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Ugs.- Pro­jekt 12: es dick haben

Prä­si­dent Oba­ma hat­te noch nicht ein­mal sei­ne Antritts­re­de gehal­ten, da wur­de in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten bereits über sei­nen Nach­fol­ger dis­ku­tiert. Und das The­ma ist dabei nicht etwa, ob nach einem Schwar­zen viel­leicht mit Hil­la­ry Clin­ton eine Frau an der Rei­he sein könn­te, nein, die Gemü­ter ent­zün­den sich an der Fra­ge, ob es denn – Schock! Hor­ror! – tat­säch­lich mög­lich wäre, mit Chris Chris­tie, dem der­zei­ti­gen Gou­ver­neur von New Jer­sey, einen Dicken auf den ame­ri­ka­ni­schen Thron zu wäh­len.

Wenn ich was gefres­sen habe, dann ist das die in ihrer Hirn­lo­sig­keit gera­de­zu paw­low­sche Fixa­ti­on auf blo­ße Äußer­lich­kei­ten. So viel blin­de Reflex­hö­rig­keit fin­de ich so krass, wie ich sie dick habe

Etwas »dick haben«… Auch so eine gute deut­sche Wen­dung, die viel öfter in Über­set­zun­gen gehör­te, als sie tat­säch­lich Ver­wen­dung fin­det. Unser guter alter Grimm weiß dazu unter ande­rem:

dick unei­gent­lich und bild­lich geht es über in die bedeu­tung von ange­füllt, voll, berauscht, auf­ge­schwol­len, drü­ckend, läs­tig, wüst, ver­här­tet, stark.

bei uner­träg­li­chem geschwätz sagt man es wird mir dick unter den augen und bezeich­net damit den ver­drusz den man emp­fin­det.

ähn­lich, ich habe es dick ich mag es nicht län­ger anhö­ren.

sie singt den gan­zen tag, ich habe es dick.

Auf der Basis von »der och­se hat sich dick, dick und voll, dick und satt gefres­sen« ist das Bild hin­ter »etw dick haben« nicht schwer nach­zu­voll­zie­hen, ist der Schritt von »voll« oder »satt« hin zu »über­drüs­sig« doch rela­tiv klein.

Inter­es­sant wird es, wenn man sich die latei­ni­sche Defi­ni­ti­on ansieht, die die Grimms – wie jahr­hun­der­te­lang üblich – ihrem Ein­trag bei­geben: 

dick, adj. und adv. cras­sus. ahd. diki dik, mhd. dicke dic, alt­sächs. thic­ci, alt­fries. thik­ke, ags. þic­ca þic, engl. thick, nie­derl. dik, alt­nord. þykr, schwed. tjok, dän. tyk, neufries. tjock. im 16ten jahrh. noch häu­fig dicke, fast immer bei Luther, in der spä­tern zeit mit­un­ter bei Les­sing und Möser. etc etc.1

»Cras­sus, ‑a, ‑um« haben wir mal gelernt, dick, fett, dicht. Den meis­ten von uns, die etwas dick haben, weil sie es krass fin­den, ist gar nicht klar, dass sie damit lin­gu­is­tisch gar nicht so weit von­ein­an­der ent­fernt sind:

krass, plump, grob, derb, dann arg, schreck­lich, fürch­ter­lich, nach lat. cras­sus, doch ver­mengt mit grasz, gräszlich; ein in man­chen krei­sen belieb­tes super­la­ti­vi­sches kraft­wort, bes. stu­den­tisch (kras­ser fuchs, kerl), seit ende 18. jh., wol eben aus der stu­den­ten­spra­che: du kras­ser phi­lis­ter! Kör­ner 248b;2

Mit Sicher­heit jedoch wird wohl kaum einer geahnt haben, wie alt unser augen­blick­lich als Slang hoch­mo­der­nes »krass« in eben der­sel­ben Bedeu­tung schon ist.

gott sand­te sei­nen rohen kin­dern
gesetz und ord­nung, wis­sen­schaft und kunst,
begab­te sie mit aller him­mels­gunst,
der erde kras­ses loos zu min­dern.

