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Putin erteilt den Ame­ri­ka­nern eine Lek­ti­on in Sachen Demokratie

Eine vom über­set­ze­ri­schen Stand­punkt her ganz inter­es­san­te Geschich­te ist bei Lar­ry Kings Inter­view mit Wla­di­mir Putin pas­siert: der Dol­met­scher, der Putin ins Eng­li­sche über­setz­te, hat zuwei­len etwas Schwie­rig­kei­ten, zu einem sau­be­ren eng­li­schen Satz­bau zu fin­den. Was hin und wie­der zu Stel­len führt, bei denen erst das Nach­le­sen der Abschrift die Erkennt­nis bringt.

Ein Bei­spiel dafür ist die Stel­le gleich zu Beginn, als Putin in einer durch­aus raf­fi­nier­ten Retour­kut­sche das ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie­ver­ständ­nis in Fra­ge stellt:

I’d like to recall the fact that twice – twice! – in the histo­ry of the United Sta­tes of Ame­ri­ca, the­re were cases, the can­di­da­te to the pre­si­den­cy who sub­se­quent­ly beca­me pre­si­dent of the United Sta­tes were voted by majo­ri­ty of elec­to­ra­te, with the dele­ga­tes repre­sen­ting the les­ser num­ber of elec­to­ra­te as a who­le. Is that democracy?



Ich für mein Teil hab’ das beim Hören nicht kapiert. Obwohl ich mir sicher bin, dass ein eis­kal­ter Kun­de wie Putin sich im Rus­si­schen durch­aus klar aus­ge­drückt hat. Nicht dass das Tran­skript gehol­fen hät­te. Man ver­renkt sich die letz­ten Syn­ap­sen, aber der Satz ergibt erst einen Sinn, wenn man sei­ne paar Bro­cken Kennt­nis­se über das ame­ri­ka­ni­sche Wahl­sys­tem aus der Schub­la­de zerrt. Dann könn­te man das Gan­ze fol­gen­der­ma­ßen sehen:

I’d like to recall the fact that twice – twice! – in the histo­ry of the United Sta­tes of Ame­ri­ca the­re were cases whe­re the can­di­da­te to the pre­si­den­cy who sub­se­quent­ly beca­me pre­si­dent of the United Sta­tes was voted by the majo­ri­ty of the elec­to­ral col­le­ge, with the dele­ga­tes repre­sen­ting the les­ser num­ber of the elec­to­ra­te as a who­le. Is that democracy?

Ich möch­te dar­an erin­nern, dass es im Ver­lauf der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te zwei­mal – zwei­mal! – vor­ge­kom­men ist, dass der Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat, der schließ­lich Prä­si­dent der Ver­ei­nig­ten Staa­ten wur­de, von der Mehr­heit des Wahl­män­ner­gre­mi­ums gewählt wur­de, obwohl die Dele­gier­ten dort die gerin­ge­re Zahl der gesam­ten Wäh­ler­schaft reprä­sen­tier­ten. Ist das Demo­kra­tie?1

Das ein­zi­ge, was ich über Wah­len weiß, ist der Umstand, dass es angeb­lich nicht nur kei­ne gerech­te Art der Stim­men­aus­zäh­lung gibt, son­dern dass eine sol­che noch nicht ein­mal mög­lich ist. Der Öko­nom Ken­neth Arrow hat für die­se Ent­de­ckung oder bes­ser gesagt für die mathe­ma­ti­sche Erkennt­nis, die sie unter ande­rem ermög­lich­te, den Nobel­preis bekom­men.2 Nicht dass ich das nach­prü­fen könn­te. Aber Putin spielt hier auf das ame­ri­ka­ni­sche Wahl­sys­tem an, bei dem die Prä­si­den­ten nicht direkt, son­dern von einem Wahl­män­ner­gre­mi­um (»Elec­to­ral Col­le­ge«) gewählt wer­den. Zwei­mal in der ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te, so Putins Vor­wurf, hät­ten besag­te Wahl­män­ner einen Prä­si­den­ten gewählt, der nicht die Mehr­heit der vom Volk abge­ge­be­nen Stim­men hatte.

Ich weiß nicht, auf wel­che »zwei« Wah­len Putin anspielt, da Wiki­pe­dia von drei sol­chen Fäl­len berich­tet: 1876, 1888 und 2000.3 Dazu kommt der etwas anders gela­ger­te Fall von 1824, bei dem dann das Reprä­sen­tan­ten­haus den Prä­si­den­ten kür­te. Tat­sa­che ist jeden­falls, dass in Ame­ri­ka vier Wahl­er­geb­nis­se bei den Prä­si­dent­schafts­wah­len nicht den Wil­len bzw. die Stim­men des Vol­kes reflek­tie­ren. Viel­leicht geht die rus­si­sche Wiki­pe­dia etwas weni­ger hart ins Gericht mit den Ame­ri­ka­nern, wer weiß.

