SlangGuy's Blog ...

Das Dre­cki­ge Dut­zend (1)

Ich schaue mir als Über­set­zer sehr vie­le Über­set­zun­gen an; zusam­men mit dem Ori­gi­nal. Satz für Satz. Seit den 1970er-Jah­ren schon. Das ist eine gute Mög­lich­keit, sich das eine oder ande­re abzu­gu­cken. Es gibt immer eine Lösung für ein Pro­blem, die auto­ma­tisch – in einer Daten­bank – parat zu haben, ganz prak­tisch ist; es gibt immer eine, auf die man selbst nicht gekom­men wäre. Und natür­lich fin­det man dabei auch jede Men­ge klei­ne­ren oder grö­ße­ren – auch him­mel­schrei­en­den – Murks. Das hat mich vor eini­gen Jah­ren auf die Idee gebracht, der­lei Klöp­se in einer Glos­se zusam­men­zu­tra­gen. Nicht alle, das wäre nicht zu schaf­fen und lang­wei­lig oben­drein, aber ein Dut­zend pro Titel scheint mir durch­aus ver­tret­bar. Also, bit­te­schön, das ers­te dre­cki­ge Dutzend.

Ich könn­te nicht sagen, ob Über­set­zun­gen heu­te schlech­ter denn je sind, das erfor­der­te etwas umfas­sen­de­re sta­tis­ti­sche Arbeit; ich kann nur sagen, dass sie trotz all der Mög­lich­kei­ten, die sich dem Über­set­zer heu­te bie­ten, nicht bes­ser gewor­den zu sein schei­nen. Aber ehr­lich gesagt, wie soll­ten sie auch? Über­set­zer­sei­tig tum­meln sich heu­te in die­sem Metier mehr blu­ti­ge Ama­teu­re denn je.1 Und ver­lags­sei­tig sieht es nicht viel bes­ser aus. Alles, was zu faul zum Arbei­ten ist, bie­tet sich heu­te als frei­er Lek­tor an. Über das Lek­to­rat – frei oder nicht – habe ich hier im Blog schon das eine oder ande­re gesagt, ich möch­te die ein­schlä­gi­ge Arie hier mal außen vor las­sen; Tat­sa­che ist, der Über­set­zer hat heu­te weni­ger über den Inhalt »sei­ner« Über­set­zung zu bestim­men denn je.2 Des­halb ist »das dre­cki­ge Dut­zend« auch kei­ne Über­set­zer­kri­tik, son­dern eine Über­set­zungs­kri­tik, will sagen eine Kri­tik des fer­ti­gen Pro­dukts, das in jedem Fal­le besag­tes Lek­to­rat zu ver­ant­wor­ten hat.3

Ich habe eben das mehr oder weni­ger ver­kaufs­fer­ti­ge Pro­dukt »mei­ner« vor­vor­letz­ten Über­set­zung zurück­be­kom­men, Teil eines Schnell­schus­ses zu einem aktu­el­len The­ma, bei dem ich einer von vie­len war.4 Im Begleit­schrei­ben aus dem Lek­to­rats­bü­ro heißt es sinn­ge­mäß, Hin­wei­se auf »Böcke« neh­me man gern ent­ge­gen, was natür­lich rei­ne Rhe­to­rik ist. Ich mei­ne, wann hät­te ein Lek­tor schon mal einen Feh­ler gemacht?

Um es vor­weg zu neh­men: Ich wüss­te nicht, wo ich anfan­gen soll­te. Am Anfang sicher, aber wie soll man in zwei Tagen 278 Sei­ten einer lek­to­rier­ten Über­set­zung durch­se­hen, deren Redak­ti­on nach fol­gen­den Grund­prin­zi­pi­en erfolg­te: 1) Es spielt kei­ne Rol­le, was da im Ori­gi­nal­text steht. Kon­kret: Es wur­de, diplo­ma­tisch gesagt, »leicht gerafft«. Und 2) Was da im Ori­gi­nal­text steht, spielt über­haupt kei­ne Rol­le. Kon­kret: Der recht prä­zi­se geschrie­ben Ori­gi­nal­text wim­melt in der redi­gier­ten Über­set­zung plötz­lich von unprä­zi­sen bis fal­schen For­mu­lie­run­gen. Und 3) Was der Über­set­zer schreibt, ist wie eh und je pie­pe­gal. Mein Deutsch ist das ein­zig Mög­li­che. Kon­kret: Das alt­ba­cke­ne 08/15-Deutsch des Lek­to­rats ist in jedem Fall die gege­be­ne Lösung.

