Amerikanische Lyrik (2) – Walt Whitman

1904 erschien bei Diedrichs in Leipzig eine Auswahl aus Walt Whitmans Werk in der Übersetzung von Wilhelm Schölermann. Der Übersetzer gab dem Bändchen auch einige einführende Worte zu Whitman und seinem Werk mit. Aus diesen sei folgender Abschnitt zu Whitmans Person zitiert.

In Emerson verkörpert sich die reine Hoffnung, in Thoreau der schlicht-ursprüngliche Naturglaube, in Whitman aber die Liebe.

Die nachfolgenden Zeilen sind als Zeugnis dieser großen Liebe im Leben Walt Whitmans zusammengestellt für diejenigen, die ihn noch nicht kennen.

WaltWhit5c»Seine äußere Erscheinung«, so erzählt Elbert Hubbard,1 „war die eines zur Reife ausgewachsenen Apoll. Sein baumwollenes kariertes Hemd trug er vom am Halse offen bis zur Brust, und sein Auftreten zeigte etwas so Selbstverständliches und Selbstgenügsames, vor allem Sanftes und Reines, daß man fühlte, er müsse die Kraft eines Riesen haben, ohne sie wie ein Riese zu mißbrauchen. — Whitman nahm fast nie geistige Getränke oder Tabak, denn er brauchte kein trägfließendes Blut in Wallung zu bringen. Ein bedürfnisloser Mensch, aber kein Asket war dieser Einsiedler, der gern unter Menschen ging und statt der Abtötung des Fleisches ein reines, schuldloses Sinnenleben führte, frei von Sündenbewußtsein und ohne Hoffnung auf himmlischen Lohn. Whitman soll in seiner Jugend jenen Ausdruck von Reife, aber im Alter den Abglanz der Jugend in den Gesichtszügen gehabt haben, der häufig ein Kennzeichen ungewöhnlicher Menschen ist. Es offenbart sich in ihnen jene innere Heiterkeit einer ernsten und doch fröhlichen Wissenschaft, von der es bei Nietzsche heißt: „Etlicheaber werden spät jung. Doch spät jung, hält lang jung“.

Mit diesem Eindruck des ganzen Menschen stimmt auch der Bericht von Edmund Gosse überein, der Whitman im Jahre 1884 besuchte: „Der ganze Mensch schien wie der Raum, in dem er war, zur neunten Potenz der Fleckenlosigkeit erhoben, gleichsam sandweiß von Reinheit, wie ein unter der scheuernden Bürste alt gewordener Tannentisch“.

Und Whitmans langjähriger Freund, Dr. Bücke, sagt von ihm: „Seine hohe und wohlgebaute Gestalt, die außergewöhnliche Gesundheit seines Geistes und Körpers, die freien Gesichtszüge und die Anmut seiner Bewegungen und Gebärden verliehen dem Zauber seiner Gegenwart einen Zug ins Große und einen starken Magnetismus …. Die Einfachheit seiner Lebensgewohnheiten und Neigungen, das Breitangelegte und Schöne seines Auftretens, seine Duldsamkeit und Milde, seine immer gleichmäßige Ruhe und Zurückhaltung, die alles umfassende Freundlichkeit und beispiellose Fähigkeit, Zuneigung zu erwecken: das sind untrügliche Beweise seiner vollkommen ausgeglichenen Männlichkeit.“

Dieses Urteil eines hervorragenden Arztes und Leiters einer Heil­anstalt für Geisteskranke scheint um so beachtenswerter, wenn man es  mit den spottlüsternen Äußerungen geistreicher Literaten vergleicht, wie  die des orakelhaften und an unheilbarer Normalomanie erkrankten  Max Nordau,2 dessen Behauptung „Verrückt war Whitman ohne jeden  Schatten eines Zweifels“ jeden Zweifel an der Geistlosigkeit dieser  Art von Literaturpiraten beseitigen sollte.

Whitman gehört in die Klasse der Überlebensgroßen, die in einem verschwenderischen Übermut der zeugenden Naturfülle entstehen. Seines- gleichen sind die großen Schenkenden, die Geber, die Nicht-Normalen, denn ihre Maße und Maßstäbe kann man mit dem kleinen Einmaleins nicht messen. Beethoven oder Bismarck sind von ähnlichem Kaliber; Whitman zeigt auch manche Züge jenes seltsam eindringlichen Ganzmenschen, Jesus von Nazareth — seine hohe, milde Güte und die heroische Liebe. Und dann das Aufrüttelnde, das Gewaltige seiner Predigt (»denn er predigte gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten« — ); diese kräftige Seite im Charakter Christi ist Ja leider so oft und konventionell ins Empfindsame, beinahe Schmerzlüsterne verzerrt worden, daß wir sein wahres Wesen und Angesicht erst in späteren Heldengestalten, wenn auch mit neuen Zügen, wiederzuerkennen vermögen.
Es ist die Güte des Gehenden, des Erneuerers, gefestigt durch die  Stärke des Willens zum Wohltun und Wirken, die nur von den ganz  reichen Menschen so schrankenlos ausströmen kann, wenn sie Gelegenheit findet, von ihrem Überfluß auszuschütten.

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  1. Elbert Hubbard war berühmt für seine umfangreiche Reihe von Künstlerporträts, die alle auf einer Reise zum Haus des jeweiligen Künstlers aufgebaut waren. Das Porträt Walt Whitmans finden Sie in dem Band mit dem Titel Little Journeys to the Homes of American Authors aus dem Jahre 1896. []
  2. Max Nordau – 1849 – 1923 – war Arzt, Schriftsteller, Politiker und Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation. Schölerman spielt hier auf Nordaus kontroverses Werk Entartung (1892) an. []
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