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Fremd­wör­ter – irgend­wo zwi­schen deplor­abler Papa­gai­en­kunst und Esprit

Turn­va­ter Jahn (Wiki­pe­dia)

Stets auf der Suche nach einem halb­wegs ver­nünf­ti­gen Ein­satz von Fremd­wör­tern zwi­schen Über­maß aus dum­mer Selbst­ge­fäl­lig­keit und patho­lo­gi­scher, aus der Pho­bie gebo­re­ner Deutsch­tü­me­lei, sticht mir natür­lich jede ein­schlä­gi­ge Aus­sa­ge zum The­ma sofort ins Auge. Offen­sicht­lich haben gegen den Mit­tel­weg auch nur weni­ge etwas ein­zu­wen­den, die Fra­ge ist nur, wo er bei dem einen oder ande­ren ver­läuft. Natür­lich kocht der eine oder ande­re die sprach­li­che Pro­ble­ma­tik eher aus Prin­zip in ein viel kom­ple­xe­res Süpp­chen ein…

So hat­ten wir hier im Blog jüngst Hei­ge­lins Vor­wort zu sei­nem All­ge­mei­nen Fremd­wör­ter-Hand­buch für Teut­sche von 1818, in dem er Turn­va­ter Jahn zitiert:

Raben­nach­spre­chen, Star­mät­zig­keit und Papa­gey­kunst ent­stel­len kein Volk so sehr, als das teut­sche, und unglück­li­cher Wei­se fin­den wir die­se Mis­ge­bur­ten schön, wie man­che Gebirgs­leu­te ihre Kröp­fe. — Klar, wie des Teut­schen Him­mel, fest wie sein Land, ursprüng­lich wie sei­ne Alpen, und stark wie sei­ne Strö­me, blei­be sei­ne Sprache!

Ich habe mal rasch nach dem Ursprung des Zitats gesucht und es in Jahns Werk Deut­sches Volks­thum gefun­den, das 1810 erst­ma­lig erschien. Wir befin­den uns also mit­ten in der Zeit der Napo­leo­ni­schen Krie­ge, zu einer Zeit, in der – nur um den Aus­sa­gen etwas Per­spek­ti­ve zu geben – Deutsch­land des Öfte­ren ein Haupt­kriegs­schau­platz war.1

»In einer Spra­che wird man nur groß. Homer und das gan­ze mus­ter­gül­ti­ge Alter­thum, Ari­os­to, Tas­so, Cer­van­tes und Shea­ke­spe­ar ver­plap­per­ten gewiß­lich nicht ihre Mut­ter­spra­che in frem­den Wör­tern. Spre­chen ohne Spra­che; Spra­chen kön­nen und doch kei­ne ein­zi­ge in sei­ner Gewalt haben; wis­sen, wie Brot in allen Spra­chen heißt, es aber in kei­ner ver­die­nen; Raben­nach­spre­chen, Sta­ar­mät­zig­keit und Papa­gy­en­kunst – ent­stel­len kein Volk so sehr, als das Deut­sche, und unglück­li­cher Wei­se fin­den wir die­se Miß­ge­bur­ten schön, wie man­che Gebürgs­leu­te ihre Kröp­fe. Unse­re Affen­lie­be für frem­de Spra­chen hat lan­ge schon Wind­beu­tel, Auf­blase­frö­sche und Land­läu­fer wich­tig gemacht; in den frem­den Sprach­leh­ren gefähr­li­che Kund­schaf­ter ins Land gezo­gen; durch die Immer­züng­ler und Näse­ler unser bie­der­her­zi­ges Volk ver­dor­ben, unse­re sin­ni­gen Wei­ber ver­puppt. Frem­de Spra­chen sind für den, der sie nur aus Lieb­ha­be­rei und Plap­per­mäu­lig­keit treibt, ein heim­li­ches Gift, Cato’s Aus­ja­gen der Grie­chi­schen Sprach­meis­ter aus Rom ist sel­ten rich­tig ver­stan­den. In einer frem­den Spra­che wird man vor einer Anstö­ßig­keit schon weni­ger roth, und in man­chen klin­gen die Lügen sogar schön. Wenn der Tür­ki­sche Sul­tan etwas Tür­kisch ver­spricht, dann ist Ver­laß auf sein Wort, zum Betrug und zur Wort­täu­sche­rei ent­weiht er die Mut­ter­spra­che nicht. Dazu wähl­te er frem­de, am Liebs­ten Fran­zö­sisch, und wür­de schon bei einer Noth­lü­ge in Ver­le­gen­heit kom­men, wenn er die­se nicht bei Zei­ten  lern­te. Klar wie des Deut­schen Him­mel, fest wie sein Land, ursprüng­lich wie sei­ne Alpen, und stark wie sei­ne Strö­me, blei­be sei­ne Spra­che. Sie ler­ne der Schrift­stel­ler und Red­ner stim­men, wie der Ton­künst­ler das Werk­zug, auf dem er Wohl­laut her­vor­zau­bert.«2

