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Eine Fra­ge des Stils – Vir­gi­nia Woolf über den Moder­nen Essay (1)

Das den Essay lei­ten­de Prin­zip, so schrieb Vir­gi­nia Woolf 1922, sei »schlicht, dass er Ver­gnü­gen berei­ten soll; und was ihn uns vom Regal neh­men lässt, ist schlicht der Wunsch nach Ver­gnü­gen«. Und dann spricht sie doch tat­säch­lich von der Beschleu­ni­gung der Zeit und den Ver­än­de­run­gen des Essays, die die­se mit­ge­bracht habe. Das klingt doch sehr nach einer Vor­weg­nah­me unse­rer heu­ti­gen Zeit, in der Mas­sen­un­ter­hal­ter wie Net­flix und You­Tube ihren Guckern den beschleu­nig­ten Kon­sum ihrer Seri­en­wa­re anbie­ten, in einer Zeit, in der, wie’s scheint, über jedem Arti­kel im Web der Zeit­raum zu ste­hen hat, den der Leser für sei­ne Lek­tü­re benö­ti­gen wird. 1 Was das mit dem Essay zu tun hat? Nun, ganz ein­fach, weiß man denn die­se Form über­haupt noch zu gou­tie­ren in einer sol­chen Zeit? 

Vir­gi­nia Woolfs Essay über den Essay bzw. des­sen jüngs­te Ent­wick­lun­gen erschien in sei­ner ursprüng­li­chen Form als Rezen­si­on einer fünf­bän­di­gen Antho­lo­gie von Essays mit dem Titel Modern Eng­lish Essays 1870 to 1920 2), her­aus­ge­ge­ben von einem Herrn Ernest Rhys. Lesen wir doch mal rein … 

Vir­gi­nia Woolf

The Modern Essay (1922)

Wie Herr Rhys so tref­fend sagt, ist es unnö­tig, tief­schür­fend auf Geschich­te und Ursprung des Essays ein­zu­ge­hen – ob er nun von Sokra­tes her­stam­me oder Siran­ney dem Per­ser 3 –, da, wie bei allem, was lebt, sei­ne Gegen­wart wich­ti­ger ist als sei­ne Ver­gan­gen­heit. Außer­dem ist die Fami­lie weit ver­brei­tet; und wäh­rend eini­ge ihrer Ver­tre­ter in der Welt auf­ge­stie­gen sind, um ihre Krön­chen mit den Bes­ten zu tra­gen, fris­ten ande­re eine pre­kä­re Exis­tenz in der Gos­se rund um die Fleet Street. 4 Auch die Form erlaubt Viel­falt. Der Essay kann kurz sein oder lang, ernst oder belang­los, kann von Gott und Spi­no­za han­deln oder von Schild­krö­ten und Che­ap­si­de. 5 Doch beim Durch­blät­tern die­ser fünf Bänd­chen mit Essays aus den Jah­ren 1870 bis 1920 erscheint einem das Cha­os doch von gewis­sen Prin­zi­pi­en regiert, sodass man in dem kur­zen Zeit­raum, mit dem sie befasst sind, so etwas wie das Fort­schrei­ten der Geschich­te erkennt. 

Von allen lite­ra­ri­schen For­men ist der Essay frei­lich die­je­ni­ge, die am wenigs­ten nach lan­gen Wor­ten ver­langt. Das ihn lei­ten­de Prin­zip ist schlicht, dass er Ver­gnü­gen berei­ten soll; und was ihn uns vom Regal neh­men lässt, ist schlicht der Wunsch nach Ver­gnü­gen. Alles in einem Essay hat sich die­sem Ziel zu fügen. Er soll uns mit dem ers­ten Wort in sei­nen Bann zie­hen, aus dem wir erst mit dem letz­ten Wort erfrischt wie­der auf­wa­chen sol­len. Dazwi­schen erwar­ten uns die unter­schied­lichs­ten Erfah­run­gen; wir kön­nen amü­siert sein, über­rascht, gespannt oder gar empört; wir kön­nen uns mit Lamb 6 in die Höhen der Phan­ta­sie erhe­ben oder mit Bacon 7 in die Tie­fen der Weis­heit stür­zen, nur auf­schre­cken dür­fen wir nicht. Der Essay muss uns über­ra­schen und sei­nen Vor­hang vor die Welt ziehen. 