Tat­sa­che ist, dass besag­ter Wahl­aus­schuss (»Elec­to­ral Col­le­ge«) der­zeit aus 538 Wahl­män­nern (»elec­tors«) besteht; die­se Zahl ent­spricht der Zahl der Abge­ord­ne­ten im Kon­gress (Reprä­sen­tan­ten­haus: 435; Senat: 100) plus drei Wahl­män­nern aus Washing­ton D.C. Mit ande­ren Wor­ten: Jeder Bun­des­staat hat so vie­le Wahl­män­ner, wie er Abge­ord­ne­te in Washing­ton hat.

Kali­for­ni­en stellt zum Bei­spiel heu­te mit sei­nen 55 Abge­ord­ne­ten ent­spre­chend auch das größ­te Kon­ti­gent an Wahl­män­nern; am ande­ren Ende begnü­gen sich die Staa­ten mit den gerings­ten Ein­woh­ner­zah­len sowie die Bun­des­haup­stadt mit jeweils 3.

Das 19. Jahr­hun­dert inter­es­siert in dem Zusam­men­hang kei­nen mehr, blei­ben wir also in der Gegen­wart. Im Jah­re 2000, wir erin­nern uns vage, hat­te Al Gore 543.895 Wäh­ler­stim­men (»popu­lar votes«) mehr als Bush; das Wahl­män­ner­gre­mi­umelec­to­ral vote«) jedoch mach­te Bush mit 271 Stim­men gegen­über Gores 266
zum Prä­si­den­ten.4

Wie das geht? Ame­ri­ka­ni­sche Wah­len für Dum­mies5

Ganz ein­fach. Die Stim­men des Wäh­lers rei­chen nur bis zu den Wahl­män­nern. Dann schmeißt man sie über Bord. Der Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat, der in einem Staat die meis­ten Wahl­män­ner auf sich ver­ei­ni­gen kann, kommt mit der Zahl der Wahl­män­ner (= Stim­men­zahl) des gan­zen Staats in die nächs­te Run­de, die eigent­li­che Prä­si­den­ten­wahl. Die Stim­men für den ande­ren Kan­di­da­ten in die­sem Staat fal­len unter den Tisch. »Win­ner-takes-all« (»Alles oder nichts«) heißt die­ses Prinzip.

Zwei Bei­spie­le:

Kali­for­ni­en hat­te im Jah­re 2000 54 Abge­ord­ne­te im 106. Kon­gress6 und damit 54 Wahl­män­ner im Wahl­män­ner­gre­mi­um (Elec­to­ral Col­le­ge). Es spielt kei­ne Rol­le, dass in Kali­for­ni­en 4,5 Mil­lio­nenn Wäh­ler sich für Bush ent­schie­den, ja sogar 4,1 Mil­lio­nen für den grü­nen Ralph Nader, Gore hat­te die Nase vorn und damit gin­gen alle 54 kali­for­ni­sche Stim­men im Wahl­aus­schuss an ihn.

In Flo­ri­da dage­gen kamen Bush und Gore prak­tisch auf haar­ge­nau die­sel­be Stim­men­zahl7; den­noch gin­gen Flo­ri­das 25 Stim­men im Wahl­aus­schuss kom­plett an Bush.

Und in North Caro­li­na, um noch ein Bei­spiel zu neh­men, gin­gen von 2 911 262 zwar sat­te 1 257 692 an Gore, aber da Bush die Mehr­heit hat­te, gin­gen alle 14 Stim­men im Wahl­aus­schuss eben an ihn.

Mit ande­ren Wor­ten, die tat­säch­li­che Zahl der abge­ge­be­nen Stim­men wirkt sich zwar auf die Zahl der Stim­men im Wahl­aus­schuss aus, kann aber bei knap­pen Wah­len eben letzt­lich schon mal eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spielen.

Und ein Demo­krat wie Putin mag da durch­aus Zwei­fel anmel­den, ob das denn tat­säch­lich demo­kra­tisch sei:

Wenn wir beim Gespräch mit ame­ri­ka­ni­schen Freun­den auf sol­che sys­te­mi­schen Pro­ble­me ver­wei­sen, dann hören wir mit­un­ter durch­aus: Mischt euch nicht in unse­re Ange­le­gen­hei­ten. Das ist unse­re Tra­di­ti­on, und dabei bleibt es.

  1. Sor­ry, aber mehr Klar­heit bei der Über­set­zung wäre kei­ne Über­set­zung mehr. []
  2. Keith Dev­lin, The Per­plex­ing Mathe­ma­tics of Pre­si­den­ti­al Elec­tions []
  3. Elec­to­ral Col­le­ge (United Sta­tes) []
  4. Wiki­pe­dia []
  5. wie mich; ich muss­te mir das selbst mal auf­schlüs­seln, um es zu kapie­ren []
  6. 52 im Reprä­sen­tan­ten­haus; 2 Sena­to­ren []
  7. Bush: 2 912 790; Gore: 2 219 253 []

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