Der etwas jün­ge­re Scho­pen­hau­er,3 immer­hin ein Zeit­ge­nos­se, sieht das alles weni­ger verbissen:

Bis­wei­len auch drückt eine frem­de Spra­che einen Begriff mit einer Nüan­ce aus, wel­che unse­re eige­ne ihm nicht giebt und mit der wir ihn jetzt gera­de den­ken: dann wird Jeder, dem es um einen genau­en Aus­druck sei­ner Gedan­ken zu thun ist, das Fremd­wort gebrau­chen, ohne sich an das Gebel­le pedan­ti­scher Puris­ten zu kehren.

Hier­zu fällt mir eine ande­re Stel­le aus dem­sel­ben Abschnitt ein, der eine beson­ders net­te, wie ich fin­de, Prä­gung enthält:

Die­se all­mä­li­ge Degra­dati­on ist ein bedenk­li­ches Argu­ment gegen die belieb­ten Theo­rien unse­rer so nüch­tern lächeln­den Opti­mis­ten vom “stä­ti­gen Fort­schritt der Mensch­heit zum Bes­se­ren”, wozu sie die deplor­able Geschich­te des bipe­di­schen Geschlechts ver­dre­hen möch­ten; über­dies aber ist sie ein schwer zu lösen­des Problem.

Die »deplor­able Geschich­te des bipe­di­schen Geschlechts« – so was ver­gisst man so schnell nicht wie­der. Aber nur um der schö­nen For­mu­lie­rung kurz auf den Zahn zu füh­len. Schla­gen wir bei Hei­ge­lin (1838)  »deplor­a­bel« nach, so fin­den wir als deut­sche Lösun­gen dafür »kläg­lich, beklagens‑, bewei­nen­s­wert«. Ganz ehr­lich gesagt, so nett ich die For­mu­lie­rung – nicht zuletzt des Fremd­wor­tes wegen – fin­de, ich bräuch­te es hier eigent­lich nicht; »kläg­lich« scheint mir vor­züg­lich zu pas­sen; das mir bis­lang nicht geläu­fi­ge »bewei­nen­s­wert« böte gera­de der heu­ti­gen Sel­ten­heit die­ses Wor­tes wegen einen pri­ma Ersatz. Es macht die For­mu­lie­rung nicht weni­ger exotisch.

Übri­gens führt Hei­ge­lin auch das Verb »deplo­rie­ren« (bekla­gen, bewei­nen) auf, des­sen Ein­satz mir tat­säch­lich – von mei­nem heu­ti­gen Stand­punkt aus – als über­trie­ben erschei­nen wür­de; noch schlim­mer die »Deplo­ra­ti­on« (Bekla­gung, Bewei­nung), die defi­ni­tiv unter Hei­ge­lins Kate­go­rie des »Sprach­keh­rigs« fal­len wür­de. Nur gau­di­hal­ber schla­gen wir auch mal bei Petri (1852) nach und fin­den und »deplor­a­bel« »bejam­mern­swerth«; für »Deplo­ra­ti­on« hat er »Bejam­me­rung, Bekla­gung, Bewei­nung« und für »deplor­i­ren« »bejam­mern, bewei­nen, beklagen«.

