich ver­bo­ten. Mein per­sön­li­ches Fazit: Über­set­zen wie Wör­ter­buch­ma­chen ist was fürs stil­le Käm­mer­lein; ohne alle nur ver­füg­ba­ren Hilfs­mit­tel ist da nichts zu machen. Brain­stor­ming allein tut es nicht. 

So wie ich mei­ne Map­pe mit den Auf­zeich­nun­gen zu Hau­se ver­ges­sen habe, habe ich es natür­lich auch ver­säumt, mich selbst für einen Work­shop am Nach­mit­tag ein­zu­tra­gen. Also den­ke ich mir, siehs­te dir die Stadt an, auch wenn es nie­selt. Ich lau­fe mir faust­gro­ße Was­ser­bla­sen, wie sich am Abend her­aus­stellt; die duss­li­gen Stie­fel, ich dach­te ja, ich sit­ze nur drei Tage rum. Schließ­lich wird es mir zu nass, ich hole mir am Bahn­hof ein Jazzt­hing und set­ze mich in das letz­te Café, das noch offen hat; es ist Sams­tag­nach­mit­tag, gera­de dass die Geh­stei­ge noch nicht hoch­ge­klappt sind. Bei Tee, Bier & ganz vor­züg­li­chen duf­ten­den Schin­ken­bröt­chen lässt es sich aus­hal­ten. Jazzt­hing hat was über den Sohn von John Col­tra­ne & einen Arti­kel über Götz Als­mann, der mir beson­ders zusagt, weil der Mann altes und abson­der­li­ches Vinyl mit der­sel­ben per­ver­sen Begeis­te­rung sam­melt wie ich alten & neu­en Slang. Ich lese ihn zwei­mal. Ich wer­de ihn noch mal zu Hau­se mit Text­mar­ker durchsehen. 

Um sechs gehe ich rüber in den Rats­kel­ler, wo ich mich mit mei­ner Ret­te­rin und dem Mann aus dem Kurs ver­ab­re­det hat­te, der mir schon am Vor­tag beson­ders auf­ge­fal­len war. 

Mein Schutz­en­gel ließ sich nicht sehen, aber dafür konn­te ich mich umso aus­führ­li­cher mit mei­nem Alters­ge­nos­sen unter­hal­ten, der in etwa mit mir die 60er-Jah­re so knapp ver­passt hat & doch zeit­le­bens von ihnen geprägt wur­de. Und sie wie ich als die bes­te aller Wel­ten zu sehen scheint. Der Gute hat im Leben schon so viel gemacht, dass ich ganz klein wur­de. Allein eine geschäft­li­che Plei­te habe ich mit ihm gemein. Und das hat er nicht etwa ein­fach so erzählt, der Schla­wi­ner, ich muss­te ihm alles aus der Nase zie­hen. Ich kam mir wie ein Auf­schnei­der vor. Ich den­ke mal, wir schraub­ten uns in kür­zes­ter Zeit jede Men­ge Bull­shit ins Ohr, und wenn wir jün­ger gewe­sen wären, ich bin sicher, wir hät­ten sofort das nächs­te Plei­te­un­ter­neh­men auf­ge­zo­gen. Begeis­te­rungs­fä­hi­ge Men­schen, die nicht rech­nen kön­nen, oh Mann. Eine Bekann­te von ihm kam dazu, auch eine Kol­le­gin, die ich wun­der­schön fand & bei der ich noch klei­ner wur­de, weil sie einen nur ansah mit ihren gro­ßen Augen. Nach einem klei­nen Abriss mei­nes geplan­ten Pira­ten­por­nos – Ange­li­que meets Blau­bart – gin­gen die Lich­ter in ihren schö­nen Augen aber schon gründ­lich aus. (Herr­gott, irgend­wie muss doch Geld rein­kom­men. Und es ist gar nicht so ein­fach, eine in ihrer Blü­te in die Skla­ve­rei ver­kauf­te Jung­fer wie­der so rein zu waschen, dass man ihr das War­ten auf den Ers­ten und Ein­zi­gen über tau­send Sei­ten abkau­fen mag. Zumal einer Piratenkönigin.) 

