SlangGuy's Blog ...

Occu­py vs. Che

Pos­ter by Rai­na Dayne

Pos­ters. Wer hat­te nicht mal das eine oder ande­re an der Wand? Als Zei­chen blo­ßer Vor­lie­ben oder als Aus­druck eines, und sei es auch noch so vagen Pros­tests. Und immer auch als Schmuck­stück. Che Gue­va­ra ist ein alter Favo­rit, der eher wie­der an Beliebt­heit gewon­nen zu haben scheint; das »I Want You!«-Poster mit Uncle Sam oder Frank Zap­pa auf dem Thron. Was die letz­ten Jahr­zehn­te anbe­langt, bin ich da nicht so auf dem Lau­fen­den. Aber in jüngs­ter Zeit fie­len mir im Web eine gan­ze Rei­he gra­fisch hoch inter­es­san­ter Pla­ka­te zu einem brand­ak­tu­el­len The­ma auf. Da sind rich­tig star­ke Sachen dabei. Gra­phi­sches zur und aus der Occupy-Bewegung…

Pos­ter by B.L. Singelton

Als Über­set­zer war­te ich wie­der mal. Dies­mal auf ein Manu­skript aus Ame­ri­ka, genau­er gesagt auf das jüngs­te Buch des Anthro­po­lo­gen David Grae­ber, das dann als Schnell­schuss über die Büh­ne gehen muss. Alles steht in den Start­lö­chern, damit der Titel – so die Hoff­nung aller Betei­lig­ten – gleich­zei­tig mit dem Ori­gi­nal in den Staa­ten erscheint. Da ist hier nicht nur Groß­rei­ne­ma­chen bei mei­nen PCs ange­sagt, da emp­fiehlt sich natür­lich auch etwas Recher­che vor­ab. Es soll um die Occu­py-Bewe­gung gehen. Kar­ten vom Ort der Hand­lung habe ich noch von der Über­set­zung eines Bob Dylan-Titels im Herbst an der Wand: die Wall Street ist ja, zumin­dest von weit, weit oben gese­hen, vom Green­wich Vil­la­ge gar nicht so weit ent­fernt. Und heu­te, nach­dem sich das Vil­la­ge kein nor­ma­ler Mensch und mit Sicher­heit kein auf­stre­ben­der Künst­ler mehr leis­ten kann und die Mit­tel­lo­sen unter den Krea­ti­ven über den East River gezo­gen sind, ist die Ent­fer­nung auch gefühs­mä­ßig nicht mehr so groß wie in den 50er- und 60er-Jahren.

Und noch was ver­bin­det die bei­den Über­set­zun­gen: Das Lin­coln Cen­ter, in deren Philar­mo­nic Hall Bob Dylan 1964 ein gro­ßes Kon­zert absol­vier­te, und wo in der gegen­über­lie­gen­den Met letz­ten Herbst Phil­ip Glass’ Gan­dhi-Oper Satyag­ra­ha1 wie­der mal zur Auf­füh­rung kam. In deren Rah­men wie­der­um kam es – unter Mit­wir­kung des  Kom­po­nis­ten aus dem East Vil­la­ge – zu einer sym­bo­li­schen Beset­zung der Met: Occu­py Lin­coln Cen­ter. Und die­se war natür­lich, und damit sind wir beim The­ma, einer der zahl­rei­chen Able­ger der Occu­py Wall Street-Bewe­gung.

Pos­ter by Eric

 

Sieht ganz so aus, als hät­te in den letz­ten Jahr­zehn­ten in der west­li­chen Welt kaum etwas so vie­le Men­schen auf die Stra­ße und Krea­ti­ve zum Stift getrie­ben wie die diver­sen Occu­py-Bewe­gun­gen. Mag sein, dass ich nicht so auf­ge­passt habe, aber es scheint mir fast wie seit dem Viet­nam­krieg nicht mehr. Ver­gleich­ba­re Demons­tran­tio­nen gab es in jüngs­ter Zeit nur in der ara­bi­schen Welt; nur hat das Tem­po, in der die Ereig­nis­se dort über­schlu­gen, sicher dazu bei­getra­gen, dass die Krea­ti­ven sich erst gar nicht an den Tisch set­zen konn­ten, um was zu malen. Und wer da letzt­end­lich gewin­nen wird, muss sich ohne­hin erst zei­gen. Und ob es dann Pos­ter geben wird. Die Fun­da­men­ta­lis­ten schei­nen sich mir auf der gan­zen Welt nicht eben durch die Pro­duk­ti­on von Pos­tern her­vor­zu­tun. Die haben ja schon ihre Pro­ble­me mit Karikaturen.

Pos­ter by Pat Apt

Von der Pos­ter­kul­tur her erin­nert das Gan­ze wirk­lich mehr an die Six­ties. Und Zei­ten von Auf­ruhr umd Umbruch, so heißt es, haben immer gro­ße Pos­ter her­vor­ge­bracht. »Revo­lu­ti­on« ist ein Wort, mit dem man nicht mehr ein­fach so um sich wirft in unse­rer schein­bar in Beton gegos­se­nen Welt, in den 1960ern schien sie in der Luft zu lie­gen. Die Unge­rech­tig­keit einer Situa­ti­on wur­de schon lan­ge nicht mehr so stark emp­fun­den wie die­ser Tage. Selbst Alt­kanz­ler Hel­mut Schmidt weicht auf die Fra­ge »Fin­den Sie denn die Ein­kom­mens­ver­tei­lung in Deutsch­land noch gerecht?« nicht ein­fach aus: »Deutsch­land hat sich im Wesent­li­chen nach ame­ri­ka­ni­schem und eng­li­schem Bei­spiel gerich­tet, und das ist eine nega­ti­ve Ent­wick­lung.«2 Und der Phi­lo­soph Peter Slo­ter­di­jk mein­te im Kon­text der Schul­den­dis­kus­si­on: »Ich habe einen ande­ren schlimms­ten Fall [als eine Rezes­si­on] vor Augen, die voll­kom­me­ne all­ge­mei­ne Demo­ra­li­sie­rung. Auf die steu­ern wir zu. … Die kol­lek­ti­ve Demo­ra­li­sie­rung ist schlim­mer als eine vor­über­ge­hen­de Rezes­si­on je sein kann. … [Die­ser] demo­ra­li­sie­ren­de Effekt geht auch von der Tat­sa­che aus, dass die leis­tungs­lo­sen Ein­kom­men rasend schnell wach­sen.«3 Womit wir nun sicher wie­der in der Wall Street wären. Müs­sen da Pos­ter wie das neben­ste­hen­de groß wundern?

Hier noch ein paar Beispiele.

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bei occu­py together

Pos­ter by Dean­na L

Pos­ter by Jimmy

Die hier gezeig­ten Pos­ters gibt es bei www.occupytogether.org

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  1. Laut Wiki­pe­dia „Fest­hal­ten an der Wahr­heit“, ein von Ghan­di selbst gepräg­tes Wort, das es zuvor in kei­ner indi­schen Spra­che gab. []
  2. ZEIT-Maga­zin Nr. 3, 12.1.2012, im Inter­view mit Gio­van­ni di Loren­zo []
  3. Han­dels­blatt, Nr. 244, 16./17. Dezem­ber 2011, Inter­view []

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