Ein so gro­ßes Kunst­stück sieht man sel­ten voll­bracht, wobei frei­lich der Feh­ler sowohl auf Sei­ten des Lesers als des Autors zu suchen sein mag. Gewohn­heit und Lethar­gie haben sei­nen Gau­men stumpf wer­den las­sen. Ein Roman hat eine Geschich­te, ein Gedicht einen Reim; aber wel­che Kunst kann der Essay­ist in die­sen kur­zen Pro­sa­stü­cken anwen­den, um uns hell­wach zu machen und doch dabei in eine Trance zu ver­set­zen, die kein Schlaf ist, son­dern eher eine Inten­si­vie­rung des Lebens – ein Bad in der Son­ne des Ver­gnü­gens, alle unse­re Anla­gen und Fähig­kei­ten hell­wach? Er muss wis­sen – das ist die wesent­li­che Vor­aus­set­zung – wie man schreibt. Sei­ne Gelehr­sam­keit mag so tief sein wie die eines Mark Pat­ti­son, 8 aber in einem Essay hat sie durch die Magie des Schrei­bens der­ge­stalt ver­schmol­zen zu sein, dass kein Fakt her­vor­sticht, kein Dog­ma die Ober­flä­che der Tex­tur zer­reißt. Macau­lay 9 auf eine ande­re, haben dies immer wie­der auf her­vor­ra­gen­de Wei­se zuwe­ge gebracht. Sie haben uns in einem ein­zi­gen Essay mehr Wis­sen ein­ge­bläut als die unzäh­li­gen Kapi­tel von hun­dert Lehr­bü­chern. Wenn Mark Pat­ti­son uns jedoch auf fünf­und­drei­ßig klei­nen Sei­ten von Mon­tai­gne erzäh­len muss, dann spü­ren wir, dass er es ver­säumt hat, sich vor­her ein­ge­hend mit M. Grün 10 zu befas­sen. M. Grün war ein Herr, der ein­mal ein schlech­tes Buch geschrie­ben hat. Man hät­te M. Grün und sein Buch zu unse­rer ewig­li­chen Won­ne in Bern­stein ein­bal­sa­mie­ren sol­len. Aber eine sol­che Beschäf­ti­gung ist ermü­dend; sie erfor­dert mehr Zeit und viel­leicht auch mehr Tem­pe­ra­ment, als Pat­ti­son zur Ver­fü­gung stan­den. Er ser­vier­te M. Grün roh und bleibt damit eine har­te Bee­re in dem gegar­ten Fleisch, die unse­re Zäh­ne für immer beschäf­ti­gen wird. Etwas Ähn­li­ches gilt für Matthew Arnold und einen gewis­sen Über­set­zer von Spi­no­za. Wahr­hei­ten wört­lich aus­zu­spre­chen und einen Schul­di­gen zu sei­nem Bes­ten zu tadeln, ist in einem Essay fehl am Platz, wo alles zu unse­rem eige­nen Bes­ten und eher für die Ewig­keit sein soll­te als für die März­num­mer der Fort­night­ly Review. 11 Aber nicht nur die Stim­me des Rüff­lers soll­te in die­sem gedräng­ten Plot nie ertö­nen; es gibt noch eine ande­re, die einer Heu­schre­cken­pla­ge gleicht – die Stim­me eines Man­nes, der, sich ziel­los an vage Ideen klam­mernd, im Halb­schlaf zwi­schen losen Wör­tern umher­stol­pert, etwa die Stim­me von Mr. Hut­ton in der fol­gen­den Passage: 

Hin­zu kommt, dass sein Ehe­le­ben sehr kurz war, nur sie­ben Jah­re und ein Halt, als es ein uner­war­te­tes Ende fand, und dass sei­ne lei­den­schaft­li­che Ver­eh­rung für das Andenken und den Geni­us sei­ner Frau, die, sei­nen eige­nen Wor­ten nach »eine Reli­gi­on« war, und die er, da er sich des­sen voll­kom­men bewusst gewe­sen sein muss, in den Augen der übri­gen Mensch­heit nicht anders als eine Extra­va­ganz, um nicht zu sagen, als eine Hal­lu­zi­na­ti­on zur Schau tra­gen konn­te, und dass er den­noch von einem unwi­der­steh­li­chen Ver­lan­gen beses­sen war, sie in all den zärt­li­chen und enthu­si­as­ti­schen Hyper­beln ver­kör­pern zu wol­len, die es einem so erbärm­lich erschei­nen las­sen, einen Mann, der sei­nen Ruhm durch sein »kal­tes Licht« erlang­te, als Meis­ter zu sehen, und es ist unmög­lich, sich des Gefühls zu erweh­ren, dass die mensch­li­chen Begeb­nis­se in Mr. Mills Kar­rie­re sehr trau­rig sind. 12

