SlangGuy's Blog ...

Die Vor­le­se­rin – Julia und die Kor­rek­tu­ren

Wenn Sie – wie mei­ner Mut­ter Sohn – Ihre Schwie­rig­kei­ten haben, sich bei einer Schluss­kor­rek­tur auf einen Text zu kon­zen­trie­ren, den sie in- und aus­wen­dig kön­nen, wenn Sie schlicht kei­ne Feh­ler fin­den, obwohl Sie wis­sen, es sind wel­che drin, dann habe ich viel­leicht was für Sie. Wenn Sie sich hun­dert­mal gedacht haben, wenn ich das jetzt noch ein­mal lesen muss, dre­he ich durch, dann lesen Sie mal von einem Hilfs­mit­tel, das bei mir Wun­der gewirkt hat: Julia

Ganz und gar nicht mit Ruhm bekle­ckert habe ich mich bei der Schluss­kor­rek­tur mei­ner ers­ten Über­set­zung eines E‑Books. Mein lie­ber Schol­li! Ich habe ja schon seit jeher gro­ßen Respekt vor den Leu­ten, die bei Ver­la­gen das Pro­dukt nach Recht­schreib­feh­lern durch­se­hen. Jetzt gilt das mehr denn je. Auch wenn es nicht eigent­lich Recht­schreib­feh­ler waren, die mir da unter­lau­fen sind. Aber was soll’s, auch ein feh­len­des Wort oder ein dop­pel­tes fal­len unter »Feh­ler«. Der Leser will so etwas nicht sehen. Geschwei­ge denn dafür bezah­len…

Nun ist natür­lich guter Rat teu­er, wenn man dem Autor einen ordent­li­chen Text zuge­sagt hat und sich bei hal­bem Hono­rar – das Pro­dukt kos­tet nur € 2,89 – kei­nen Kor­rek­tor leis­ten kann. Das Gan­ze war als Ver­such gedacht, als Expe­ri­ment sozu­sa­gen; dass es aus­ge­rech­net an ein paar pop­li­gen Feh­lern schei­tern soll­te…

Was also soll man machen, wenn die Über­set­zung an sich im zeit­li­chen Rah­men kein Pro­blem wäre, sehr wohl aber der letz­te Schliff? Ich habe hin und her über­legt, bis mir ein­fiel, dass ich schon immer etwas aus­pro­bie­ren woll­te: mir das Geschrie­be­ne vor­le­sen zu las­sen.

PrintAlso mach­te ich mich auf die Suche: Was gibt’s denn so an Vor­le­se­pro­gram­men? Eine Vor­le­se­soft­ware. In Erin­ne­rung hat­te ich die quä­ki­gen Com­pu­ter­stim­men, die man in den ers­ten Tagen von Win­dows und Sound­blas­ter recht wit­zig fand. Aber sich mit so was  stun­den­lang Tex­te vor­le­sen las­sen? Kam nicht in Fra­ge. Da muss­te schon eine »natür­li­che« Stim­me her. Und die gibt’s denn auch tat­säch­lich.

Und die Stim­men an sich sind erstaun­lich gut. Mit dem Lesen hapert’s dann wohl eher. Und hier vor allem mit der Aus­spra­che bestimm­ter Wör­ter…

Aber sei’s drum. Ich habe nach einer knap­pen Stun­de zuge­schla­gen und € 49 für einen deut­schen Rea­der von lin­gua­tec ange­legt. Und bei allen Moni­ten, die ich jetzt vor­brin­gen könn­te, ich habe bis­lang nicht einen Cent davon bereut.

Ich habe damit »Julia« erstan­den, auch eine Lara, glaub ich, aber die hab ich noch nicht aus­pro­biert, weil mir Juli­as Stim­me durch­aus gefällt. Ihr Tim­bre, sag ich jetzt mal in Erman­ge­lung eines bes­se­ren Wor­tes, ist das der Fern­seh­spre­che­rin; es geht einem auch bei der ganz­tä­gi­gen Arbeit mit ihr nicht auf den Geist.