Göthe 3, 180;

so will man sich auch gegen den kras­sen nep­tu­nis­mus ver­wah­ren. 51, 135, den über­trie­be­nen, gröbs­ten, wie kras­se ortho­do­xie, kras­ser unglau­be, aber­glau­be u. dgl.; kras­se unwis­sen­heit; pfui! inde­cent und krasz! Tieck 13, 290; war­um will man die abso­lu­ti­on nothwen­dig crasz machen? absol­vi­ren wir uns nicht selbst täg­lich? Nie­buhr leben N. 1, 472; die kras­ses­ten gegen­sät­ze, wider­sprü­che, grells­ten, ärgs­ten.3

 

***

=== dick haben ===

(1) <Rw.> (zu einer bestimm­ten Gele­gen­heit) einer Sache / einer Per­son über­drüs­sig sein; in einem bestimm­ten Fall einen Wider­wil­len / eine Abnei­gung gegen jn / etw ent­wi­ckelt haben; jm reißt der Gedulds­fa­den: »es jetzt aber wirk­lich dick haben«; »die Faxen dick[e] haben«; »«. Zita­te: »Jetzt hab’ ich’s aber dick!« WWW »Lang­sam hab’ ich’s aber dick.« WWW »Irgend­wann mit Anfang 50 hat­te er es dann dick.« WWW »Ich habe die Faxen dicke mit dem Teil.« WWW Syn.: es dicke haben; etw satt haben; rei­chen: jetzt reicht es aber; den Kanal voll haben; die Nase [gestri­chen] voll haben.

=== dick haben ===

(2) <Rw.> (grund­sätz­lich / all­ge­mein) einen Wider­wil­len / eine Abnei­gung gegen jn / etw haben; jn / etw grund­sätz­lich nicht aus­ste­hen kön­nen: »etw / jn viel­leicht dick haben«; »«; »«. Zita­te: »Sol­che Klug­schei­ßer habe ich echt dick!« WWW »Mensch, das hab’ ich viel­leicht dick.« WWW »So kom­pro­miss­lo­se Wiki­po­li­zei mag ich nicht sehr, wenn sie oben­drein zu Edit­wars neigt, habe ich das dick.« WWW Syn.: abkön­nen, nicht; gefres­sen haben; lei­den kön­nen, nicht; Kie­ker: auf dem Kie­ker haben; ver­dau­en kön­nen, nicht; nicht ver­k­nu­sen kön­nen; jn lie­ber gehen als kom­men sehen.

=== es dick haben ===

(3) <Rw.> Viel Geld haben; über viel Geld ver­fü­gen; wohl­ha­bend sein. Oft ver­neint: »es nicht so dick haben« Zita­te: »seit… mein Vater die Tape­ten bezah­len muss­te, obwohl er es doch auch nicht so dick hat (Keun, Mäd­chen 28). »So dick habe ich auch wie­der nicht.« Syn­ony­me: betucht; geldig; fett; bemoost; gespickt.

*

Und zum Abschluss noch den Ein­trag zu »dick« aus mei­ner der­zei­ti­gen Lek­tü­re, dem Frisch­bier:4 

dick, adj. u. adv. Auf­zer den bei Grimm, Wb. II, 1073 ff., ange­führ­ten Bedeu­tun­gen: 1. voll von Spei­se und Trank. He ös dick on dun, er ist über satt, auch: betrun­ken. Gä lig­gen, böst dick. Elbg. Nie­de­rung. 2. voll von Innig­keit., Hoch­mut, Abnei­gung. Sie sind dicke Freun­de. Dat ös e dicke Frind­schaft. Er thut sich dick. Einen dick haben, sei­ner über­drüs­sig sein, ihn lie­ber gehen, als kom­men sehen. 3. Dick rin! Zuruf in der Bedeu­tung: frisch drauf­los! 4. ver­dickt, geron­nen. Dicke Milch. 5. schwan­ger. Sie ist dick.

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  1. Deut­sches Wör­ter­buch von Jacob und Wil­helm Grimm. 16 Bde. in 32 Teil­bän­den. Leip­zig 1854–1961. Quel­len­ver­zeich­nis Leip­zig 1971. Online-Ver­si­on vom 24.01.2013. []
  2. Deut­sches Wör­ter­buch von Jacob und Wil­helm Grimm. 16 Bde. in 32 Teil­bän­den. Leip­zig 1854–1961. Quel­len­ver­zeich­nis Leip­zig 1971. Online-Ver­si­on vom 24.01.2013. []
  3. Deut­sches Wör­ter­buch von Jacob und Wil­helm Grimm. 16 Bde. in 32 Teil­bän­den. Leip­zig 1854–1961. Quel­len­ver­zeich­nis Leip­zig 1971. Online-Ver­si­on vom 24.01.2013. []
  4. Her­mann Frisch­bier, Preus­si­sches Wör­ter­buch. Ost- und West­preus­si­sche Pro­vin­zia­lis­men, Ers­ter Band A‑K. Ber­lin, 1882. []

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