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Kurz gesagt: Es wur­den eine Unmen­ge Ände­run­gen vor­ge­nom­men. Und die alte Faust­re­gel »Je mehr Ände­run­gen, des­to mehr Feh­ler« greift wie eh und je. Es geht dabei nicht um die »Raf­fun­gen« an sich; das ist eine legi­ti­me Art des Über­set­zens, gegen die ich gar nichts habe, nicht bei einem Sach­buch, aber man soll­te dabei das Hirn ein­schal­ten (oder über­haupt eines haben). Das mag sich nun für vie­le nicht so dra­ma­tisch anhö­ren, aber viel­leicht haben Sie in die­sem Fall ja mit Büchern nichts zu tun und sind mit jedem Satz zufrie­den, der mit eini­gen »Stich­wör­tern« das »zu Sagen­de« irgend­wie zu umrei­ßen scheint. Die Prä­zi­si­on des Aus­drucks, nicht nur bei Heming­way Prin­zip des Schrei­bens, hal­ten Sie ver­mut­lich für kolos­sal über­schätzt. Dann kann Ihnen ein Satz(teil) wie der fol­gen­de natür­lich egal sein:

»wie Par ver­zwei­felt sei­ner Gefan­gen­nah­me durch den Secret Ser­vice zu ent­ge­hen versucht«.

Das ist nicht aus mei­nem Teil der Über­set­zung, aber falls das auf Kon­to des Über­set­zers geht, hät­te es geän­dert gehört – in mei­nem Teil wur­den Hun­der­te von Wör­tern so unnö­tig wie unge­niert durch ande­re ersetzt – »rotz­doof« durch »sau­blöd«, Herr­gott noch mal! Da hät­te »Gefan­gen­nah­me« alle­mal geän­dert gehört. »Gefan­gen­nah­me« gehört in den mili­tä­ri­schen Bereich; der Duden defi­niert das Wort mit »das Ent­waff­nen und Fest­set­zen von Sol­da­ten im Krieg«. Man hät­te »Gefan­gen­nah­me« durch »Ver­haf­tung« oder »Fest­nah­me« erset­zen müs­sen – und sei es auch nur aus der­sel­ben ver­schim­mel­ten Kon­ven­tio­na­li­tät her­aus, die »rotz­doof« in »sau­blöd« zu ändern sich bemü­ßigt sah. Aber das ist nun mal das Pro­blem mit der Kon­ven­tio­na­li­tät – es steckt dahin­ter sel­ten mehr als Phan­ta­sie­lo­sig­keit; mit Intel­li­genz jeden­falls hat sie nie was zu tun.

Aber nun end­lich zum dre­cki­gen Dut­zend aus mei­nem Teil. Und falls Sie alles Fol­gen­de für pin­ge­lig hal­ten, den­ken Sie immer dar­an, dass das Lek­to­rat »pin­ge­lig« genug war, »rotz­doof« durch »sau­blöd« zu ersetzen.

