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Geht’s auch auf Deutsch – »Sprach­ver­fall & Jugend­not«?

Ich füh­le mich nun doch bemü­ßigt, hier zwi­schen­durch mal wie­der dar­auf hin­zu­wei­sen, dass der – in Erman­ge­lung eines bes­se­ren Wor­tes – »Sprach­ver­fall«, den ich hier benörg­le, nicht das Gerings­te mit etwas zu tun hat, was man seit Jahr­zehn­ten als »Jugend­spra­che« moniert oder – je nach Posi­ti­on – als sol­che abfei­ert. Ganz im Gegen­teil …

Wenn irgend­wo die Rede von »Sprach­ver­fall« ist, dann fällt in der Regel der Begriff »Jugend­spra­che«; sie ist dann ent­we­der Aus­lö­ser für aller­hand Auf­re­gung oder eine irgend­wie immer etwas her­ab­las­send klin­gen­de Apo­lo­gie – Letz­te­re vor allem sei­tens derer, die damit auf die eine oder ande­re Wei­se Geld ver­die­nen wol­len. Mir geht es weder um das eine noch um das ande­re. Jugend­spra­che, Kanak­sprach, Kiez­deutsch oder wie immer man das im ein­zel­fall grif­fig­keits­hal­ber nen­nen mag, mir sind sie alle recht. Mehr als das, ich bin ein Fan! Wenn ich abmau­len woll­te, da hät­te ich per­sön­lich nun wirk­lich ande­re »Trig­ger« wie etwa »Papier­deutsch« oder das undurch­sich­ti­ge Gela­ber im Schrei­ben irgend­ei­ner Anwalts­kanz­lei – oder eben die Art von Deutsch, die sich durch das mas­sier­te Auf­tre­ten ama­teur­haf­ter »offi­zi­el­ler« Über­set­zun­gen ent­wi­ckelt, das ja The­ma die­ser ansons­ten eher anspruchs­frei­en Gran­tel­ko­lum­ne ist.

Eine eher merk­wür­di­ge Vari­an­te der Kri­tik an der Jugend­spra­che fand ich neu­lich beim Auf­räu­men in einer schma­len ein­schlä­gi­gen Samm­lung aus dem Jah­re 1968 mit dem Titel Die Spra­che der Teen­ager und Twens von Ernst Gün­ter Wel­ter. Erschie­nen ist es in einer Schrif­ten­rei­he zur Jugend­not, deren Her­aus­ge­ber denn auch das Vor­wort besorg­te, um das es hier geht. Es heißt da unter ande­rem:

Jede Jugend­ge­nera­ti­on hat bestimm­te Wor­te und Begrif­fe gehabt, mit deren Hil­fe sie die Spra­che der Erwach­se­nen für sich selbst abwan­del­te … Und jugend­ge­mä­ße Mode­wor­te wird es zu allen Zei­ten gege­ben haben.

Hier aber zeigt es sich, daß sich hin­ter die­sem Sprach­schatz eine tie­fe Jugend­not ver­birgt. Wir fin­den Wör­ter, wie sie der Land­ser im Dreck des vor­de­ren Gra­bens sprach. Wör­ter aus der Gano­ven­spra­che und aus den Slums. Man­cher Begriff ist ganz offen­sicht­lich aus der Mut­ter­spra­che der Besat­zungs­mäch­te abge­lei­tet. Kurz­um, die gan­ze schwe­re Zeit der Jah­re von 1943 bis etwa 1950 spie­gelt sich noch heu­te in den Rede­wen­dun­gen der­je­ni­gen Jugend­li­chen, die damals noch nicht zur Schu­le gin­gen oder knapp zehn Jah­re alt waren, also im Alter ihrer stärks­ten Auf­nah­me­fä­hig­keit.

Irgend­wie muß jeder Mensch sei­ne inne­ren Nöte zum Aus­druck brin­gen – und sei es, daß er sie hin­ter Scherz und Iro­nie zu ver­ber­gen sucht. Eine schwe­re Krank­heit kann jah­re­lang wach­sen, ohne daß der Kran­ke das gerings­te spürt. Der gute Arzt aber ver­mag sie im Unter­grun­de zu erken­nen, wenn er die – jedes für sich – harm­lo­sen Sym­pto­me als Gan­zes betrach­tet.
So kann auch hier nur wie­der gesagt wer­den: Bevor es uns nicht gelingt, alle Quel­len zu ergrün­den, aus denen das trü­be Gewäs­ser „Jugend­not” gespeist wird, wer­den wir ihrer nicht Herr wer­den.
Kurt-Wer­ner Hes­se

Uff!!! kann ich da nur sagen und über­le­ge sofort, was Kurt-Wer­ner wohl, sagen wir mal, zum Kau­der­welsch eines durch­schnitt­li­chen Deutschrap­pers gesagt hät­te, der voll der­be einen auf Gangs­ta macht. Nicht dasss nicht etwas dran sein könn­te an besag­ter »Jugend­not«, schließ­lich spre­chen wir von einem noto­risch schwie­ri­gen Lebens­al­ter, aber hie­ße das dann, dass all die Kids, die die­se Spra­che nicht drauf­ha­ben sich weni­ger gro­ßen Nöten befin­den als ihre hip­pe­ren Alters­ge­nos­sen? Dem nach­zu­ge­hen wäre sich nicht unin­ter­es­sant, aber das über­las­se ich mal lie­ber Beru­fe­ne­ren als mei­ner Mut­ter Sohn.


Wie auch immer, wenn in die­ser Kolum­ne von »Sprach­ver­fall« die Rede ist, dann mei­ne ich damit eigent­lich nichts wei­ter als die Annä­he­rung der deut­schen Spra­che an die Ergeb­nis­se beschis­se­ner Über­set­zun­gen – in der Regel – aus dem Eng­li­schen, mögen die­se nun auf dem Mist von Men­schen- oder dem von Maschi­nen­hir­nen gewach­sen sein. Und ich spre­che eben nicht von Son­der­spra­chen, womög­lich noch nicht ein­mal von der gespro­che­nen All­tags­spra­che, son­dern von dem Mist, der mir allent­hal­ben aus offi­zi­el­len Druckerzeug­nis­sen und dem Web ent­ge­gen­quillt.

Und apro­pos »Not«: Ich lamen­tie­re hier durch­aus vor dem Hin­ter­grund eige­ner Nöte, muss ich mich doch als Über­set­zer zuneh­mend von Leu­ten »kor­ri­gie­ren« las­sen, die mit die­sem Dep­pen­deutsch auf­ge­wach­sen sind und die eine ordent­li­che Über­set­zung längst »retro« anmu­tet – geschwei­ge denn dass sie in der Lage wären, einen anstän­di­gen deut­schen Satz zu ver­ste­hen. Fast möch­te ich davon träu­men, mich, falls sich denn unbe­dingt irgend­ei­ner in mei­ne Arbeit ein­brin­gen muss, von den Algo­rith­men eines Maschi­nen­hirns redi­gie­ren zu las­sen. Deren Deutsch wird näm­lich wit­zi­ger­wei­se in dem Tem­po bes­ser, in dem das Deutsch des durch­schnitt­li­chen »Lek­tors« ver­kommt …

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