Ein Buch könn­te die­sen Schlag ver­kraf­ten, für einen Essay jedoch ist er töd­lich. Eine zwei­bän­di­ge Bio­gra­phie ist in der Tat das rich­ti­ge Depot dafür, denn dort, wo der Spiel­raum um so Vie­les grö­ßer ist und Andeu­tun­gen und Ein­bli­cke in nicht eigent­lich zur Sache Gehö­ren­des Teil des Fest­schmau­ses sind (wir bezie­hen uns auf den alten Typus des vik­to­ria­ni­schen Ban­des), fal­len der­ar­tig ermü­den­de Län­gen kaum ins Gewicht und haben sogar einen posi­ti­ven Eigen­wert. Aber die­ser Wert, den der Leser womög­lich unstatt­haft selbst bei­steu­ert in sei­nem Wunsch, so viel als mög­lich aus allen nur mög­li­chen Quel­len in das Buch zu bekom­men, ist hier auszuschließen.

In einem Essay ist kein Platz für die Unrein­hei­ten der Lite­ra­tur. Auf die eine oder ande­re Wei­se, sei es durch Arbeit, sei es durch die Groß­zü­gig­keit der Natur oder durch bei­des ver­eint, muss der Essay rein sein – rein wie Was­ser oder rein wie Wein, auf jeden Fall rein von Stumpf­sinn, Öde und belang­lo­sem Sedi­ment. Von allen Autoren des ers­ten Ban­des gelingt Wal­ter Pater 13 die­se anstren­gen­de Auf­ga­be am bes­ten, da er, noch vor der Nie­der­schrift sei­nes Essays (»Noti­zen über Leo­nar­do da Vin­ci«) sein Mate­ri­al irgend­wie zu ver­schmel­zen ver­moch­te. Er ist ein gelehr­ter Mann, aber es ist weni­ger das Wis­sen über Leo­nar­do, das uns in Erin­ne­rung bleibt als eine Visi­on, gleich der eines guten Romans, bei der alles dazu bei­trägt, uns die Vor­stel­lung des Autors als Gan­zes nahe­zu­brin­gen. Nur hier, im Essay, wo die Gren­zen so streng und die Tat­sa­chen in ihrer Nackt­heit zu ver­wen­den sind, bringt ein wah­rer Schrift­stel­ler – und Wal­ter Pater ist ein sol­cher – die­se Beschrän­kun­gen dazu, ihre eige­ne Qua­li­tät zur Gel­tung zu brin­gen. Die Wahr­heit ver­leiht ihm Auto­ri­tät; aus ihren engen Gren­zen gewinnt er Form und Inten­si­tät; und dann gibt es kei­nen pas­sen­den Platz mehr für so eini­ges von dem Zier­rat, vom dem die alten Schrift­stel­ler so ange­tan waren und die wir, indem wir sie als sol­chen bezeich­nen, ver­mut­lich ver­ach­ten. Heut­zu­ta­ge hät­te nie­mand mehr den Mut, sich in der einst berühm­ten Beschrei­bung von Leo­nar­dos Dame 14 zu erge­hen, die, in den Geheim­nis­sen des Gra­bes erfah­ren, eine Tau­che­rin in der Mee­re Tie­fen gewe­sen sei, mit deren Tages Nei­ge sie sich noch immer umgab; und die von ori­en­ta­li­schen Kauf­leu­ten fremd­ar­ti­ge Gewe­be erhan­delt habe; und die wie Leda, die Mut­ter Hele­nas von Tro­ja, gewe­sen sei und wie die Hei­li­ge Anna, die Mut­ter Marias …