»Eine Kopie von Des­zip oder DES, ja über­haupt eines Ver­schlüs­se­lungs­pro­gramms aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten her­aus­zu­schaf­fen, war eine Straftat.«

Im Eng­li­schen heißt es hier »crime«. Und »crime« ist ein »Ver­bre­chen«. Das der Duden mit »schwe­re Straf­tat« defi­niert. Und auch wenn der Ver­rat von »mili­tä­ri­schen Geheim­nis­sen«, um den es hier geht, im deut­schen Recht als sol­cher nicht expli­zit genannt ist, es geht wenigs­tens um »Lan­des­ver­rat«, und der ist ein »Ver­bre­chen«. Sicher auch eine »Straf­tat«, ja, inso­fern die »Straf­tat« als »straf­ba­re Hand­lung« (Duden) als Über­be­griff steht. Aber dar­um geht es bei die­ser Ände­rung ja nicht. Man hat aus mei­nem »Ver­bre­chen« ein­zig und allein des­halb eine »Straf­tat« gemacht, weil »Ver­bre­chen« dem Ände­rer – um ein neu­es Wort für das StGB des Über­set­zens zu prä­gen – zu hart klingt, zu obs­zön, zu sehr nach Mord und Tot­schlag. Aber es ist ein »schwe­res Ver­bre­chen«, das beim Straf­maß Mord und Tot­schlag in nichts nach­steht. Nicht in Ame­ri­ka. es ist eben kein Laden­dieb­stahl. Genau das will der Autor – und ich als Über­set­zer – mit die­sem Satz und mit »Ver­bre­chen« zum Aus­druck brin­gen. Es ist die typi­sche hirn­lo­se Ände­rung aus Gefühls­grün­den, die ich dem Lek­to­rat seit Jahr­zehn­ten vorwerfe.

»Power­spike und Elec­tron küm­mer­te das angeb­lich wenig, wie sie sagten.«

Im Eng­li­schen heißt es da: »Power­spike and Elec­tron told each other they didn’t real­ly care.« Bei mir hieß das schlicht, die bei­den »sag­ten ein­an­der, was soll’s«. Damit ist alles gesagt. Nicht nur läuft der neue »deut­sche« Satz dem Kon­zept der Redak­ti­on – die Kür­zung – zuwi­der, er ist ein­fach falsch. Ent­we­der wird hier dop­pelt gemop­pelt: »angeb­lich« und »wie sie sag­ten«. Oder es wird mit »angeb­lich« eine neue Per­spek­ti­ve in den Satz gebracht, die eines Drit­ten, die aber im Aus­gangs­satz beim bes­ten Wil­len nicht ange­legt ist. Wie auch immer, ein der­art lau­si­ger Satz, wür­de nach jedem intel­li­genz­be­gab­ten Wesen schnap­pen, wäh­rend es ihn zu Moni­tor bringt.

»Er zog einen Stuhl durch das Zim­mer, stieg dar­auf und drück­te gegen die Decke aus Gips­kar­ton. Die recht­ecki­ge Plat­te war leicht anzu­he­ben, und Par schob die Fotos ins Dunkel.«

Im Eng­li­schen Text heißt es hier: »He pul­led a chair across the room, clim­bed on it and pres­sed on the cei­ling. The rect­an­gu­lar panel of plas­ter­board lifted easi­ly and Par slip­ped the pho­tos in the space, then repla­ced the panel.« Man braucht kein Häus­le­bau­er, noch nicht mal ein Heim­wer­ker zu sein, um das Prin­zip der Sze­ne vor Augen zu haben; man hat es in Dut­zen­den von ame­ri­ka­ni­schen Kri­mis gese­hen: die Decke ist abge­hängt, und nicht etwa mit einer ein­zi­gen gro­ßen Plat­te, nein, mit vie­len klei­ne­ren recht­ecki­gen Plat­ten, die sich in ihrem Rost ein­zeln anhe­ben las­sen. Da lässt sich dann rasch mal was ver­ste­cken. Mal eine Lei­che, mal eine Tat­waf­fe, oder eben ein paar Fotos. In die­sem »deut­schen« Satz ent­steht der Ein­druck, hier hebe jemand die gan­ze Decke an. Eine Decke aus einer ein­zi­gen Gips­plat­te wür­de ziem­lich durch­hän­gen. Sie müss­te an irgend­ei­ne Art von Rost geschraubt sein – und dann lie­ße sie sich nicht mehr anhe­ben. Und selbst dem Dümms­ten müss­te auf­fal­len, dass eine gan­ze Rigips-Decke nie und nim­mer »leicht« anzu­he­ben wäre. Die Per­son hebt eines der vie­len »Gips-Panee­le«, wenn ich mir mal die Frei­heit gestat­ten darf, in einem Rost an. Und schiebt die Fotos in den Spalt, der dabei entsteht.

