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I Got My Mojo Working – but it just don’t work on you

»I’m going back to the Six­ties and ste­al Aus­tin Powers’ mojo.«1 Aus­ge­rech­net der James Bond-Ver­schnitt Aus­tin Powers hat dem »mojo« zum inter­na­tio­na­len Durch­bruch ver­hol­fen. Aus­ge­rech­net? Nun, Aus­tin Powers ist ein blü­ten­wei­ßes spil­le­ri­ges Kerl­chen aus Eng­land. Um so recht zu ver­ste­hen, was es mit einem »mojo« auf sich hat, soll­te man sich aber wenigs­tens in Ame­ri­ka umse­hen, vor­zugs­wei­se im alten Süden – am bes­ten in Loui­sia­na – und zurück in die raben­schwar­ze Ver­gan­gen­heit gehen…

 

Oder man ist oder war mal ein rech­ter Blues­fan und hat sich mit den Tex­ten der alten Blue­ser befasst. Auch die Beschäf­ti­gung mit den frü­hen Klas­si­kern schwarz­ame­ri­ka­ni­scher Lite­ra­tur dürf­te Sie ein­ge­weiht haben; bei Zora Nea­le Hurs­ton fin­den Sie alles über Hoo­doo oder Voo­doo, wie der Unein­ge­weih­te gern sagt,2 obwohl die bei­den Begrif­fe nicht ganz deckungs­gleich sind.

Und genau dar­um geht es hier: Voo­doo – die geheim­nis­um­wit­ter­te Reli­gi­on, die ihren Ursprung im west­afri­ka­ni­schen Daho­mey3 hat und Ende des 18. Jhs. mit Skla­ven aus Hai­ti nach Loui­sia­na kam.4 Ent­spre­chend wird Voo­doo auch heu­te noch vor allem, wenn auch bei wei­tem nicht aus­schließ­lich, in Loui­sia­na prak­ti­ziert.5

I’m goin’ to Loui­sia­na, and get me a mojo hand
I’m goin’ to Loui­sia­na, and get me a mojo hand
I’m gon­na fix my woman so she can’t have no other man.
Light­nin’ Hop­kins, »Mojo Hand«

»Mojo hand«, »mojo« oder ein­fach nur »hand« ist das Medi­um, mit des­sen Hil­fe der »doc­tor« oder Voo­dooo­kun­di­ge Macht über Leben und Tod ande­rer gewinnt.

Aber was ist nun ein »mojo«? Nun, in der Regel han­delt es sich um ein klei­nes Lei­nen­säck­chen, das Tei­le toten Getiers – vor allem Eidech­sen, aber auch Insek­ten oder Vögel – sowie Tei­le von Gegen­stän­den ent­hält, mit denen die zu behe­xen­de Per­son engen Kon­takt hat­te: Unter­wä­sche, Fäzes, Fin­ger­nä­gel oder Haa­re. Ein Zau­ber sorgt für die Ver­bin­dung zwi­schen »mojo« und dem Betref­fen­den. Der­je­ni­ge, der sich das »mojo« hat machen las­sen, trägt es um den Hals gehängt oder in der Brief­ta­sche mit sich her­um. Oder zwi­schen den Bei­nen, was die sexu­el­len Kon­no­ta­tio­nen eines »mojo« betont.

Bestimmt wird die Wir­kung des »mojo« durch die Absicht des­sen, der es ein­setzt; es kann anders gesagt hei­len oder ver­flu­chen. Wer über so ein »mojo« ver­fügt, der hat Macht über Lie­be, Leben, Gesund­heit und Tod oder auch nur Glück im Leben. Tat­sa­che ist, dass er eine beson­de­re Aus­strah­lung hat, die auf ande­re wirkt. Und wer immer so ein »mojo« besitzt, der tut gut dar­an es ordent­lich zu ver­ste­cken, denn wenn der ande­re es fin­det, hat man kei­ne Macht mehr über ihn.

My rider’s got a mojo, she’s tryin’ to keep it hid
But papa’s got some­thin’ for to find that mojo with.
Blind Lemon Jef­fer­son, »Low Down Mojo Blues« (1928)

In den ein­schlä­gi­gen Tex­ten ist immer wie­der mal davon die Rede, dafür sor­gen zu wol­len, dass die gelieb­te Per­son kei­ne ande­ren Lover haben kann oder viel­leicht bes­ser »haben will«. Genau das meint der ein­gangs zitier­te Light­nin’ Hop­kins, wenn er sagt: »I’m gon­na fix my woman so she can’t have no other man.« Hier sorgt der mit­hil­fe sei­nes Mojos gewirk­te Zau­ber für eine Art magi­schen Keusch­heits­gür­tel, wenn Sie so wol­len. Und natür­lich ist er nicht der Ein­zi­ge, der sei­ne Frau nicht gern mit ande­ren teilt. Big Bill Broon­zy drück­te das 1939, zehn Jah­re vor Light­nin’ Hop­kins fol­gen­der­ma­ßen aus:

