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Wiki­pe­dia, Über­set­zun­gen & Analpha­be­ten­tum über­haupt

Wenn Sie die hier abge­bil­de­te Auf­for­de­rung zum Geburts­tag von Wiki­pe­dia in die­sem Janu­ar 2016 nicht kolos­sal irr­tiert, ist Deutsch ver­mut­lich nicht Ihre Mut­ter­spra­che. Das macht nichts, dann ler­nen Sie hier was dazu. Schlim­mer wäre, wenn Sie zu den Mil­lio­nen gehö­ren, deren Sprach­ge­fühl von ama­teur­haf­ten Über­set­zun­gen schon der­art ver­dor­ben ist, dass sie einen der­ar­ti­gen Mist nicht mehr sehen. Und natür­lich darf es Ihnen auch ein­fach schnup­pe sein, von mir aus. Aber eines sind Sie mit Sicher­heit nicht: ein Über­set­zer. Der hat näm­lich das Pro­blem, sich immer mehr nach dem Boden­satz des Sprach­ge­fühls rich­ten zu sol­len, in den uns das Inter­net und – lei­der auch die deut­sche Pres­se — in den letz­ten Jahr­zehn­ten zieht…

Sagt der Rich­ter zum Ange­klag­ten: »Erzäh­len Sie mir, ob Sie sich schul­dig beken­nen.«
Sagt die Klei­ne abends zur Mama: »Sagst du mir noch ein Mär­chen?«

Sie wis­sen sofort wor­auf ich hin­aus­will, ja? Ich spre­che hier wirk­lich nicht von fei­ne­ren Unter­schie­den wie dem zwi­schen »jeman­den tref­fen« und »jeman­dem begeg­nen«, nein, ich spre­che von dem Unter­schied zwi­schen »jeman­dem etwas sagen« und »jeman­dem etwas erzäh­len«. Das ist ein Rie­sen­un­ter­schied — etwa ver­gleich­bar wie dem zwi­schen »das« und »dass«.

Inter­es­san­ter­wei­se hät­te man, wäre man tat­säch­lich von einem ande­ren Stern auf deut­schen Boden gefal­len, wirk­lich sei­ne Schwie­rig­kei­ten, den Unter­schied anhand des Wör­ter­buchs aus­zu­kla­mü­se­rn. Wo soll er anfan­gen?

sagen
1. a) (Wör­ter, Sät­ze o. Ä.) arti­ku­lie­ren, aus­spre­chen: etw. laut, lei­se, deut­lich, im Flüs­ter­ton, vor­wurfs­voll s.;
2. a) (Wor­te, Äuße­run­gen) an jmdn. rich­ten: ich habe das nicht zu dir, son­dern zu Peter gesagt; jmdm. Kom­pli­men­te, Grob­hei­ten, trös­ten­de Wor­te, ein paar auf­mun­tern­de Wor­te s.;
© 2000 Duden­ver­lag
3. a) (Gedan­ken, Inhal­te) mit Wor­ten ver­mit­teln, zum Aus­druck brin­gen; aus­sa­gen…1

Ich habe nur eine Hand­voll her­aus­ge­pickt aus dem Rie­sen­ein­trag zu »sagen« im Duden. unter »erzäh­len« heißt es:

erzäh­len  <sw..; hat> [mhd. erz­eln, erz­el­len = auf­zäh­len, berich­ten]: a) schrift­lich od. münd­lich auf anschau­li­che Wei­se dar­stel­len: gut, span­nend e. kön­nen; eine [erdach­te] Geschich­te, eine Anek­do­te e.; den Kin­dern ein Mär­chen e.; erzäh­le kei­ne Mär­chen! (lüg nicht so!); der soll mir nur kom­men, dem werd’ ich was e.! (ugs.; mei­ne Mei­nung sagen!); Ü der Film erzählt die Geschich­te einer unge­wöhn­li­chen Lie­be; die erzäh­len­de (epi­sche) Dich­tung; b) berich­ten: den Her­gang eines Unfalls e.; er hat viel von ihm, über ihn erzählt; er erzähl­te, dass er…; er kann etwas e. (er hat viel erlebt); erzäh­le mir, wie alles gekom­men ist; ich habe mir e. las­sen (man hat mir berich­tet), dass…; das kannst du einem ande­ren, dei­ner Groß­mutter e./mir kannst du viel e. (ugs.; das glau­be ich dir nicht); von einer Rei­se, aus sei­nem Leben e.; c) [in ver­trau­li­cher Unter­re­dung] mit­tei­len, sagen: man kann ihm alles e., was einen inner­lich beschäf­tigt; sie erzählt alles ihrer Freun­din; du darfst aber nie­man­dem [etwas] davon e.!2