»Gera­de als er sich umdre­hen woll­te, ließ einer der Agen­ten sei­nen Blick über den zwei­ge­schos­si­gen Motel­kom­plex schwei­fen und blieb an Par hängen.«

Im Eng­li­schen heißt es hier: »Just as Par began to move, one of the agents tur­ned around. He scan­ned the two-storey motel com­plex and his gaze quick­ly came to rest on Par.« Der Agent blieb an dem Gebäu­de hän­gen? Wäh­rend er sei­nen Blick dar­über schwei­fen lässt. Wie­so in aller Welt muss eine – in die­sem Fall ziem­lich wört­li­che – Über­set­zung wie die mei­ne geän­dert wer­den: »Par woll­te sich eben abwen­den, als einer der Agen­ten sich umdreh­te. Sein Blick schweif­te über den zwei­ge­schos­si­gen Motel­kom­plex, um im nächs­ten Augen­blick an Par hän­gen zu blei­ben.« Okay, man könn­te aus dem »Augen­blick« einen »Moment« machen, wenn einem der zwei­te Blick zuviel. Die dop­pel­te Nen­nung des Prot­ago­nis­ten ist eines, nein, das ein­zig Ner­vi­ge an dem Buch: Die Vor­na­men wer­den ad nau­seam wie­der­holt. Aber einen Grund für einen der­art lau­si­gen deut­schen Satz sehe ich nicht.

»Er erin­ner­te Theo­rem an ihre gemein­sa­men Wochen in Kali­for­ni­en, und sie lach­ten lei­se über ihre inti­men Geheimnisse.«

Im Eng­li­schen heißt es hier: »He remin­ded Theo­rem of their time tog­e­ther in Cali­for­nia, of two and a half weeks, and they laug­hed gent­ly over inti­ma­te secrets.« War­um um alles in der Welt lachen die bei­den plötz­lich »über ihre inti­men Geheim­nis­se«? Hecheln die wirk­lich alle ihre inti­men Geheim­nis­se durch. Viel­leicht. Aber das steht nicht im eng­li­schen Satz. Außer einer spon­ta­nen Syn­ap­sen­fehl­zün­dung, wie sie lei­der beim Lek­to­rat üblich ist, gibt es kei­nen irdi­schen Grund, die­sen schlich­ten Satz zu ändern – oder durch eine Ver­än­de­rung zu versauen.

»…was sie mit ihm im Gefäng­nis anstel­len wür­den. Wür­de man ihn nicht lie­ber besei­ti­gen? Die Fra­ge ging ihm nicht aus dem Kopf.«

Im Eng­lisch heißt es hier: »…of what the aut­ho­ri­ties would do to him in pri­son. The ques­ti­on of eli­mi­na­ti­on loo­med lar­ge in his mind.« Wie­so sorgt man hier mit einem »nicht lie­ber« für einen ver­wir­ren­den Gegen­satz. Es soll­te sim­pel hei­ßen: »Wür­de man ihn besei­ti­gen?« »Im Gefäng­nis« ist damit gemeint. Es ist nicht davon die Rede, ob man ihn »nicht lie­ber« besei­ti­gen wür­de, als ihn ein­zu­sper­ren. Ist das wirk­lich zu »fein«? Dann stellt sich natür­lich anders her­um wie­der die Fra­ge: War­um eine Ände­rung vor­neh­men? Offen­sicht­lich erschien dem Ände­rer – gefällt mir immer bes­ser – die­se »Fein­heit« unge­ach­tet ihrer Falsch­heit vonnöten.