Baby, you got too many dri­vers, …
Yes you know out of all them dri­vers you’­ve got­ten,
you’­re lucky if you don’t get someo­ne kil­led.
Big Bill Broon­zy, »Too Many Dri­vers« (1939)

Da geben sich viel zu vie­le Typen die Klin­ge in die Hand bei der Dame. Oder bes­ser: bei der sit­zen zu vie­le am Steu­er. Ein »dri­ver« ist natür­lich – wie der »rider« – der Lieb­ha­ber. Aber natür­lich möch­te sich das auch umge­kehrt die Frau nicht bie­ten las­sen. So mach­te sich – wie­der zehn Jah­re zuvor – ich die reso­lu­te Ida Cox unter­wegs auf nach Loui­sia­na in ihrem »Mojo Hand Blues«:

I’m going to Loui­sia­na, to get mys­elf a mojo hand
‘Cau­se the­se back­bi­t­ing women are try­ing to take my man
Ida Cox, »Mojo Hand Blues« (1928)

Wenn sie mit ihrem »mojo« den »hin­ter­fot­zi­gen Wei­bern« Herr wer­den will, die ihr den Kerl aus­zu­pan­nen ver­su­chen, hat sie den Tipp womög­lich von Ma Rai­ney, die bereits 1925 im Hoo­doo-Staat Loui­sia­na war:

Going to the Loui­sia­na bot­tom to get me a hoo­doo hand6
Got­ta stop the­se women from taking my man.
Ma Rai­ney, »Loui­sia­na Hoo Doo Blues« (1925)

Texas Alex­an­der’s »mojo« hat eine etwas ande­re Funk­ti­on: bei ihm funk­tio­niert es als magi­sches Auge, um nicht zu sagen als Video­s­pi­on: 

I’m going to Loui­sia­na, get me a mojo hand
Just to see when my woman got ano­t­her man
Texas Alex­an­der, »Tell Me Woman Blues« (1929)

All die­se Funk­tio­nen eines »mojo« dürf­ten wohl deut­lich machen, dass er in sei­ner ursprüng­li­chen Bedeu­tung mehr war als nur der »good luck charm«, der Talis­man oder Glücks­brin­ger, als der er oft besun­gen wird. Obwohl er durch­aus dazu taugt; so bringt er etwa dem Zocker Glück. Hier zeigt sich aber, dass oft­mals gar nicht die »mojo hand« des Hoo­doo-Dok­tors gemeint ist, son­dern ein ande­rer Glück­brin­ger wie etwa der »spark­le stick«:

»Wie’s heißt, macht die Mojo­hand einen zu ‘m neu­en Men­schen und bringt einem Glück. Wenn du nicht mehr weißt, wo oben und unten ist, dann hilft nur eins: hold dir ’ne Mojo­hand. Und ’s gibt kei­ne bes­se­re Mojo­hand als einen Spark­le­ber­ry­zweig. Die India­ner im Polk Coun­ty schwö­ren auf die Kräf­te von so ’nem Spark­le­ber­ry­zweig.«7

Da ist dem Volks­mund also irgend­wann wohl was durch­ein­an­der­ge­kom­men. Aber uns braucht das hier nicht wei­ter zu inter­es­sie­ren.

Got my mojo working, but it just won’t work on you
Got my mojo working, but it just won’t work on you
I wan­na love you so bad till I don’t know what to do.
Mud­dy Waters, »I Got My Mojo Working«

Mud­dy Waters’ »I Got My Mojo Working« ist wohl der Song, von dem die meis­ten von uns vom »mojo« gehört haben dürf­ten. Wie oben gesagt, weder der Song ist von ihm, noch die »mojo hand« selbst. Mud­dy kann ihn von Ann Cole gehört haben, aber ver­mut­lich hat ihn James Cot­ton, der in sei­ner Band Mund­har­mo­ni­ka spiel­te, dar­auf gebracht. Die Sin­gle hat­te aber kei­nen Erfolg; erst die neue flot­te Ver­si­on, die sie 1960 auf dem New­port Jazz Fes­ti­val spiel­ten, wur­de der Hit. Wie auch immer, Mud­dy hat­te sich bereits 1950 eine »mojo hand« aus der größ­ten und bekann­tes­ten Stadt von Lou­sia­na, dem Zen­trum der Voo­doo-Kul­tur, geholt:

I’m going down in New Orleans, hmm­mh, get me a mojo hand
I’m going down in New Orleans, get me a mojo hand
I’m gon­na show all you good loo­king women, just how to tre­at your man
Mud­dy Waters, »Loui­sia­na Blues«

In New Orleans ist ein »mojo« übri­gens eher mal ein »sat­chel of gris-gris«8, weil Voo­doo in die­ser Gegend als »gris-gris« bekannt ist.