Die Ani­ma­ti­on muss man aus­blen­den. Nicht nur stört sie bei der Arbeit, Julia ist optisch auch ner­vig imper­ti­nent, beginnt das Frau­en­zim­mer doch sofort auf die Uhr zu sehen, wenn man ihr nicht bald was zu lesen gibt. Und dann zu gäh­nen. Und dann kratzt sie sich auch noch – nein, nein, kei­ne  Ban­ge – am Rücken. Sor­ry, aber das war vor 20 Jah­ren wit­zig, als das alles noch neu war. Also, Ani­ma­ti­on aus­blen­den. Die Stim­me allein ist okay.

Also, vor­ab zu den Moni­ten. Julia tut sich mit einer gan­zen Rei­he von Wör­tern schwer; da schwankt die Aus­spra­che zwi­schen der einer eher ner­vi­gen Säch­sin und der einer char­man­ten Fran­zö­sin, was durch­aus eine beträcht­li­che Band­brei­te umfasst. Wirk­lich ner­vig wären dabei bes­ten­falls die Wör­ter, die merk­wür­dig aus­zu­spre­chen es gar kei­ne Grund gäbe.

Allen vor­an wäre da, wahr­schein­lich auch weil’s im Text so oft vor­kam: ständ für stand. Also eng­lisch, auf gut Deutsch gesagt. Was viel­leicht auch der Hin­ter­grund für die­sen Feh­ler ist, wird näm­lich auch ein deut­sches auf zu off, anders gesagt, vie­le au-Wör­ter zu Wör­tern mit o. Ein simp­ler Satz wie Er stand auf wird also durch die Bank zu er ständ off. Was natür­lich auch für ständ vor – ist stand vor – gilt. Das Laken – auf dem Bett – wird zum Läken, rackern zu räckern. Er, sie es half wird zu er, sie, es häff. Kin­der in Lum­pen wer­den zu Kin­dern in Lam­pen.

Natür­lich gibt’s auch wit­zi­ge wie etwa Unter­su­chungs­haft, das zu Unter­su­chung-schäft wird – wie anno dun­nemals John Shaft, sie ver­ste­hen? Recy­cel­ten wird zu rekü­kel­ten, über­schat­te­te zu übers-chat­te­te und goti­sche Kir­chen wer­den zu gat­ti­schen, was immer die sind. Aber ver­mut­lich auch hier wie­der der ame­ri­ka­ni­sche Ein­fluss von got. Die Kam­pak­ner­kor­ken sind auch ganz wit­zig. Rum­lau­fen wird tat­säch­lich zu rum­lo­fen; es hat ja auch wie­der das au. Ach ja, die geran­zel­te Stirn hät­te ich fast ver­ges­sen. Und die Pro­ble­me mit dem sch, so wird Rascheln zu Ras­keln, Krei­schen zu ….

Okay, Sie haben kapiert. Das auf­zu­zäh­len ist lang­wei­lig. Inter­es­sant wäre viel­leicht noch die Anmer­kung, dass das nicht etwa heißt, dass Julia die eng­li­schen Wör­ter drauf hät­te. Cam­bridge etwa wird zu Cam­brid-g‑e mit de ge, alles klar?

Egal, da muss wohl noch was pas­sie­ren. Es ändert aber erst mal wenig an mei­nem Erstau­nen dar­über, was Julia kann – auch wenn ich jetzt nicht die Stür­mi­schen Höhen aus ihrem Mund hören will. Aber dazu habe ich sie ja nicht gekauft. Für mei­nen Zweck, mir mei­ne Arbeit vor­le­sen zu las­sen, sind die Aus­spra­che­feh­ler erst mal zu ver­nach­läs­si­gen; sie füh­ren eher dazu, dass man genau­er hin­schaut.