Eine ähn­li­che völ­lig über­flüs­si­ge Unklar­heit ent­steht in fol­gen­dem Fall: Wenn aus »Irgend­et­was stim­me in der Anla­ge nicht, sag­te er Nib­bler und Par.« fol­gen­des wird: »Irgend­et­was stim­me in der Anla­ge nicht, stell­te er fest.« Der eng­li­sche Satz spielt hier gar kei­ne gro­ße Rol­le: »He told Nib­bler and Par that some­thing weird was hap­pe­ning in the motel’s pho­ne sys­tem.« Mit »fest­stel­len« ist nicht mehr klar, dass das indi­rek­te Rede ist. Es kann sich auch auf das Ergeb­nis sei­ner Unter­su­chung bezie­hen. Auf den Aus­gangsatz bezo­gen, ist es jedoch indi­rek­te Rede und müss­te »stimm­te nicht« hei­ßen oder etwas ande­res für »fest­stel­len«. War­um über­haupt für der­lei Irri­ta­tio­nen sor­gen? Aber die Fra­ge ist rein rhe­to­risch; man ist eben nicht mit dem Kopf dabei. Oder ist ein­fach nicht für die­se Arbeit, die nun mal sprach­li­che Fein­hei­ten impli­ziert, nicht aus­rei­chend qualifiziert.

»Nach eini­gen Wochen hat­te er plötz­lich das Gefühl, beob­ach­tet zu wer­den. Er frag­te sich, ob die Motel­gäs­te, die drau­ßen in ihren Autos war­te­ten, auf ihn ange­setz­te Spio­ne waren, und begann Gespens­ter zu sehen«

Im Eng­li­schen heißt es hier: »After a few weeks at the motel, howe­ver, he couldn’t shake the fee­ling that he was being wat­ched. The­re were too many stran­gers com­ing and going. He won­de­red if the hotel guests wai­t­ing in their cars were spy­ing on him, and he soon began jum­ping at shadows.« War­um muss hier mein wört­li­ches »konn­te er sich des Gefühls nicht erweh­ren« durch ein »plötz­lich« ersetzt wer­den? Steht doch nicht da. Dass ein gan­zer Satz gestri­chen wird, okay, da will man eben Sei­ten spa­ren. Was mich irri­tiert ist fol­gen­des: Hät­te ich den Satz von mir aus gestri­chen, er stün­de wie­der drin. Und das in der sich hier abzeich­nen­den »Qua­li­tät«. Ich habe ein­mal in Jahr­zehn­ten bewusst einen Satz weg­ge­las­sen. Weil er mir nicht in den Kon­text zu pas­sen schien. Ein ein­zi­ges Mal! Und das hat man mir sofort unter die Nase gerie­ben: »Dort, wo Sie mal einen Satz ver­ges­sen haben…« Sie ver­ste­hen? Was »mehr­mals« impli­ziert. Der Satz stand also genau­so drin, wie ich er mir dem gan­zen Absatz zu wider­spre­chen schien. Aber es war eines von drei, vier guten Lek­to­ra­ten, die ich in all den Jahr­zehn­ten als Über­set­zer hat­te.5 Also habe ich ein Wort abge­än­dert, und die gan­ze Geschich­te bekam denn doch noch einen Sinn. Und ich sehe das als Bei­spiel für eine gelun­ge­ne Zusam­men­ar­beit. Rhe­to­ri­sche Spit­ze hin oder her.

»Was sie nicht wuss­te, war, dass die Jungs von MOD ihren Account dazu benutz­ten, das Altos-Sys­tem zu hacken. Und dass es für alle so aus­sah, als sei sie es.«

»… als sei sie es.« WTF? Es ist mir schon klar, dass jeder sein eige­nes Sprach­ge­fühl hat…

Gleich noch was in die­ser Richtung:

»Das Pro­blem war nur, dass weder Par noch Theo­rem wuss­ten, was Gan­dalf getan hatte.«

