Beschupst, beschumpst oder beschubst – die Gelackten sind wir allemal

Anfang der 70er-Jahre dürfte es wohl gewesen sein, da hörte ich zum ersten Mal jemanden über »diese beschubste Alte« schimpfen. Gemeint war eine der damals aufkommenden »Emanzen«, die ihn zu belehren versuchte, was er da sage, wenn er jemanden »dämlich« nennt. Nun, da auch vierzig Jahre danach diese Art wörterbuchloser Klugscheißer noch nicht dahinter gekommen ist, dass »dämlich« nichts mit »Dame« – sprich »Frau« – zu tun hat, gebe ich dem Schimpfenden auch heute noch Recht. Wie auch immer, das »beschubst« fand ich witzig und es wollte mir nicht aus dem Sinn.

Ich habe seither neben »beschubst« auch »geschubst« gehört, und gelesen habe ich beide auch als »beschubst« und »beschupst«. Und mittlerweile auch noch als »beschumpst«.

Ich dachte immer, »beschubst« hätte mit »schubsen« im Sinne von stoßen zu tun. Mit anderen Worten »beschubst« sei in Analogie zu »behämmert«, »bescheuert«, »beschallert« entstanden. Oder »bekloppt«. Das Schubsen, also der Stoß habe zu einer Geistestrübung geführt.

Dummerweise habe ich bisher keinen Hinweis auf diese Herkunft gefunden. Man müsste sich also auch die anderen Bedeutungen von »beschubsen« / »beschupsen« ansehen.  Eigentlich kein Problem, obwohl die regionalen Ausspracheunterschiede und Schreibweisen fast schon verwirrend sind; schauen wir dazu in den Grimm:

schupsen, verb. heftig stoszen, durch einen plötzlichen stosz in bewegung setzen. eine weiterbildung zu schupfen, schuppen . . . auch schuppsen, schubsen geschrieben. in der litteratur findet sich schupsen nur sehr selten und erst im 19. jahrh.; dagegen ist es in der umgangssprache sehr gebräuchlich. die ältern wörterbücher übergehen es durchweg mit stillschweigen: . . . sehr verbreitet in mitteldeutschen und nd. (nicht in oberd.) mundarten, s. Schm. 2, 438 (Koburg). Hertel sprachsch. 222. Pasch 101 (schubse). Albrecht 207a. Göpfert 45 (schubsn). Sallmann 27b. Frischbier 2, 319b (schubsen, schupsen 1) mit schub fortstoszen, abstoszen, . . . . . . nd. schuppsen Danneil 189b. Mi 78a. Stürenburg 236b. ten Doornkaat Koolman 3, 161a.

Alle diese Schreibweisen scheint es auch mit der Vorsilbe »be-« zu geben, was eigentlich auch kein Problem sein sollte, nur dass wir im Falle von »beschuppen« mit einem anderen Wort über Kreuz kommen.  So finden wir im Grimm erst mal:

beschuppen,  1) squamare, squamis obducere, wovon nur das part. squamatus, beschuppt üblich: das beschuppte heer, squamifera piscium turba, squamosus grex;

die rauhe see
lehrt das beschüpte volk das heisze liebesweh.
Hofmannswaldau getr. sch. 8;

beschupptes heer.
Brockes 1, 367;

glatt beschuppt. 2, 121. 7, 46.1

Squamis obducere, mit Schuppen versehen in dem Sinne, dass man jemanden mit einem »Schuppenpanzer« ausstattet. Wie poetisch. Aber das nur nebenbei. Die für uns relevante Bedeutung finden wir unter 2):

2) desquamare, abschuppen, die schuppen abziehen: der fisch musz beschuppt werden. figürlich, einen betriegen; der jude beschuppt ihn bei jeder zahlung um einige groschen; er wurde bei diesem handel arg beschuppt.2

Und auch bereits im Adelung finden wir unter »schuppen« einen Hinweis auf die betrügerische Nebenbedeutung des Worts:

In dem im gemeinen Leben üblichen beschuppen, durch List oder Geschwindigkeit betriegen, ist es in figürlichem Verstande üblich.3

Verwirrung entsteht dadurch, dass hier aus Aussprachegründen zwei verschiedene Verben durcheinandergeraten: »schubsen« / »schupsen« und »schuppen«. So findet sich auch im Preußischen Wörterbuch von Frischier folgender Eintrag:

schuppen, sw., die Schuppen des Fisches schabend entfernen. Davon ein rohes Kinderspiel: der entblöfzte Arm des Gegners wird mit scharfer Handkante als Fisch geschabt und geschlagen; letzteres soll die Zcrlegung andeuten. Samland (Wilgaiten). Vgl. schupsen.

Und unter schupsen dann:

Schups, m., schupsen, sw., s. Schubs etc.

Sparen wir uns den Schubs und gehen gleich zu schubsen:

schubsen, schupsen, sw., mit Schub fortstofzen. Sie schupsen ihn umher, wie einen schlimmen Schilling. In diesem Sinne auch blofz schuppen. abschupsen. 1. abstofzen. Er schupst ihn von sich ab, stöfzt ihn zurück. 2. abgehen, abziehen. Er hat abschupsen müssen, er hat unverrichteter Sache abschieben, abziehen müssen. 3. stehlen; in dieser Bedeutung doch mehr beschupsen. Sie  haben ihn gut beschupst.

Entsprechend:

beschupsen, sw., übervorteilen, überlisten, betrügen, bestehlen. Von schupsen. Hennig, 320, hat auch beschipsen und beschuppen, Mühling: beschupfen. In Estland beschubben. Sallmann, 98a. Nach Sperber, 7, giebt es ein beliebtes Gesellschaftsspiel „Beschuppt„.

Und in Siegmund Wolfs Wörterbuch des Rotwelschen finden wir:

schuppen [5203] betrügen, (neuer auch:) stehlen . . . – Beschuppen betrügen: . . . – Schupper m Betrüger, Spitzbube: . . . – Zu dt. schupfen, schuppen schnell und heftig stoßen, in ma. Bedeutung aber auch: verlocken, narren, übertölpeln, anführen, be­trügen . . .4

P1140814aa400Ob wir nun als »Beschubste« /»Beschupste« bzw. »Geschubste« / »Geschupste« doof sind, weil man uns gestoßen oder betrogen hat? Find ich echt beschubst, das nicht so recht klären zu können…

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  1. Grimm []
  2. Grimm []
  3. Adelung []
  4. Siegmund A. Wolf, Wörterbuch des Rotwelschen. Hamburg: Buske, 1985. []

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