Geht’s auch auf Deutsch?

Sie erinnern sich: es geht ums Übersetzen oder besser gesagt darum, was man heute zunehmend darunter zu verstehen scheint. Genauer gesagt, es geht um den Einfluss schlechter Übersetzungen auf unser Sprachgefühl und um Übersetzungen auf der Basis dieses Sprachgefühls. Es geht mit anderen Worten um einen Teufeskreis.
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Ich schreibe hier über ganz persönliche Eindrücke, um das noch mal zu betonen. Mag sein, dass ich völlig daneben liege. Trotz der beiden Stimmen, die ich letztes Mal zitiert habe. Womöglich bin nur irritiert, weil ich mit meiner Vorstellung vom Übersetzen seit nunmehr über dreißig Jahren in der Branche anecke. Und das heute nicht zuletzt bei Leuten, die womöglich längst in diesem Teufelskreis von schlechter Übersetzung, Gewöhnung / Verbildung, Nachplappern & noch schlechterer Übersetzung gefangen sind. Es gab nämlich durchaus mal eine ältere Garde, die sich nicht an einem anständig übersetzten Satz stieß, nur weil er nach deutschen Sinn- und Satzgesetzen geformt ist, anstatt sich hirnlos an die Gesetzmäßigkeiten einer fremden Sprache zu halten.

Wie auch immer, wollen doch mal sehen, ob sich im Lauf dieses Jahres nicht genügend Belege für meinen Eindruck zusammentragen lassen. Wie dieser Eindruck aussieht?

Nun, natürlich hat es immer zweifelhafte bis lausige Übersetzungen gegeben. Auch in Büchern. Oder um bei dem Vokabular zu bleiben, das ich letztes Mal eingeführt habe, es hat immer schon unidiomatische Übersetzungen gegeben, bei denen man den Eindruck haben könnte, der Übersetzer habe nie jemanden in seiner Muttersprache sprechen gehört, geschweige denn einen ordentlichen deutschen Autor gelesen. Und dann gibt es da, spätestens seit den 80er-Jahren eine Welle von merkwürdig synchronisierten Filmen und Fernsehserien. Heute kommen dazu, unidiomatische Maschinenübersetzungen, von denen gerade das Web überquillt.

Haben diese Übersetzungen, auf das Sprachgefühl von uns Deutschen gewirkt? Ich meine, die zahllosen Lehnübersetzungen, die unsere Sprache überschwemmen, sprechen dafür. Aber hat darunter, so überlege ich, das Sprachgefühl der Deutschen, fast hätte ich der breiten deutschen Masse gesagt, gelitten? Hat es derart gelitten, dass das zu noch unidiomatischeren Übersetzungen geführt hat? Und die wiederum zu noch lausigerem Deutsch? Und das in einem Maße, dass sich hierzulande keiner mehr was bei einer solchen Sprache denkt? Dass man einfach alles hinnimmt und – schlimmer noch – sogar nachplappert, was einem da vorgesetzt wird?

Nun, mal sehen. Lassen Sie mich ein paar Beispiele dafür anführen.

Nehmen wir ein Beispiel, das mir fast täglich im Firefox unterkommt:»Nehmen Sie einen Screenshot…« Nichts gegen den »Screenshot«, ist nun mal ein Fachausdruck, obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn man bei uns etwas in der Art einrichten würde, wie es die Franzosen haben, die zumindest französische Entsprechungen anbieten. Von offizieller Seite, was mir wieder weniger zusagt, aber warum nicht in einem gewaltigen Brainstorming die geballte Kraft unserer eigenen sprachlichen Kreativität nutzen? Auf einer einschlägigen Website?

Aber zum Thema: »ein Foto nehmen« statt »ein Foto machen« oder ein gängiges Synonym dafür? Stößt mir auf. Zugegeben, ich bin auch keiner, der »einen Drink« nimmt, wenn er sich ein Bierchen oder eine Cola gibt. Aber die Leute brauchen das nur oft genug zu lesen. Womöglich hat sich das längst eingebürgert. Was freilich für mein Argument sprechen würde.

Und wo wir grade bei »nehmen« sind:

Auch das ist so eindeutig genau die Art hirnloser Maschinenübersetzung, für die ich im Lauf des Jahres noch weitere Beispiele zitieren werde.

Aber nehmen wir ein anderes Beispiel, diesmal von einem, na ja, sagen wir mal, Humanoiden, übersetzt:

Finden Sie wirklich, besagte »Party-Plaudertasche«, mit der es ja womöglich schon anfängt, würde im Deutschen sagen »ich habe einem der Mädchen ein Glas Wodka gereicht«? Oder »sie kann gut die Hüften schwingen« über ein Mädchen, das sich zu bewegen weiß? Sie sehen, es lässt sich kein Unterschied erkennen zwischen der Humanübersetzung und der maschinellen.

»Er versuchte mich zu entblößen«? Es spielt noch nicht mal eine Rolle, was da im Englischen steht, im Deutschen würde das in diesem Kontext niemand sagen. Und dass, um das mal weiterzuspinnen, irgendein Mensch – Männlein oder Weiblein – von einer versuchten Vergewaltigung berichtet, dass da jemand »viele unangenehme Dinge tat«? Wir werden wohl bei Gelegenheit hier auch darauf eingehen müssen, dass nicht jeder, der übersetzt auch gleich ein Übersetzer ist.

Was das nächste Beispiel umso nerviger macht, ist der Umstand, dass es von einer der ausgezeichneten Synonym-Websites stammt, die ich tagtäglich bei meiner Arbeit benutze:

Gerade der Umstand, dass ein Quatsch wie »mehr Handlungen« auf einer ansonsten sehr brauchbaren Website stammt, macht es für mich so gefährlich.

Und hier können wir das nächste Mal womöglich nahtlos anschließen.

 

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