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Ugs-Pro­jekt 6: tüttelig

Das Fern­se­hen, ins­be­son­de­re anno dun­nemals die Über­tra­gun­gen des Ham­bur­ger Ohn­sorg-Thea­ters, war sicher nicht ganz unschul­dig an der wei­te­ren Ver­brei­tung die­ses put­zi­gen nie­der­deut­schen Adjek­tivs, das defi­ni­tiv in den gesamt­deut­schen Wort­schatz auf­ge­nom­men gehört. 

Bei Hafen­kan­te und Groß­stadt­re­vier, so den­ke ich, habe ich es auch schon hin und wie­der gehört. Tüd­de­lig, tüt­te­lig, tüde­lig, tüd­de­lich – wie man es auch schrei­ben mag, das Adjek­tiv gibt es in einer Rei­he von Mund­ar­ten, wenn auch mit meh­re­ren unter­schied­li­chen Bedeu­tun­gen. Ich habe jedoch den Ein­druck, dass unter die­sen die Bedeu­tung »wirr im Kopf« (sie­he Bedeu­tung 1 im Fol­gen­den) sich all­ge­mein durch­zu­set­zen begon­nen hat. Hier wäre es inter­es­sant, wenn der eine oder ande­re Leser einen Kom­men­tar dazu hin­ter­lie­ße, wie es sich damit in sei­ner Gegend verhält.

Beson­ders oft scheint man »tüt­te­lig« – mehr oder weni­ger gut­mü­tig – in der Bedeu­tung »wirr im Kopf« mit älte­ren Men­schen in Ver­bin­dung zu brin­gen; man sagt dann, jemand sei »schon ganz tüd­de­lig«; aber der Ein­fluss des Wet­ters tut es wohl auch, um vor­über­ge­hend tüt­te­lig zu werden. 

Was die Ety­mo­lo­gie anbe­langt: Ver­wandt ist »tüt­te­lig« mit dem Sub­stan­tiv »Tüder« bzw. »Tüdel« sowie mit dem Verb »tütern« bzw. »tüdern«. Letz­te­res defi­niert der Grimm mit »sto­ckend, wirr, ver­wor­ren reden, stot­tern; ’sich im reden oder im her­sa­gen von aus­wen­dig gelern­tem ver­wir­ren und in wider­spruch gera­ten’«. Der Duden hat unter »tütern« »in Unord­nung brin­gen, tüdern«. »Tüder« bzw. »Tüdel« ist Ver­wir­rung, die Unord­nung, das Durch­ein­an­der. Und wenn ich je so ein »Tüdel« gese­hen habe, dann ist das die Viel­zahl der Lau­tun­gen und Schrei­bun­gen, die es zu die­sen paar Wört­chen gibt; sie fül­len buch­stäb­lich Seiten. 

Das Wör­ter­buch der Ost­frie­si­schen Spra­che von J. ten Doorn­kaat Kool­man (wenn das mal kein coo­ler Name ist!) bringt die Ver­bin­dung für mich am bes­ten auf den Punkt: 

tüd­der … b. Strick oder Ver­schlin­gung od. Zustand, wo Etwas in- u. durch­ein­an­der ver­schlun­gen ist u. fest­sitzt od. festgeräth; … 

Peter Schmach­tha­gen hat in sei­nem vom Ham­bur­ger Abend­blatt her­aus­ge­ge­be­nen Bänd­chen Spre­chen Sie Ham­bur­gisch? einen pri­ma Ein­trag über »Tüdel«, in dem er auch den »Tüdel­bü­del« anführt, einen Men­schen, »der Tüdel­kram, alles wir­res Zeig, redet«. 

Aber das nur zur Abrun­dung. Ver­wechs­lun­gen mit tutt[e]lig (ugs., landsch.) u. ä., die seman­tisch womög­lich angren­zen, sind natür­lich nicht aus­zu­schlie­ßen. Man kann sich des Ein­drucks nicht erweh­ren, dass das Wort, da so oft auf das Kli­schee des alten Men­schen ange­wandt, nun sei­ner­seits des­sen kli­schee­haft gebün­del­ten Eigen­schaf­ten beschreibt: tan­ten- bis oma­haft, über­trie­ben besorgt und dabei etwas zer­fah­ren, das Gan­ze mit Rüschen. Gera­de bei den letz­te­ren der fol­gen­den Ein­trä­ge wäre es schön, den einen oder ande­ren Kom­men­tar dazu zu bekom­men. Auch wenn wir hier noch ganz am Anfang sind. 