Wie gesagt, jeder hat sein eige­nes Sprach­ge­fühl. Aber war­um muss ich mir Jahr­zehn­te lang das Sprach­ge­fühl ande­rer auf­drän­gen las­sen? In die­sem Fall wur­de mein »gemacht« durch »getan« ersetzt. War­um? Was zum Teu­fel geht denn das über­haupt jeman­den an? Und doch kommt die­se Art von pene­tran­ter Klug­schei­ße­rei (sor­ry, aber das ist es!) immer wie­der vor. Es geht hier dar­um, dass jemand etwas »gemacht«, von dem der ande­re nichts gewusst hat. Und ich – mit mei­nem Sprach­ge­fühl – sage eben: »Was hast du denn da wie­der gemacht?« »Was hat der denn da gemacht?« »Was machst du denn da?« etc. War­um muss ich mir dar­aus »Was hast du denn da wie­der getan?« »Was hat der denn da getan?« »Was tust du denn da?« etc. machen las­sen? Ähn­lich ver­hält es sich mit »hin­ab« und »hin­un­ter«. Haupt­sa­che, es wird ins Gegen­teil geän­dert. Das nervt. Und die Fra­ge ist immer wie­der die­sel­be: War­um muss man sich das von jeman­dem bie­ten las­sen, der nicht zwi­schen »Gefan­gen­nah­me« und »Ver­haf­tung« bzw. »Fest­nah­me« unter­schei­den kann? Und das in einer gott­ver­damm­ten Tour: »Was konn­te Par tun?« »Was um alles in der Welt tat sie da Nacht für Nacht vor einem Moni­tor?« etc. Was wills­te machen? Was willst tun? Ne, tut mir Leid, bei mir heißt das eben »machen«.

Ner­vi­ger sind natür­lich Fäl­le, in denen die­se Unter­schie­de im Sprach­ge­fühl zu schlich­tem Dreck führen:

»Den Han­del mit Pass­wör­tern konn­te Par nicht lei­den, aber das muss­te jeder für sich entscheiden.«

»Mord kann ich nicht lei­den«? Sprach­ge­fühl? So jemand muss doch einen Nagel im Ohr haben! Im Eng­li­schen heißt es: »Par didn’t go in for sel­ling pass­words, but to each his own.« Ich hat­te dar­aus gemacht: »Auf den Ver­kauf von Pass­wör­ter konn­te Par nicht, aber jedem das Sei­ne.« Ich will gar nicht dar­auf hin­wei­sen, dass mein Ver­si­on kür­zer und dass der Ton bes­ser getrof­fen – nein, nicht »bes­ser«, das »nicht lei­den kön­nen« ist hier ein­fach falsch. Da fehlt es nicht nur an Kennt­nis­sen der deut­schen Umgangs­spra­che, da fehlt es Sprach­ge­fühl überhaupt.

»Par starr­te gegen die brö­ckeln­de, graue Wand eines alten Raums und sah den Poli­zis­ten beim Tip­pen ihrer Berich­te auf alten, elek­tri­schen Schreib­ma­schi­nen zu.«

Im Eng­li­schen heißt es: »the pee­ling grey paint«, was mir mit »die schup­pi­ge graue Wand« auch auf einen zwei­ten Blick hin anschau­lich über­setzt scheint. Wo zum Gei­er ist hier davon die Rede, dass die Wand »abbrö­ckelt«? Die Far­be blät­tert ab, Herr­gott­noch­mal! War­um zwi­schen »brö­ckeln­de« und »grau« ein Kom­ma muss, ist mir schlei­er­haft. Völ­lig unter­schla­gen ist »beim Tip­pen der Berich­te im Adler-Such-Sys­tem« (»using the two-fin­ger hunt-and-peck method«). Geht halt über den Horizont.

Das geht ewig so wei­ter, Sei­te für Sei­te; auf der eben zitier­ten wird sogar plötz­lich ein Agent des Secret Ser­vice zum »Cop«! Mir wird das zu blö­de. Ich den­ke »das dre­cki­ge Dut­zend« ist ein gutes Kon­zept. Man wüss­te sonst nicht, wo man auf­hö­ren soll­te. Das uralte Rät­sel erhebt wie­der das häss­li­che Haupt: Wenn es kei­ne Rol­le spielt, was da im Eng­li­schen steht – war­um lässt man dann nicht ein­fach die Ver­si­on des Über­set­zers ste­hen? Nun, die Ant­wort dar­auf liegt natür­lich auf der Hand.