Aber sei’s drum. Am Abend gab’s wie­der Buf­fet. Gleich zu Anfang gab’s eine net­te Über­ra­schung, als mich eine älte­re Dame am Ärmel zupft. Es ist die net­te Kol­le­gin, die nach dem Work­shop so freund­lich mein­te, also ihr hät­te es was gebracht. Die gute See­le. Jetzt sag­te sie, da ich im Work­shop den Film Theo gegen den Rest der Welt erwähnt hat­te, hät­te sie eine Über­ra­schung für mich. Sie weist neben mich & nach einer hal­ben Dre­hung sehe ich mich vor einem freund­li­chen Hünen, zu dem ich rich­tig auf­se­hen muss. „Das ist der Pro­du­zent“, mein­te sie. Stau­nend freue ich mir schier ein Loch in den Ärmel, weil Theo eine mei­ner net­tes­ten Kino­er­in­ne­run­gen ist. Ich sage ihm das auch oder ver­su­che es wenigs­tens, aber ich neh­me an, er bekommt eine Men­ge fal­scher Kom­pli­men­te zu hören. Er erzählt ein biss­chen vom Dreh, von Wes­tern­ha­gen, der so gar nicht glück­lich über den Theo gewe­sen sei, dass man zuerst alles in Ber­lin dre­hen woll­te, sich dann aber doch zu der aber­wit­zi­gen Rei­se in den Süden ent­schloss. Als er erzählt, dass es heu­te noch Kino­be­sit­zer gibt, die ihm sagen, dass sie ihm ihr Rekord­pu­bli­kum ver­dan­ken, ver­stei­ge ich mich zu der Bemer­kung, dass doch sol­che Zah­len noch nicht mal der Eichin­ger schaf­fe, wor­auf er beschei­den meint, der Bernd, der schaf­fe das schon. Aber mit inter­na­tio­na­len Stars, möch­te ich ihm sagen, und Mil­lio­nen­etats; Sie, Sie Wahn­sinns­kerl, haben das mit Theo aus Her­ne und sei­nen Sprü­chen gemacht & kaum einer schlap­pen Mil­li­on! Aber ich sage es nicht; er ist so nett, dass ich nicht spü­ren möch­te, wie ihn das Gefühl beschleicht, sich nun lan­ge genug mit mir unter­hal­ten zu haben. Spä­ter sehe ich ihn noch am Rand der Tanz­flä­che von einem Fuß auf den ande­ren wip­pen wie ein gro­ßer freund­li­cher Bär. Ich den­ke mir, siehs­te, jetzt hast du wenigs­tens was zu erzäh­len, wenn du nach Hau­se kommst; von Über­set­zern will ja doch nie­mand hören… 

Getanzt wur­de auch. Herz­haf­te Oldies auf einer lau­si­gen Anla­ge oder einer, die zumin­dest nicht rich­tig ein­ge­stellt war. Nicht dass ich ein Tän­zer wäre, aber bei vier bal­lon­gro­ßen Was­ser­bla­sen & aal­glat­ten Leder­soh­len, war die Ver­su­chung nicht all­zu groß. Und der Heim­weg war aben­teu­er­lich; aber nach­dem ich – Gott sei’s gedankt – mehr­mals der Ver­su­chung wider­stand, doch etwas frü­her abzu­bie­gen, weil mir der Weg gar so lang schien, kam ich wie­der auf die Yel­low Brickro­ad & sicher und nass wie ein Hund wie­der nach Haus. 

Sonn­tag­mor­gen durf­te ich fest­stel­len, dass mein eben­so geschei­ter wie hüb­scher Schutz­en­gel auch noch in der­sel­ben Her­ber­ge abge­stie­gen war; wür­de ich an was glau­ben, ich wür­de sagen, da hat einer gründ­li­che Arbeit geleis­tet. Nach­dem ich mein Quar­tier bezahlt und mir ein Taxi hat­te rufen las­sen, sah ich die Gute beim Früh­stück in dem plü­schi­gen, aber sonst recht net­ten Spei­se­zim­mer, und so baff wie ich war, setz­te ich mich ein­fach dazu. Eine unver­zeih­li­che Unhöf­lich­keit, die sie mir, so hof­fe ich jeden­falls, nach­sieht, zumal nach einer hal­ben Tas­se Kaf­fee ohne­hin mein Taxi ein­traf. Ich hat­te es für gleich bestellt in der Befürch­tung, es könn­te wie­der so lan­ge dau­ern wie am Frei­tag, bis eines kam. Es kam lei­der viel zu schnell, und es gab on board kei­nen Film. 