They call me Doc­tor John
Known as the Night Trip­per
Got my sat­chel of gris-gris in my hand
Dr. John, »Gris-Gris Gum­bo Ya-Ya«

Den Begriff ken­nen wir wie­der­um von Mac Reben­nack, dem gro­ßen alten Mann der »voo­doo« bzw. »gris-gris music« – ali­as Dr. John. Er erzählt in sei­ner fes­seln­den Auto­bio­gra­phie Under a Hoo­doo Moon (1994) eine gan­ze Men­ge über die Bezie­hung von Hoo­doo / Voo­doo / Gris-Gris und Musik.

Der Begriff »mojo« ging mit der Zeit hin­aus über auf die Kraft, die er einem ver­lieh, und wur­de schließ­lich so ver­all­ge­mei­nert, dass man noch nicht ein­mal mehr den Talis­man an sich zu haben brauch­te, um »mojo« – eine magi­sche Aus­strah­lung bzw. sexu­el­le Anzie­hungs­kraft – zu haben. Jim Mor­ri­son von den Doors war eng mit dem Begriff ver­bun­den; »Mr Mojo Risin« – ein Ana­gram sei­nes Namens – hieß ein Song des Liz­ard King. Trotz­dem führ­te der Begriff in der wei­te­ren Popu­lär­kul­tur eher ein Schat­ten­da­sein, bis ihn Mike Myers 1999 in Aus­tin Powers aus­grub; seit­her haben Kre­thi und Ple­thi »mojo«, wenn sie nur irgend­wie irgend­wo Anklang fin­den. Oder sie haben ein Händ­chen für ihr Metier. Damit hat der Begriff natür­lich sei­nen eins­ti­gen mit­ter­nächt­li­chen Zau­ber ver­lo­ren.

Die Geschich­te des Wor­tes »mojo« selbst ist wie die so eini­ger Wör­ter aus dem Dia­lekt der schwar­zen Ame­ri­ka­ner nicht zwei­fels­frei geklärt. Dar­über dass es aus Afri­ka stammt, scheint man sich aber einig; eini­ge füh­ren es zurück auf das Gul­lah-Wort für Zau­be­rei »moco«, das wie­der­um von einem Fula-Wort für einen Scha­ma­nen kommt: »moco’o«. Die der­zeit ange­sag­te Ety­mo­lo­gie führt es jedoch zurück auf eine der Ban­tu-Spra­chen, aus denen die meis­ten schwarz­ame­ri­ka­ni­schen »Fremd­wör­ter« kom­men; das Ban­tu-Wort »moo­yo« bzw. »moy­oo« bedeu­tet »Geist«  (»spi­rit«).

(Da die­ser klei­ne Text zu den meist­ge­le­se­nen hier gehört, schraub ich hin & wie­der dran rum; die letz­te grö­ße­re Über­ar­bei­tung die­ses Tex­tes erfolg­te am 28.2.2017. )

  1. Aus­tin Powers, The Spy who Shag­ged Me []
  2. Vodun ist eben­falls ein Syn­onym []
  3. seit 1975 die Repu­blik Benin; grenzt an Nige­ria, Niger, Bur­ki­na Faso, Togo und im Süden an den Golf von Gui­nea, genau­er die Bucht von Benin. Bis 1975 hieß das Land Daho­mey. Die Bezeich­nung steht in Tra­di­ti­on zum his­to­ri­schen König­reich Daho­mey, das bis zur Erobe­rung durch die Fran­zo­sen Ende des 19. Jahr­hun­derts den süd­li­chen Teil des moder­nen Staa­tes und des Nach­bar­staa­tes Togo umfass­te. (Wiki­pe­dia) []
  4. Wil­son & Fer­ris, Ency­clo­pe­dia of Sou­thern Cul­tu­re, 492f. []
  5. Gucken Sie mal in die Cast­le-Epi­so­de »Always Buy Retail« rein. []
  6. »the bot­tom« ist hier das Schwar­zen­vier­tel & in der Regel eine eher anrü­chi­ge Gegend []
  7. Mance Lips­comb, zitiert in Mojo Hand: The Life and Music of Light­nin’ Hop­kins von Timo­thy J. O’Bri­en & David Ens­min­ger. Spark­le­ber­ry ist eine Blau­bee­ren­art, die in den USA als Baum wächst & Heil­kräf­te hat; sie­he Mar­ga­re­te Dreß­ler, Die unbe­kann­ten Heil­kräf­te der Blau­bee­re: Wirk­stof­fe und Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten. Das erklärt viel­leicht den Zweig eines sol­chen Bau­mes als Glücks­brin­ger. []
  8. Sie sehen? Kei­ne Rede von einem Spark­le­ber­ry­zweig. []

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Peter Deisinger

    Die Erklä­rung des “Mojo” hat mich über­rascht. Ich such­te eine Über­set­zung und fand eine umfas­sen­de Erör­te­rung zum The­ma. Das ist mal was!

  2. SlangGuy

    Auch wenn ich etwas spät dran bin: Herz­li­chen Dank!

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