Gebrauch lächerlicher, anstößiger, oft unanständiger Worte und Redensarten (2)

Begleitend zu meiner neuen Kolumne über den Trend zum Schnitzer in der öffentlichen Übersetzung & der noch nervigeren Macke, diese Schnitzer gleich als modisches Deutsch nachzuplappern, möchte ich hier eine Fundsache aus dem vorletzten Jahrhundert reinstellen. Ich denke, die Parallelen & meine Absicht dahinter, das alte »Werkchen« hier zugänglich zu machen, werden alsbald auch ohne große Ausführungen meinerseits augenfällig…
*

In dieser zweiten Portion wird vielleicht auch klar, warum man als Übersetzer mit seiner Kritik am Übersetzen auf verlorenem Posten steht. O’Clarus Hiebslac, wie der Verfasser Karl Heinrich Schaible sich nennt, bringt hier eine ganze Reihe Übersetzungsfehler von Sir Walter Scott, dem Autor des Ivanhoe, der unter anderem Goethes Götz von Berlichingen ins Englische übertragen hat. Das ist recht interessant, geht dem Profi auch durchaus nahe, aber selbst mir, der sich ganz gerne mit so etwas befasst, um daraus zu lernen, wird das zuviel. Anders gesagt: Führt man zwei, drei Fehler an, heißt es, »Na und, die paar Fehler.« Wird man ausführlicher, nicken einem die Leute weg. Interessant aber die Apologie im Falle von Sir Walter Scott, laut der »zu seiner Zeit gute deutsche Sprachbücher und Lehrer nicht zu haben« gewesen seien. Die zieht nun in Zeiten des Internets wirklich nicht mehr. 

Ich würde allerdings die hier zitierten »Schnitzer« von Pennälern eher für Scherze derselben oder für von Lehrern konstruierte & tradierte Fehler halten. In etwa so, wie einem der Lektor gern mit dem »Laborvertrag« – für labor contract – kommt, wenn er einem die Unfähigkeit seiner Übersetzer vor Augen führen möchte. Merkwürdigerweise ist keiner auf die Frage gefasst, wo ihm das denn untergekommen sei. Ich habe noch nie eine Antwort bekommen. Ich dagegen kann sehr wohl mit Belegen für den Quatsch aufwarten, den man mir seit Jahrzehnten ins Manuskript praktiziert…

Wie auch immer, das alte »Werkchen«, wie der Verfasser es selbst nennt, passt hier zu gut rein, um das nicht durchzuziehen.Nachdem letztes Mal – eher um der Volständigkeit willen – die vier Vorworte dran waren, beginnt heute der eigentliche Vortrag. Viel Vergnügen!

*

1.
Gebrauch lächerlicher, anstößiger, oft unanständiger Worte und Redensarten von Seiten englischsprechender Deutscher.

»Longum iter est per praecepta,
breve et efficax per exempla.«
Seneca

Meine Herren!

Wer von Ihnen wurde nicht schon durch komische Sprach-Schnitzer zum Lachen gereizt, welche deutschsprechende Fremde machten? Die deutsche Sprache ist keine leichte, und Fremde verirren sich leicht im Labyrinthe ihrer Sätze, oder werden konfus hinsichtlich des Geschlechtes und der Stellung der Substantive, der Stellung der Zeitwörter oder vieler andrer Eigentümlichkeiten. »Sie sind noch eine Deutsche ganz,« sagte einmal ein galanter Franzose zu einer deutschen Dame in Frankreich. Das Adverb ganz an der unrechten Stelle erhielt so eine unangenehme Bedeutung. ,,Ich flöhe Ihnen um ein Küßchen,« seufzte ein verliebter Brite zu einem deutschen Stubenmädchen. Sie und Ihnen verwechselt der deutsch-sprechende Engländer so gern wie der Berliner, ebenso gleich- oder ähnlichlautende Wörter, wie: flehen, fliehen, flöhen. Ein Andrer schrieb den Franzosen eine ganz außergewöhnliche Todesverachtung in der Schlacht zu, indem er übersetzte: ,,Die Franzosen bei» Wörth flohten vor den Deutschen«.

Auch die deutsche Druckschrift bietet dem Fremden Schwierigkeiten dar. Einige Buchstaben sind für das ungewohnte Auge zu wenig verschieden, unter andern die Hauptbuchstaben R, K und B, V, die kleinen s und f. Daraus entstehen dann Fehler wie Kinderpest unter Kühen, der heilige Kater anstatt Vater und viele ähnliche. Schiff ist u. a. ein gefährliches Wort. Der Umstand, daß englisch ie oft wie deutsch ei lautet, und englisch ei wie ie veranlaßt zahlreiche Fehler, und das Zeitwort schießen wird gar oft von Engländern mit einem andern verwechselt und Schießpulver in ein Purgiermittel verwandelt. Allerdings hat das Schießpulver bei Hasenfüßen oft die Wirkung eines Purgiermittels.