Die Pas­sa­ge ist zu per­sön­lich geprägt, um sich natür­lich in den Kon­text zu fügen. Aber wenn wir uner­war­tet auf »das Lächeln der Frau­en und die Bewe­gung gro­ßer Gewäs­ser« 15 sto­ßen oder auf »voll von der Fein­heit der Toten, in trau­ri­gen, erd­far­be­nen Gewän­dern, mit blas­sen Stei­nen besetzt«, erin­nern wir uns plötz­lich dar­an, dass wir Ohren und Augen haben und dass die eng­li­sche Spra­che eine lan­ge Rei­he von dicken Bän­den mit unzäh­li­gen Wör­tern füllt, von denen vie­le aus mehr als einer Sil­be bestehen. Natür­lich ist ein Gen­tle­man pol­ni­scher Her­kunft der ein­zi­ge leben­de Eng­län­der, 16 der je in die­se Bän­de schaut. Aber zwei­fels­oh­ne erspa­ren wir uns durch unse­re Ent­halt­sam­keit viel Schwär­me­rei, viel Rhe­to­rik, viel Hoch­tra­ben­des und Getän­zel auf Wol­ken, und um der vor­herr­schen­den sach­li­chen Nüch­tern­heit wil­len soll­ten wir bereit sein, auf die Pracht von Sir Tho­mas Brow­ne eben­so zu ver­zich­ten wie auf die robus­te Art eines Swift. 

Belas­sen wir es, mit Rück­sicht auf heu­ti­ge Sen­si­bi­li­tä­ten, für heu­te bei die­sem ers­ten von drei Tei­len, in die ich Woolfs Essay zer­hackt habe. Ich weiß nicht, wie lan­ge der müßi­ge Leser, falls sich denn einer gefun­den hat, für die­se Sei­te gebraucht haben mag, aber ich hof­fe doch, er hat es über­stan­den und harrt unge­dul­dig des zwei­ten Teils am kom­men­den Sonntag. 

  1. um dann was zu tun? ver­mut­lich für die Idio­ten, die im Kino beim letz­ten Dia­log auf­sprin­gen, um, ja, wozu eigent­lich — dumm in der Knei­pe rum­zu­ste­hen?[]
  2. 5 vols.; Lon­don and Toron­to: J. M. Dent, 1922) (1850—1946[]
  3. Wer »Siran­ney der Per­ser« oder »Sira­nez der Per­ser«, wie Rhys ihn nennt, war, scheint bis heu­te nicht geklärt.[]
  4. Lan­ge Zeit das Zen­trum des bri­ti­schen Zei­tungs­we­sens, aber eben auch Zei­tungs­un­we­sens, wes­halb Woolf von der »Gos­se« spricht.[]
  5. Frü­her auch »The Cheap« ist eine Lon­do­ner Stra­ße, die frü­her mal eine bekann­te Ein­kaufs­stra­ße, ja prak­tisch eines der Ein­kaufs­zen­tren von Lon­don war. »Gott und Spi­no­za« spielt an auf den Essay »Word about Spi­no­za« von Matthew Arnold im ers­ten Band von Rhys’ Antho­lo­gie; die »Schild­krö­ten und Che­ap­sidc« neh­men Bezug auf »Ramblings in Che­ap­si­de« von Samu­el But­ler im sel­ben Band.[]
  6. Charles Lamb (1775–1834) war ein eng­li­scher Dich­ter[]
  7. Der Phi­lo­soph, Jurist und Staats­mann Fran­cis Bacon (1561–1626) war ein Zeit­ge­nos­se Shake­speares.[]
  8. Mark Pat­ti­son (1813–1884) war ein eng­li­scher Pries­ter und Autor[]
  9. Tho­mas Babing­ton Macau­lay (1800–1859) war ein bri­ti­scher His­to­ri­ker, Dich­ter und Poli­ti­ker; James Antho­ny Frou­de (1818–94) war ein eng­li­scher His­to­ri­ker, Roman­cier und Her­aus­ge­ber des Fraser’s Maga­zi­ne. In sei­nem 1855 erschie­ne­nen Essay »Mon­tai­gne« behan­delt Pat­ti­son Alphon­se Grün’s Life of Mon­tai­gne.[]
  10. Alphon­se Grün’s Life of Mon­tai­gne[]
  11. Die Fort­night­ly Review war Groß­bri­tan­ni­ens her­aus­ra­gen­des Maga­zin des 19. Jahr­hun­derts.[]
  12. Aus »John Stuart Mill’s ‘Auto­bio­gra­phy’« von Richard Holt Hut­ton (1826–97), eben­falls im ers­ten Band der hier bespro­che­nen Antho­lo­gie.[]
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  16. Sie spricht natür­lich von Joseph Con­rad, dem bri­ti­schen Roman­cier pol­ni­scher Abstam­mung. []

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