Und wie ist es um »bipedisch«bestellt? Nun, Petri hat »Biped« als »zwei­fü­ßi­ges Thi­er« und ent­spre­chend »bipe­disch« als »zwei­fü­ßig«. Die bei­den hat Hei­ge­lin lei­der über­se­hen. Aber sei’s drum, Scho­pen­hau­ers »zwei­fü­ßig« erscheint mir etwas merk­wür­dig, weil es über den Füßen die Bei­ne zu ver­ges­sen scheint. »Zwei­bei­ner« bzw. »zwei­bei­nig« wäre mir lie­ber gewe­sen. Aber weder ein »zwei­fü­ßi­ges«, noch ein »zwei­bei­ni­ges Geschlecht« wol­len so recht zün­den; ich den­ke mal, dass hier der Witz ins Spiel kommt; etwas ande­res als »bipe­disch« wür­de der Wen­dung die­sen wohl neh­men. Was dem augen­zwin­kern­den Ein­satz von Fremd­wör­tern zwi­schen Luft­gän­se­füß­chen um des Wit­zes wil­len ent­spricht, gegen den man nichts haben kann – gera­de weil er den bier­erns­ten Ein­satz aus der Pro­fil­neu­ro­se her­aus kari­kiert. Ande­rer­seits die »bewei­nen­s­wert­he Geschich­te des zwei­fü­ßi­gen Thiers« …

  1. Es wür­de den Rah­men die­ser eher sprach­li­chen Betrach­tun­gen spren­gen, sich mit Jahns Hin­ter­grund zu befas­sen. Das hat, weit bes­ser, als ich es könn­te, Knut Ger­mar in sei­nem Arti­kel »Ein deut­sches Ur-Muhen« in Bon­jour Tris­tesse Nr. 8 (2/2009) gemacht. Nach­le­sen lässt sich das auf Mate­ria­li­en und Kri­tik. []
  2. Zitiert nach der Aus­ga­be von 1817; die von Euler besorg­te Werk­aus­ga­be ist jedoch les­ba­rer; ortho­gra­phisch unter­schei­den sich alle leicht von­ein­an­der, auch Hei­ge­lins Zitat. []
  3. Arthur Scho­pen­hau­er (* 22. Febru­ar 1788 in Dan­zig; † 21. Sep­tem­ber 1860 in Frank­furt am Main) war ein deut­scher Phi­lo­soph, Autor und Hoch­schul­leh­rer. Er war der Sohn der Schrift­stel­le­rin und Salo­niè­re Johan­na Scho­pen­hau­er und Bru­der der Schrift­stel­le­rin Ade­le Scho­pen­hau­er. Scho­pen­hau­er ent­warf eine Leh­re, die glei­cher­ma­ßen Ethik, Meta­phy­sik und Ästhe­tik umfasst. Er sah sich selbst als Schü­ler und Voll­ender Imma­nu­el Kants, des­sen Phi­lo­so­phie er als Vor­be­rei­tung sei­ner eige­nen Leh­re auf­fass­te. Wei­te­re Anre­gun­gen bezog er aus der Ideen­leh­re Pla­tons und Vor­stel­lun­gen öst­li­cher Phi­lo­so­phien. Inner­halb der Phi­lo­so­phie des 19. Jahr­hun­derts ent­wi­ckel­te er eine eige­ne Posi­ti­on des Sub­jek­ti­ven Idea­lis­mus und ver­trat als einer der ers­ten Phi­lo­so­phen im deutsch­spra­chi­gen Raum die Über­zeu­gung, dass der Welt ein unver­nünf­ti­ges Prin­zip zugrun­de liegt. []

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