Von allen Fremden sind wohl die Engländer am waghalsigsten im Übersetzen von fremden Sprachen. Es liegt dies wohl in ihrer National-Eigenschaft, die sie in vielen Dingen groß gemacht, Hindernisse im Wege leicht zu nehmen. Dies geht nun allerdings in Sprachen nicht wie im Leben und in der Politik. Englische Jungen besonders sind sehr kühn im Übersetzen, sie erraten gern, urteilen oft nach in beiden Sprachen etwas ähnlich lautenden Wörtern.1 Sie nennen dieses: to make a shot. Meistens aber geht der Schuß nebenhinaus. So übersetzte einmal Einer den Satz: »Mohammed lebte in düsteren Höhlen« mit »Mohamed lived in dust-holes«, d.h. in Kehrichtgruben. Ein drolliges Beispiel eines solchen »Schusses« gab ein andrer englischer Schuljunge. Auf die Frage des Lehrers: »What is the difference hetween Agnates and Cognates?« antwortete er rasch: »The Agnates are born from the mother, the Cognates from the father.« Er dachte wohl an das familiäre »Old Cook“ (alter Hahn) das vertraulicherweise einem Manne beigelegt wird. –Was bedeutet das Wort »Examen«? fragte der Lehrer wieder. Examen kommt von ex und animus i.e. »out of mind«. »Matriculation« erklärte er weiter, kommt von »matrix« »a female parent«. Was bedeutet »nightingale«? «The nightingale is a bird that sings at night in a gale. Larger birds feed on smaller animals, which accounts for their not being able to sing Songs.« Was ist: »Cap de bonne espérance«? »A Captain of good experience«. – Übrigens giebt es auch deutsche Schuljungen, welche ebenso kühne »Schüsse« wagen. Ich will von solchen nur einige Beispiele anführen. »De mortuis nil nisi bene«, deutsch: »von den Toten nichts als Beene.« »Cæsar omnibus peractis Summa diligentia in Galliam profectus est«. Deutsch: ,,Da der Omnibus besetzt war, reiste Cäsar auf der Imperiale der Diligence nach Gallien.« »Tanta ejus fuit gratia«, deutsch: ,,Seine Tante war eine Grazie.« ,,Medio tutissimus ibis“, deutsch: »In der Mitte ist der lbis am sichersten.«

Aber nicht nur bei englischen Schuljungen findet man solche kühne Schießübungen, ja selbst bei Schriftstellern. Ein komischer Schnitzer der Art ist in einer englischen Übersetzung von Fritz Reuters Werken zu sehen. Da sind die Worte Bräsigs: »Er sah ganz wie ein ausgestopfter Dompfaffe aus«, in folgender Weise übersetzt: »He looked to all intents and purposes like a stuffed dignitary of the Church.« Ein englisches Blatt brachte vor Kurzem folgende Übersetzung: »Das Hauptgericht der Würtemberger besteht in Leberklösen: »The supreme Court of Würtemberg stands in Leberklösen.“ (Bad. Landeszeitung. 29. Jan. 1885.) Selbst der große und gute Sir Walter Scott hat sich in seinen Übersetzungen aus dem Deutschen gar manche Schnitzer zu Schulden kommen lassen. Wenn ich hier von einer von Sir Walter Scotts Übersetzungen aus dem Deutschen eine Auslese gebe, so will ich das Andenken des großen Mannes nicht im geringsten ins Lächerliche ziehen. Walter Scott steht zu hoch in der Achtung aller Nationen und vor allen der deutschen, als daß ihm einige sprachliche Schnitzer in einer seiner Jugendarbeiten wehe thun könnten. Zudem waren zu seiner Zeit gute deutsche Sprachbücher und Lehrer nicht zu haben und der Feuereifer, mit dem er allein an das Studium der schwierigen deutschen Sprache ging, und die Absicht, die besten Werke dieser Sprache dem britischen Publikum durch Übersetzung zugänglich zu machen, verdienen das Lob, den Dank und die Bewunderung der Deutschen. Scott übersetzte in seiner Jugend mehrere deutsche Werke, u. a. Bürgers »Leonore«, 1796 mit dem »Wilden Jäger« veröffentlicht, später den »Erlkönig« und »Götz von Berlichingen«. Von den drei ersten Akten aus dieser letzten Übersetzung gebe ich hier eine Schnitzerlese, bemerke aber noch einmal, daß, trotz komischer Schnitzer der berühmte Schotte Großes leistete, besonders da viele seiner Fehler in Mißverständnis von Sprichwörtern, Redensarten und Eigennamen bestehen, die ihm unbekannt sein mußten. Ich entnehme folgende Auswahl aus dem Kompaß, eine Wochenschrift von C. Volkhausen und L. Walesrode; Hamburg, 25. Jan. 1857. Zweck meiner heutigen Vorlesung ist zudem, in erster Reihe durch Beispiele zu warnen:

Der Bischof kroch zum Kreuz — und der getreuherzige Berlichingen gab unerhört nach, wie er immer thut, wenn er im Vorteil ist.
The Bishop complained to the Circle (Kreisgericht) — while honest B. was condemned unheard, as he always is, even when he is in the right.

