John Reed – Poet

In seinem Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Anthologie amerikanischer Lyrik From Totems to Hip-Hop gibt Ishmael Reed seinem Unwillen darüber Ausdruck, wie viele große Dichter aus dem einen oder anderen Grund in den »offiziellen« Anthologien fehlen.Vor alle Schwarze, Latinos und Indianer findet man darin kaum. Reeds Ansicht nach werden deren Gedichte Anthologien nur zum Schluss »aufgesetzt«, von Herausgebern, die in der Regel nicht den Hauch einer Ahnung von multikultureller Literatur haben. Die küren dann etwa den »besten« schwarzen Dichter, ohne auch nur einen anderen zu kennen. Und das gelte durchaus auch für weiße Dichter, die den Kulturverwesern  missfallen, aus politischen Gründen zum Beispiel…

So schreibt er folgendes, das mich aus einem ganz anderen Grund erstaunt:

»John Reed, ein kontroverser weißer Dichter, war einer der interessantesten Dichter des 20. Jahrhunderts. Sein Stil nahm den der Beats vorweg, aber seiner politischen Haltung wegen fehlt er in den meisten Anthologien.«

Man kennt John Reed vor allem als den Autor von Zehn Tage, die die Welt erschütterten, dem Buch, in dem er die russische Oktoberrevolution aus der Perspektive des Augenzeugen schildert. Warren Beatty hat es als Reds mit sich und Diane Keaton in den Hauptrollen verfilmt. Sergei Eisenstein hat sich den Titel für seinen Film Oktober als Untertitel ausgeborgt.

Aber als Dichter? Nie gehört. Ob das nur an den Herausgebern von Anthologien liegt, von denen ich auch ein paar herumliegen habe.

Mal sehen: Die allwissende Library of Congress hat einen Band mit dem Titel The Complete Poetry of John Reed. Edited with a preface by Jack Alan Robbins. Aber selbst mit einer Einführung von Granville Hicks und einer Erinnerung und einem Sonnett von Max Eastman bringt es das Bändchen nur auf 114 Seiten. Ein 1917 in 500 Exemplaren aufgelegter Privatdruck Tamburlaine and Other Poems hat laut der LOC gerade mal 41 Seiten. Bei Amazon habe ich ein von Corliss Lamont herausgegebenes Bändchen mit dem Titel Collected Poems gefunden. Das dürfte mit seinen 120 Seiten so ziemlich alles enthalten. Bin gespannt, was da kommt.

In seiner Anthologie bringt Ishmael Reed einen Auszug aus einem Gedicht John Reeds mit dem Titel »America« (1918), das in der Tat auf den ersten Blick an Ginsbergs »Howl« erinnert:

I have shot craps with gangsters in the Gas House district,
And seen what happens to a green bull on San Juan Hill …
I can tell you where to hire a gunman to croak a squealor,
And where young girls are bought and sold, and how to get coke on 125th Street
And what men talk about behind Steve Brodie’s, or in the private rooms of the Lafayette Baths …

Und zwei Zeilen, die man gleich auswendig lernen möchte:

Sallow garment-workers coughing on a park-bench in the thin spring sun,
Dully watching the leaping fountain as they eat a handful of peanuts for lunch

Ich hoffe, in der Sammlung, die ich bestellt habe ist »America« drin. Einen größeren Auszug aus diesem Gedicht habe ich in der Sammlung Poets of Cambridge, U.S.A. der Harvard University gefunden. Wenn er, wie es hier heißt, 1910 seinen Abschluss an der berühmten Universität machte und dort bereits einen Ruf als Dichter genoss, dann handelt es sich womöglich bei seinen Gedichten größtenteils um Werke aus dieser Zeit. Definitiv dürfte er seinen Ruf einem ziemlichen schmalen lyrischen Werk verdanken. Wie auch immer, »America« mit seinen Luden, Puffmüttern, Straßenmädchen, Anreißern, Rausschmeißern und Anscheißern kaum für eine Blütenlese für amerikanische Schulen. Aber was Anthologien für den Rest von uns angeht, fühle ich mich um was gebracht, mich erst jetzt auf ein Gedicht des Mannes gebracht zu sehen.

Lincoln Steffens, ein befreundeter Journalistenkollege John Reeds, auch er ein »muckraker«, hat einen Nachruf auf den 1920 im Alter von 33 Jahren in Moskau verstorbenen Reed geschrieben. Er beginnt mit dem Satz:

John Reed, American Poet, died, a communist, in Moscow, the capital of the future State, of the disease of the revolutionary present; typhus; he was bitten by a sick louse, a doomed parasite.

Der einzige Amerikaner übrigens, der unter dem Kreml begraben liegt.

 

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