Ralph Ellison › Die Biographie (5)

Nur ein zweiter Roman ließ auf sich warten, obwohl er die Arbeit daran sofort nach dem Unsichtbaren begann. Für den Rest seines Lebens saß er darüber, fast jeden Tag, schien aber keinen rechten Focus zu finden. Darüber hinaus schien sein Material einfach nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Die Frage nach dem Werk jedenfalls wurde fast schon zur Farce, als er sie immer auf die gleiche Art und Weise beantwortete: Er komme bestens voran. Es folgten mit Shadow and Act (1964) and Going to the Territory (1986) zwei brillante Essaysammlungen, die seinen Ruf als Autor zementierten, nur nicht das, was man eigentlich von ihm sehen wollte, was er von sich gern gesehen hätte, ein zweiter Roman. Fast möchte man Ellison seinem Protagonisten gegenüberstellen: Hatte die Erkenntnis seiner Unsichtbarkeit das Leben des Invisible Man zu einer Welt unendlicher Möglichkeiten gemacht, so scheint Ellison die eminente Sichtbarkeit über Nacht aller Mög­lichkeiten bis auf eine beraubt zu haben – der eines zweiten künstlerisch hieb- und stichfesten Erfolgs. Einer Theorie zufolge hatte er vielleicht nur einen Roman in sich gehabt; womöglich wäre er besser beraten gewesen, sich auf den Essay als Genre zu konzentrieren. Saul Bellows Ansicht nach fehlte es ihm an der künstlerischen Disziplin; allein schon seine geradezu obsessive Beschäftigung mit den literarischen Möglichkeiten von Folklore, Mythos und Ritual habe ihm die Sicht auf das Wesentliche versperrt. Rampersad verweist neben der Unfähigkeit, sich den Problemen einer neuen Zeit zu stellen, auf die Möglichkeit, Ellisons fast totale Lösung von seinem schwarzen Hintergrund, die Tatsache, dass er fast nur noch mit dem weißen »Establishment« verkehrte, könnte die eigene Unsicherheit über seine Stellung in der schwarzen Welt und die daraus resultierende Gestaltlosigkeit derart verstärkt haben, dass es ihm unmöglich wurde, als Künstler zu funktionieren. Toni Morrison äußerte lapidar den Verdacht, er sei schlicht an einem für den schwarzen Autor ganz normalen Problem gescheitert: »Kunst und, oder versus, Identität.« Mag auch sein, dass er letztlich an seinen eigenen uner­bittlichen Forderungen scheiterte. An den­selben Forderungen, die ihn so hart gegenüber allen jün­geren Talenten erscheinen ließen, die zu unterstützen er sich fast durch die Bank weigerte. Fest steht, dass er den Ruf eines Olympiers genoss und sich gern als Elder Statesman der schwarz­amerikanischen Literatur betrachtete. Und dass er seinen Vorstellungen von Literatur und Kunst ebenso treu blieb wie der romantischen Idee von einem amerikanischen Erbe, das letztlich für die ethnische Integration sorgen würde, für die er allenthalben Belege sah. Und diese Haltung zeugt nicht nur von Integrität, sie erforderte auch beträchtlichen Mut.

Rampersads Biographie ist nicht weniger monumental als Ellisons großer Roman. Mit schier un­glaublicher Geduld, Akribie und Sachkenntnis zusammengetragen, präsentiert er seinen Gegenstand ohne die oft allzu wohlfeile Analyse sowohl was Ellisons Psyche anbelangt als auch das Werk selbst. Meist lässt er die Fakten sprechen, zieht Schlüsse, vermutet, kommentiert hier und da, und das in einem in seiner präzisen Schlichtheit schönen und schön zu lesendem Stil. Und nebenbei erfährt man eine Fülle von Details, die einen immer wieder staunend innehalten lassen: dass in Ralphs Kindheit in Oklahoma City Schwarze zwar Kleidung in Geschäften von Weißen kaufen, aber nicht dort anprobieren durften; dass Ellison fließend Jiddisch sprach; dass er ein ausgezeichneter Fotograf war; dass er sich 1950, während seiner Arbeit an Invisible Man, einen Verstärker für seine HiFi-Anlage nach einer Anleitung in einem Magazin baute, mit deren Autor er dann die HiFi-Anlage von keinem Geringerem als Arturo Toscanini installierte… Es ist schade, dass Bücher wie dieses nie übersetzt werden, sagen sie doch mehr über Amerika und die nach wie vor schwärende »Rassenfrage« als so manche Abhandlung, als so mancher Roman. Ebenso schade wie der Umstand, dass keiner unserer Verlage einer Reihe mit schwarzer Literatur eine Chance zu geben scheint, die das Bild vom Schwarzen als zynischem Kriminellen und Menschen verachtendem Zuhälter, Paroli bieten könnte, wie es sich uns in der Rapmusik präsentiert. Oder um mit Ellisons Worten zu sprechen, die derzeit modische groteske Maske, hinter der man den Menschen nicht sieht.

Ein tragisches Scheitern? Oder eher nur ein trauriges, wie Toni Morrison meint? Wer wollte das sagen? Ein Mann von Ellisons Brillanz wusste, wie er leben wollte. Und falls er sich verkalkuliert hat, so war er alles in allem kühl, distanziert, berechnend und selbstbezogen genug, um unser Mitgefühl nicht zu strapazieren. Ich persönlich hätte ihm den zweiten Roman von Herzen gegönnt. Auf dem Totenbett übrigens hörte Ellison Armstrong. Auf einer rasch gekauften boombox, da seine Frau mit seiner komplizierten Stereoanlage nicht zurecht kam. Und hatte er bei Prokofjew noch lediglich mit dem Kopf genickt, bekam Satchmos Blues seine volle Zu­stimmung: die Spitzen von Daumen und Zeigefinger aneinandergelegt zu einem letzten Symbol.

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