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Ralph Elli­son › Die Bio­gra­phie (3)

Seit sei­nen Anfän­gen als Jour­na­list 1938 und sei­nen ers­ten ver­öf­fent­lich­ten Kurz­ge­schich­ten kurz dar­auf war das Inter­es­se an ihm als Autor ste­tig gestie­gen. Man bat ihn um Arti­kel und Rezen­sio­nen (»Negro books, of cour­se«, wie er sich beklag­te.), ande­re Autoren baten ihn, ihre Manu­skrip­te zu redi­gie­ren. Er hielt Vor­trä­ge und war im Radio zu hören. Des Dog­mas ledig, hat­te er sich wie­der auf sei­ne Anfän­ge als libe­ra­ler Huma­nist und Kos­mo­po­lit beson­nen, auf sei­ne Stu­di­en der gro­ßen Lite­ra­tur, die er auch als Kom­mu­nist nie auf­ge­ge­ben hat­te, und sein immenses Inter­es­se an der Moder­ne. Nach dem Krieg, mit der finan­zi­el­len Sicher­heit einer zwei­ten Ehe im Rücken, dach­te er ernst­haft an einen Roman. Sich sei­ner Fer­tig­kei­ten nicht sicher, hat­te er die letz­ten Jah­re über meh­re­re Ange­bo­te von Ver­la­gen abge­lehnt, ihm ein Jahr lang ein Monats­ge­halt für einen sol­chen zu zah­len.
Die Idee für Invi­si­ble Man selbst kam ihm 1945 bei der Lek­tü­re von Lord Raglans gro­ßem Werk über den Arche­typ des Hel­den, aber es soll­te noch etwas dau­ern, bis er, ande­re Roman­pro­jek­te ver­wer­fend, aus­schließ­lich dar­an zu arbei­ten begann. Es soll­te kei­nes­falls ein auto­bio­gra­phi­sches Buch wer­den, auch wenn per­sön­li­che Erfah­run­gen und Er­lebnisse ein­flossen, ins­be­son­de­re sei­ne Bezie­hung und spä­te­re Lösung von der KP. Das Buch ist weit uni­ver­sel­ler ange­legt, wie ein ers­ter Abriss sei­ner Idee für Agent und Ver­le­ger zeigt: »Ich weiß nur soviel«, schrieb er ihnen, »der Unsicht­ba­re wird sich die gan­ze Lei­ter des Neger­da­seins nach oben arbei­ten, wobei er mit des­sen ver­schie­dens­ten For­men und Per­sön­lich­keits­ty­pen in Kon­takt kommt wird; er wird sich in der schwar­zen Mittel­klasse bewe­gen, in der Lin­ken und dann wie­der abstei­gen in die chao­ti­sche Atmo­sphä­re der Har­le­mer Unter­welt. Sei­nen Auf­stieg bewerk­stel­ligt er mit Oppor­tu­nis­mus und Unter­wür­fig­keit. Psy­cho­lo­gisch ist er ein Ver­rä­ter an sich selbst, sei­nen Leu­ten und an der Demo­kra­tie, wobei sein Ver­rat in eben sei­ner Unter­wür­fig­keit und sei­nem Oppor­tu­nis­mus besteht.« Und sei­ner Schwä­chen sei er sich in hohem Maße bewusst. »Er ist etwas sehr Sel­te­nes, ein Neger und ein wah­rer Indi­vi­dua­list… Er ist dar­über hin­aus das Inbild eines bestimm­ten Typs von Schwar­zen, der sich in dem Vaku­um bewegt, für das das wei­ße Ame­ri­ka durch sei­ne Unfä­hig­keit, Neger als Men­schen zu sehen, gesorgt hat. Man könn­te ihn als das unter­drück­te mora­li­sche Gewis­sen Ame­ri­kas bezeich­nen, das für soviel Ver­wir­rung sorgt: Man sieht ihn nicht, man igno­riert ihn, und doch ist er ein mensch­li­cher Fakt, der für Kon­flik­te sorgt, die man immer zu spät ent­deckt.« Dass er sich ein Monu­men­tal­werk vor­ge­nom­men hat­te, war ihm eben­falls bereits klar. Er hielt es da ganz mit Ish­ma­els Maxi­me vom gewal­ti­gen The­ma für ein gewal­ti­ges Buch.