Seht doch den Fratzen!
Only mind the gluttons (Vielfraß)!

Sonst kommen wir über die Glatze.
Your glasses may suffer.

Fürsten werden ihre Schätze bieten um einen Mann, den sie jetzt hassen.
Princes shall beg their treasure from a man they hate.

Ich kann die müßigen Leute nicht ausstehen.
I cannot defend idle people.

Der Prior führte mich in den Garten: Das ist nun ihr Bienenkorb.
The prior carried me into their garden, where they had raised beans (Bohnen).

Mein Kloster ist Erfurt in Sachsen.
My convent is involved in business.

Aus mißverstandener Begierde, Gott näher zu rücken.
From a misinterpreted notion of the Deity.

Wenn ihr euch nach dem Schlaf dehnt.
When you give yourself up to a sleep.

Gott wird euch Raum geben.
God will give you space for exertion.

Gebe Gott, daß unser Junge dem Weislingen nicht nachschlägt.
God grant, our boy may pull down that Weislingen.

Der Türmer bläst’s Liedel: Heisa, mach’s Thor auf!
The warder sounds his horn! Henry opens the gate.

Und ich ging im Wirtshaus zum Hirsch in Heidelberg die Treppe hinauf.
I was going up stairs to the venison in the inn at H.

Wenn du dich mit den eiteln, garstigen Vetteln abgabst.
When thou wouldst mix with these lounging, begging Court-sycophants.

Der Bischof lärmte dem Kaiser die Ohren voll, als wenn ihm wunder wie! die Gerechtigkeit ans Herz gewachsen wäre.
The Bishop rung into the Emperor’s ears his regard for justice, till one wondered again.

Der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit schwindet und dann sind sie ganz kleine Stümpfchen Unschlitt.
The rays of glory ad honour totally disappear. They are like old worsted stockings (wollene Strümpfe) in a frosty night (Schlitten?)

Gegen Frankfurt liegt ein Ding über, heißt Sachsenhausen.
Near Frankfort is an ample building, called the Correction-House.

Trotz ein vierzig Landfrieden.
Spite of four years of external peace.

Es sei! Aber ich bin nicht dadurch erbaut.
It may be so – but I must not build upon what you say.

Eine Aussicht viel Stunden weit.
A prospeet that would detain one for hours.

Adelheid. Ihr werdet doch wohl wissen, in welchem Ton ihr mit Weislingen von mir zu reden habt. — Liebetraut. Im Ton einer Wachtelpfeife.
– – – – L. In the tone of a speaking-trumpet (Sprachrohr).

Ein blondes, schönes Haar, und gewachsen wie eine Puppe.
And such fine, light hair, curled like a boy’s. (Bube).

Erzählet das Mädchen, die den Teuerdank lesen, und sich so einen (d. h. ritterlich Wort haltenden) Mann wünschen.
Talk of that to some forsaken damsel whose Corydon has proved forsworn.

Macht das Kindern weiß, die den Rübezahl lesen.
Every Child knows what faith is to be kept with robbers.

Ich wollt’ ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.
I would justice knew that Götz.

In Ruh’ und Frieden mit meinem Nachbar und eine Tochter wohl versorgt dazu.
– – – – and a daughter to look after me.

Ihr wollet nicht zum Nacht-Ims bleiben?
Will you not pass the night here?

Jammern wie einen kranken Poeten, melancholisch wie ein gesundes Mädchem und müßiger als einen alten Junggesellen.
– – – – as melancholy as a forsaken damsel, and as moody as an old bachelor.

Reineck’sche Bauern.
Peasants of the Lower Rhine.

Ich bin anmutig.
I want courage.

Es wäre eine Schande, wenn wir ihn nicht kriegten.
’T were a shame to us, should we not fight him.

Dergleichen Leut’ packen sich nicht wie ein flüchtiger Dieb.
Those people don’t fight like a coy wench (zimperliche Dirne).

[Fortsetzung folgt]

*

Wie gesagt, das zieht sich, deshalb möchte ich hier abbrechen & den Rest der Schnitzerlese in der nächsten Folge bringen. Sie sehen aber vielleicht warum, ich mit den Fundsachen in meiner Kolumne etwas sparsamer umgehe. Zusammenläppern wird sich da so oder so einiges…

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  1. Genau darum geht es u.a. in meiner Kolumne »Geht’s auch auf Deutsch?« []

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