Sie hal­ten das alles für Albern­hei­ten, für Lap­pa­li­en? Nun, dann soll­ten sie Bücher viel­leicht gar nicht erst kau­fen dür­fen, noch nicht mal als Unter­set­zer für einen wack­li­gen Schrank. Ach, Ihre Schrän­ke wackeln nicht? Natür­lich nicht, weil Sie einem Schrei­ner – oder Ikea – so ein man­gel­haf­tes Pro­dukt erst gar nicht abkau­fen wür­den! Nur in Büchern kau­fen Sie jeden Mist.

Und falls Ihnen das jetzt etwas lang vor­kam für zwölf pop­li­ge Schnit­zer: Man hat sich das als Über­set­zer eben alles über­legt, sich alle die­se Gedan­ken gemacht, bevor man den Punkt hin­ter einen Satz gesetzt hat. Ich habe kaum je einen Satz über­setzt, bei dem nicht – auto­ma­tisch – ein Dut­zend Ver­sio­nen aus den Fin­gern kamen, die ich abge­wo­gen / abge­wägt und ver­wor­fen habe, bevor ich mich für eine Lösung ent­schied. Das Letz­te, was ich brau­che, ist eine »spon­ta­ne« Ände­rung von jeman­dem, der sich all die­se Gedan­ken so offen­sicht­lich nicht macht.

Die eigent­li­che Fra­ge soll­te doch sein: Stel­len der­lei Ände­run­gen tat­säch­lich die inten­dier­te Ver­bes­se­rung dar?

Ich den­ke, die Fra­ge kann sich jetzt auch der Laie leicht beant­wor­ten. Der schlech­te Witz bei der gan­zen Geschich­te ist immer der­sel­be: Der Über­set­zer, oder jeden­falls der pro­fes­sio­nel­le Über­set­zer, macht sich die­se Gedan­ken eben alle. Das geht ganz auto­ma­tisch. Da flie­ßen Hun­der­te von frü­he­ren Erfah­run­gen ein. Und wenn einem mal was durch die Lap­pen geht, dann fin­det man das im zwei­ten oder drit­ten Durch­gang. Hier und da bleibt mal etwas ste­hen. Und genau das zu fin­den, wäre die Auf­ga­be des Lek­to­rats. Und nicht in über­heb­li­cher, hirn­lo­ser Selbst­herr­lich­keit den gan­zen lie­ben lan­gen Text mit Unge­nau­ig­kei­ten und Feh­lern ver­schmie­ren…6

  1. Den Grund dafür habe ich mal ange­ris­sen. []
  2. Falls es ande­re Lek­to­ren gibt, kei­ne Ahnung, wie die guten Über­set­zun­gen, die ich so fin­de, zustan­de gekom­men sind, mel­den Sie sich doch bei mir. []
  3. Dar­über dann im Rah­men die­ser Serie ein ander­mal mehr. []
  4. Das Schnell­schüs­se von vie­len gemacht wer­den müs­sen, ist auch so eine Unsit­te der Bran­che, die noch einer nähe­ren Erklä­rung bedarf. Sie folgt irgend­wann in die­sem Thea­ter. []
  5. Das ist kei­ne Hyper­bel! Falls sich der Ver­lag noch­mal mel­den soll­te, wer­de ich um die­se Lek­to­rin bit­ten. []
  6. Hin­ten im Anhang sehe ich noch: »Zusätz­li­che Gerichts­pro­to­kol­le (gericht­li­che Doku­men­te der meis­ten Fäl­le, die in die­sem Buch beschrie­ben wor­den sind)«. Wer sol­ches Kin­der­deutsch zu ver­ant­wor­ten hat, der hät­te nun wirk­lich nicht jedes »machen« in ein »tun« zu ändern brau­chen. []

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