Da bekommt man schon eher ein Gespür für den gewis­sen Unter­schied. Aber dar­um geht es mir eigent­lich hier gar nicht. Es gibt so etwas wie ein Sprach­ge­fühl. (Der Link zu Wiki­pe­dia ent­behrt damit nicht einer gewis­sen Iro­nie…) Bei gewis­sen Din­gen muss man nicht nach­schla­gen, man muss sie noch nicht mal erklä­ren können.Das ist wie bei besag­tem Unter­schied zwi­schen »das« und »dass«. Rela­tiv­proo­men? Sub­junk­ti­on? Man muss kein Deutsch­leh­rer sein, um das nicht falsch zu machen. Eben­so weiß man, wo ein Dativ steht, wo ein Akku­sa­tiv. Da muss man nicht sämt­li­che Prä­po­si­tio­nen mit dem einen oder ande­ren Fall auf­zäh­len kön­nen wie jemand, der Deutsch gera­de frisch als Fremd­spra­che lernt. Man hat die Lita­nei ver­ges­sen, macht es aber instink­tiv rich­tig, so wie man sich die Schu­he ordent­lich bin­den kann. Und das ist es, wor­um es mir als Über­set­zer geht, um das Sprach­ge­fühl. Man weiß, dass es etwas rich­tig ist, weil man es ein­fach spürt, weil man es im Urin hat. Und je mehr so ein Mist die­ses Sprach­ge­fühl ver­wäs­sert, des­to frus­trie­ren­der wird die Über­set­ze­rei für den, dem noch ein bis­serl was von die­sem Sprach­ge­fühl übrig geblie­ben ist.

Für einen Über­set­zer ist die­se Ent­wick­lung der deut­schen Spra­che ver­gleich­bar mit dem, was ein ordent­li­cher Koch emp­fin­den müss­te, wür­den alle plötz­lich Kacke für das Gericht schlecht­hin hal­ten, und ich mei­ne jetzt nicht Fast­food, son­dern das, was Ihnen Ihr Fifi beim Gas­si­ge­hen in die Wie­se setzt, damit der nächs­te rein­steigt. »Rein­steigt«, »rein­tritt«, Sie sehen, was ich mei­ne. Aber hier kom­men wei­te­re Fein­hei­ten ins Spiel. Fein­hei­ten, die einen womög­lich wie­der­um dazu ver­an­las­sen könn­ten, doch »erzäh­len« zu set­zen anstat­ten »sagen«. Aber das ist es ja: es geht hier nicht um Fein­hei­ten…

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Und noch was: Falls es sich hier um eine Maschi­nen­über­set­zung han­delt, dann soll­te man eben Maschi­nen in einem Mas­sen­me­di­um wie dem Inter­net ein­fach nicht über­set­zen las­sen. Die brei­te Mas­se ist ein­fach nicht sprach­mün­dig genug für einen der­ar­ti­gen Mist… Über­set­zun­gen glei­chen heu­te mehr und mehr denen von Maschi­nen, und das Maschi­nen­volk, das sind die »hip­pen« Idio­ten, die allem Neu­en hul­di­gen, plap­pert die­sen Mist nach. Und irgend­wann muss ich die­sen Mist in mei­ne Über­set­zun­gen schrei­ben, weil ihn mir irgend­ein sprach­lo­ser Trot­tel ver­lags­sei­tig sowie­so rein­schmie­ren wird…

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… mit Sicher­heit jedoch möch­te ich die­se Art von dep­per­ten Über­set­zungs­feh­lern nicht in einer Enzy­klo­pä­die sehen.

  1. Duden — Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che. CD-Ver­si­on. []
  2. © 2000 Duden­ver­lag []

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