Ein Schuss und sieben Leichen wälzten sich in ihrem Blut…

So oder so ähnlich, meine ich, hieß es mal. (Oder bilde ich mir das nur ein?) Verwechsle ich das mit »Drinnen saßen stehend Leute…«? Na, sei’s drum, jedenfalls haben wir eine Schwäche für unterhaltsamen Mord und Totschlag. Solange er auf Papier, Leinwand oder Bildschirm beschränkt bleibt. Logisch. Und wir sind uns vermutlich alle einig, dass wir noch nie so massiv mit »fiktiver« Brutalität bombardiert wurden wie heute. Aber war das tatsächlich jemals anders? Mal abgesehen davon, dass es nie soviele Autoren und Leser gab. Aber grade mal »sieben«? Dass ich nicht lache …

Wir sind ja alle damit aufgewachen:

Da Herodes nun sah, daß er von den Weisen betrogen war, ward er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder zu Bethlehem töten und an seinen ganzen Grenzen, die da zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er mit Fleiß von den Weisen erlernt hatte. Matthäus 2,161

Egal, ob wir nun katholisch oder evangelisch erzogen wurden, die Weihnachtsgeschichte ist uns wohl allen präsent. Mehr oder weniger. Und wo wir schon bei Kindern sind. Die Hexe aus Hänsel und Gretel ist auch nicht von Pappe. Sie hätte die Kleinen auch noch schmackhaft gewürzt vertilgt. Wir kennen das, es ging uns allen genauso zum einen Ohr rein wie zum anderen raus, die Bibel wie Grimms Märchen, mit all den entsetzlichen Sachen, die da passieren. Oder schlimmer noch, sind wir nicht alle mit der Figur des ans Kreuz Geschlagenen aufgewachsen? Ein Skandal? Hm. Vermutlich wenn es Teddy oder Barbie gewesen wäre.

Trotzdem kann man nicht umhin, sich hin und wieder zu Vergleichen gezwungen zu sehen. So, als ich bei der Recherche zu einer Übersetzung wieder mal fest in alten Griechen & Lateiner nach Zitaten zu stöbern hatte.

Da heißt es zum Beispiel bei Polybios:

Als Publius genügend Truppen in der Stadt zu haben glaub­te, schickte er die meisten, wie es bei den Römern üblich ist, gegen die Einwohner aus, mit dem Befehl, zu töten wen sie trä­fen und keinen zu schonen, auf Plünderungen aber sich vorerst nicht einzulassen, bis das Zeichen dazu gegeben würde. Der Zweck eines solchen Vorgehens scheint mir zu sein, Schrecken zu verbreiten und dadurch den Widerstand vollends zu bre­chen. Daher kann man oft in Städten, die von den Römern er­obert worden sind, nicht nur Menschenleichen, sondern auch Hunde sehen, die ein Schwertstreich in zwei Teile zerlegt hat, und abgeschlagene Gliedmaßen anderer Tiere.2

Als die Römer gegen die Kaledonier, die Vorfahren der heutigen Schotten, zogen, brachten sie 10.000 von den Barbaren um. Nach der Schlacht am Mons Graupius folgendes ab:

»Die Britannier dagegen, irrten umher, Männer wie Frauen klagten laut, schleppten die Verwundeten fort, riefen nach den Überlebenden, verließen ihre Häuser und zündeten sie voller Erbitterung selbst an  … manchmal brachen sie beim Anblick ihrer Angehörigen erschüttert zusammen, öfter aber packte sie die Wut. Es stand hinreichend fest, daß einige gegen ihre Frauen und Kindern wüteten, so als ob sie Mitleid mit ihnen hätten.«3

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Der Abschuss freilich waren die Zitate, die ich aus dem Talmud brauchte. In seiner Jerusalemer Ausprägung. Da ging es dann wirklich ab. Mein lieber Scholli.

Nun erwürgten sie unter ihnen so viele, dass das Blut einem Rosse bis an die Nüstern stieg, Felsenstücke von 40 Sea fortwälzte und ins Meer floss, obwohl Bether 40 Meilen vom Meere entfernt lag. Es wird erzählt: Man habe 300 Kinderhirnschalen auf einem Steine und drei Kasten mit Kapseln von Denkriemen, jede zu 9 Sea, gefunden. … Es gab 500 Schulen in Bether und die kleinste wurde von nicht weniger als 500 Kindern besucht. … Wenn die Feinde über uns kommen, so ziehen wir mit diesen Griffeln gegen sie heraus und stechen ihnen die Augen aus. 4

Dass hier dreimal von den Römern die Rede ist, das ist jetzt reiner Zufall. Ich hätte auch all die anderen Stämme dieser Zeit nehmen können: Germanen, Kelten, Skythen, Hunnen, Griechen … Und wenn man sich auf der Welt so umsieht, dann hat man derlei Szenen immer noch alle Nase lang. Vor allem in Afrika. Nicht dass das eine alte Sau interessieren würde. Es scheint einfach nicht so faszinierend wie Mord & Totschlag auf Papier, auf der Leinwand, auf dem Bildschirm …

 

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  1. Luther Bibel (1912 []
  2. Polybios, Geschichte. Zürich: Artemis-Verlag, 1961. Buch X, Kap. 15. S. 704. []
  3. Cornelius Tacitus, Agricola. Germania. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2001. Hgg. und übersetzt von Alfons Städtele. S. 63. []
  4. Der Jerusalemische Talmud. Übertragen von August Wünsche. Zürich: Verlags-Magazin, J. Schabelits, 1880. S. 159. Ta’anit (Mischnatraktat) IV, 4 []
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