Und dar­auf will ich eigent­lich hin­aus: Man kann sich die Augen raus­schau­en, in einem Text, den man selbst ver­bro­chen und so oft gele­sen hat, fin­det man sei­ne Feh­ler nur bedingt; wie gesagt, es geht hier nicht um Ortho­gra­phie. Und bin ich von Julia begeis­tert: Was da in bereits öfter Kor­rek­tur gele­se­nen Tex­ten her­ging, ist ein­fach unglaub­lich! Allein die feh­len­den Wör­ter, also Satz­lü­cken – jetzt hört man sie plötz­lich. Beim Sel­ber­le­sen setzt der Ver­stand sie ein­fach still­schwei­gend ein. Dop­pel­te Wör­ter sowie­so. Hört man sofort.

Die kon­kre­te Vor­ge­hens­wei­se ist die einer jeden ande­ren Kor­rek­tur auch: ein Aus­druck des Tex­tes und ein Line­al, mit dem den Text zei­len­wei­se durch­geht. Nur dass man eben nicht sel­ber liest. Was wie­der­um ein erstaun­li­cher Effekt ist. Drei­ßig Jah­re den­ke ich mir nun: Wenn ich das jetzt auch nur noch ein ein­zi­ges Mal lesen muss, dre­he ich durch! Das fällt hier völ­lig flach. Julia liest und zieht einen mit. Das kann man Absatz für Absatz so oft machen, wie mal will. Kein Pro­blem. Kei­ne Aver­sio­nen.
Ein eher erheb­li­ches Man­ko, das mir hier noch ein­fällt, was die Soft­ware von lin­gua­tec angeht, ist die lau­si­ge Tas­ta­tur-Unter­stüt­zung. Schon mal weil man heu­te sei­ne Kurz­tas­ten sel­ber bestim­men will. Nur ein blu­ti­ger Ama­teur braucht stän­dig die Maus oder will stän­dig danach grei­fen. Das Abspie­len mit gedrück­ter rech­ter Maus­tas­te, selbst wenn es beim zehn­ten Ver­such end­lich geht, ist ein rech­ter Quatsch. Dass ich den Rea­der nicht anhal­ten und dort wei­ter­ma­chen kann, wo ich ange­hal­ten habe, ist ein Witz. Julia fängt immer wie­der von vor­ne an. Egal ob Sie sich nun den Brief an die Oma vor­le­sen las­sen oder ein Buch. Und im letz­te­ren Fall geht das ein­fach nicht.

Ich habe mich dadurch behol­fen, mein alt­be­währ­tes Auto­Hot­Key ins Spiel zu brin­gen. Im Zusam­men­spiel mit Juli­as Direct Rea­der liest Julia mir nun auf Kurz­tas­te jede gewünsch­te Pas­sa­ge, jeden gewünsch­ten Satz vor. So oft ich nur will. Auf­ge­ru­fen wird das Pro­gramm bei mir – wie alle ande­ren auch – mit einem Hot­key. Da macht die Arbeit mit Julia dann so rich­tig Spaß.

Wich­tig wäre jetzt nur, Julia schon frü­her ins Spiel zu brin­gen, um Feh­ler schon im Vor­feld zu mini­mie­ren. Also spä­tes­tens nach jedem Absatz bzw. nach jeder Ände­rung, da mei­ner Ana­ly­se nach prak­tisch alle mei­ne Feh­ler durch das Umstel­len von Sät­zen ent­ste­hen.

Okay, natür­lich kann es bes­se­re Vor­le­se­rin­nen geben. Da wer­de ich mich bei Gele­gen­heit noch umse­hen. Viel­leicht legt ja auch Julia zu. Aber das Prin­zip, das sei jedem gesagt, der sein Geld mit Schrei­ben ver­dient, ohne dass er nun beruf­lich Kor­rek­tor ist, das kann ich jedem ans Herz legen. Pro­bie­ren Sie’s aus.
Und hin­ter­las­sen Sie mir doch einen Kom­men­tar oder gar einen Tipp, was Ihre Erfah­run­gen mit ein­schlä­gi­ger Soft­ware angeht.

 

 

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Bei ama­zon wär’s güns­ti­ger gewe­sen, sehe ich gera­de:

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