Ich bin ent­spre­chend früh wie­der vor der Kom­mis­se. Noch nicht mal der von mir zwei Tage so bestaun­te Aus­bund freund­li­cher Tüch­tig­keit ist frü­her gekom­men, dafür tru­delt eine beleib­te blon­de Frau aus der Stadt mit einem roten Regen­schirm ein, die zwar kei­nen Schlüs­sel mit­bringt, aber aus Nürn­berg stammt, wie sich gleich her­aus­stellt. Auch mit ihr lässt sich pri­ma plau­schen. Unter Scher­zen & Lachen ver­ge­hen eini­ge Minu­ten, dann kommt sie schon, frisch wie am Vor­tag, ein freund­li­cher Wir­bel­wind. Dabei habe ich sie nachts noch tan­zen sehen wie einen Der­wisch! Sie ent­schul­digt sich, weil sie nur zehn Minu­ten zu früh dran ist. Ich habe ein schlech­tes Gewis­sen und neh­me mir vor, künf­tig nicht mehr gar so früh dran zu sein. 

Es gibt noch eine Ver­an­stal­tung mit dem Titel „Der Autor trifft sei­ne Über­set­zer“, die ich wie­der ganz pri­ma fin­de. Und dass ein Autor (Ingo Schul­ze) & sein Über­set­zer (John Woods) um die Ecke von­ein­an­der woh­nen, scheint mir defi­ni­tiv eine gute Idee. Ingo Schul­zes Über­set­ze­rin aus Ungarn ist auch mit dabei, und als sie vor­liest, hört sich das so lyrisch an, dass es mir Leid tut, auch nicht ein Wort zu ver­ste­hen. Die Krö­nung ist aber doch die Pas­sa­ge, die der Autor aus sei­nem Buch vor­liest; ich beschlie­ße, es mir zu kau­fen, wenn ich wie­der zu Hau­se bin, & neben das Bett zu legen. Schon weil es bei sei­nem Umfang sicher eine pri­ma Stu­fe abgibt. 

Der Saal hat sich inzwi­schen zu lee­ren begon­nen; auch ein net­ter Kol­le­ge, mit dem ich kurz vor­her zum ers­ten Mal im Leben gespro­chen habe, muss mit­ten­drin gehen. Dann gibt es noch mal zu essen & ich hole mir eine Gabel Gemü­se und Reis. Ich unter­hal­te mich bei Tisch noch mit einer Frau, die zum ganz unglaub­li­chen Orga­ni­sa­ti­ons­team die­ses Über­set­zer­tref­fens gehört, & hof­fe auf­rich­tig, sie hält mein Kom­pli­ment nicht nur für Bla­bla. Ach, wir machen das jetzt schon zehn Jah­re, meint sie beschei­den. Ande­re las­sen nach zehn Jah­ren alles schlei­fen, den­ke ich mir. Nicht zuletzt der rei­bungs­lo­se Ablauf ist dafür ver­ant­wort­lich, dass sich alle so gut verstehen. 

Na, wie auch immer, die Rei­hen­fol­ge beim Abschied­neh­men bekom­me ich jetzt nicht mehr so ganz hin, aber mei­ne neu­en Bekann­ten waren fast alle darunter. 

Dann bin ich fast wie­der der Ers­te am Bahn­hof, lese im Ste­hen mein Mojo, das ich mir noch in Nürn­berg gekauft habe, wäh­rend sich der Bahn­steig zu fül­len beginnt. Es scheint kei­ne Sitz­ge­le­gen­hei­ten am Bahn­hof zu geben, auch nicht in Braun­schweig, wie ich beim Umstei­gen fest­stel­le; irgend­wie kann ich mich des Gefühls nicht erweh­ren, es gibt da irgend­wo eine Gren­ze, jen­seits der man das Sit­zen auf Bahn­hö­fen nicht so gern sieht. Das ist jeden­falls einer der Gedan­ken, die sich in mei­ne ver­wun­der­ten Betrach­tun­gen dar­über mischen, wie nett das doch war; man spür­te einen berech­tig­ten Stolz, aber es hat kei­ner getrom­melt, es herrsch­te ein gewis­ses Gemein­schafts­ge­fühl, auch wenn eini­ge bes­ser sind & bekann­ter als ande­re. Es hat tat­säch­lich Lust dar­auf gemacht,  Über­set­zer zu sein. 

Im Zug nach Würz­burg – ich habe das Gefühl hun­dert­mal umstei­gen zu müs­sen – befin­det sich mein reser­vier­ter Platz aus­ge­rech­net neben dem eines Herrn, der zwei rich­tig dicke Bücher vor sich auf dem Brett­chen hat, zwei Bücher über die Rei­sen Dar­wins, und auf einem steht der Name eines Kol­le­gen, den ich eben noch gese­hen hat­te, in blau­en Let­tern, ganz unten, aber immer­hin deut­lich les­bar vorn drauf. 

 

 

Schreibe einen Kommentar