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tüt­te­lig / tüddelig 

(1) (a)<Adj.> (oft mit Alter asso­zi­iert, aber nicht not­wen­di­ger­wei­se) wirr im Kopf; ver­wirrt; zer­streut; unkon­zen­triert; vergesslich. 

»Der tüt­te­li­ge Pro­fes­sor Abron­si­us … macht sich mit sei­nem naiv-trot­te­li­gen Assis­ten­ten Alfred … auf den Weg nach Trans­syl­va­ni­en[.]« WWW » Da macht sogar der tüt­te­li­ge Meis­ter Röh­rich in sei­nem alten Hano­mag mit – unfrei­wil­lig natür­lich.« WWW »Hand­schrift­li­ches im Brief­kas­ten macht mich immer ganz tüd­de­lich. Ich den­ke dann immer gleich ›Huch, was ist das denn?‹« WWW »Muß natür­lich noch eini­ges klä­ren, z.B. wie es mit der Ren­te ist. Man hört immer so vie­le Mei­nun­gen. Wird man ja ganz tüd­de­lich!« WWW »Sor­ry zu früh abge­schickt bin voll tüd­de­lich. « WWW 

sinn­verw.: durch­ein­an­der; zer­fah­ren; nicht mehr wis­sen, wo einem der Kopf steht; durch den Wind. 

(1) (b)<Adj.> (von Erwach­se­nen; ver­mut­lich wie Bed. 1, nur dass man das »wirr im Kopf« als »kind­lich« deu­tet.) kindisch. 

»Wem­mer alt wird, wird mer at (schon) tüt­te­lig.« Mül­ler, Rhein­si­ches Wb. 

(1) ©<Adj.> (als Euphe­mis­mus) nicht ganz / recht gescheit. 

sinn­verw.:trot­te­lig.

tüt­te­lig / tüddelig 

(2)<Adj.> Hin und wie­der scheint auch ein »schwind­lig« anzuklingen. 

»Danach is einem immer ganz tüd­de­lich: der Kop­s­di­bol­ter bzw. Kop­s­dab­öl­ter bzw. Kussel­kopp.« (Pöm­pel, Plüd­den, Pin­gel­jachd) (http://hf.ostwestfaelisch.de/Die-Vokabeln-Node_13609.html) (Die Rede ist von einem Purzelbaum) 

sinn­verw.: es dreht sich einem alles; tau­me­lig; trümmlig. 

tüt­te­lig / tüddelig 

(3)<Adj.> in über­trie­be­ner Wei­se besorgt bzw. ängst­lich; zim­per­lich; emp­find­lich; leicht belei­digt; ver­steht kei­nen Spaß; (von Kin­dern) ver­zär­telt, verweichlicht. 

»Gegen die­sen Wun­der­kna­ben müs­sen die Bemü­hun­gen der Mut­ter Simo­ne chan­cen­los blei­ben, auch wenn sie von Ivan Cavallari mit urko­mi­scher, tüt­te­li­ger Beflis­sen­heit aus­ge­stat­tet wird[.]« WWW 

tüt­te­lig / tüddelig 

(4)<Adj.> (bei der Arbeit) klein­lich [genau][und dabei womög­lich lang­sam]; über­ge­nau; gewis­sen­haft / über­trie­ben ins Ein­zel­ne gehend; umständlich. 

»Und sie hat so eine per­sön­li­che, alt­mo­disch-tüt­te­li­ge Art zu schrei­ben, dass ich sie tat­säch­lich hin­ter mir ste­hen sehe, …« WWW »… geht Kocsis dezi­diert ›unmo­zar­tisch‹ zur Sache – ohne tüt­te­li­ge Über­phra­sie­rung …, aber gera­de des­halb unver­krampft.« WWW 

sinn­verw.: pus­se­lig.

tüt­te­lig / tüddelig 

(5)<Adj.> dif­fi­zil; genau­es, behut­sa­mes und lang­sa­mes Arbei­ten erfordernd. 

sinn­verw.: pfrie­me­lig; pusselig. 

tüt­te­lig / tüddelig 

(6)<Adj.> (etwa von einer Situa­ti­on, Ange­le­gen­heit) deli­kat, schwie­rig; kit­ze­lig, heikel. 

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