Vom ers­ten Augen­blick an war das Schlimms­te für ihn die Vor­stel­lung, man könn­te sein Buch als groß­ar­ti­ges, aber eben doch nur als das Werk eines Negers bezeich­nen, könn­te ihn mit der­selben her­ab­las­sen­den Art, den­sel­ben ober­fläch­li­chen Kom­pli­men­ten fei­ern wie selbst Grö­ßen vom Kali­ber eines Hug­hes oder Wright. Nicht zuletzt also in dem schier ver­zwei­fel­ten Ver­lan­gen, sich ganz bewusst in die »Welt­li­te­ra­tur« zu schrei­ben, bet­te­te er die Geschich­te sei­nes Unsicht­ba­ren in ein viel­schichtiges Fun­da­ment aus His­to­rie, Mythos, Ritu­al, Zah­len­mys­tik, Folk­lo­re, lite­ra­ri­schen Anspie­lun­gen und Psy­cho­lo­gie; zu wür­zen ver­stand er sie mit Ele­men­ten ver­schiedenster Sti­le und Gat­tun­gen von der Tra­gö­die über die Komö­die bis hin zur Far­ce. (Es war ihm damit so ernst, dass er zeit­le­bens auf­brau­sen soll­te, woll­te einer sei­ner Leser die eine oder ande­re Dop­pel­be­deu­tung nicht sehen.) So soll­te Invi­si­ble Man die Geschich­te von Ame­ri­kas Schwar­zen all­ge­mein nach­zeichnen, und das im expe­ri­men­tel­len lite­ra­ri­schen Kon­text eines Eli­ot, Joy­ce, Mel­vil­le, Dos­to­jew­ski oder Mark Twain.
Sechs Jah­re soll­te es dau­ern, bis das Werk fer­tig war. Ein Abga­be­ter­min nach dem ande­ren wur­de ver­scho­ben. Elli­son leb­te von Vor­schüs­sen, dem einen oder ande­ren Vor­trag, vor allem aber vom Ein­kom­men sei­ner Frau. Mehr und mehr kap­sel­te er sich dabei ab vom Leben in Har­lem. Wann immer sich eine Mög­lich­keit bot, nicht in der klei­nen Woh­nung schrei­ben zu müs­sen, nahm er sie an. Er hat­te kaum etwas ande­res im Kopf, als sich und damit die ame­ri­ka­ni­schen Schwar­zen in die Lite­ra­tur­ge­schich­te zu schrei­ben. Er sah nichts als sein Werk und das Ver­spre­chen ewi­gen Ruh­mes.
Offi­zi­el­les Erschei­nungs­da­tum war der 14. April 1952. Aber bereits die Reak­tio­nen auf die vor­ab ver­schick­ten Rezen­si­ons­ex­em­pla­re nah­men sich wie die Vor­be­ben einer grö­ße­ren Erd­erschütterung aus. Auch wenn es sich nicht ver­mei­den ließ, dass immer wie­der von »Neger­schrift­stel­ler« und »Neger­li­te­ra­tur « die Rede war, so ahn­te man alles in allem Grö­ße­res, »des­sen Wert und Genie womög­lich erst künf­ti­ge Genera­tio­nen ver­ste­hen«. Letzt­lich maß man das Buch jedoch, Elli­sons Träu­men ent­spre­chend, nicht nur an der schwar­zen Lite­ra­tur, son­dern nach all­ge­mei­nen lite­ra­ri­schen Maß­stä­ben. »Die Geo­gra­phie der Höl­le«, hieß es in der New York Times, »steckt noch in den Kin­der­schu­hen, aber Invi­si­ble Man »gehört im Regal neben die klas­si­schen Bemü­hun­gen der Mensch­heit, den Strom der Unter­welt von der Quel­le bis zur Mün­dung zu kar­to­gra­phie­ren.«
Gefiel das Buch dem über­wie­gen­den Teil den wei­ßen Rezen­sen­ten, galt für die schwar­zen das Gegen­teil. Iro­nie der schwarz-wei­ßen Rea­li­tät Ame­ri­kas, druck­ten glück­li­cher­wei­se die gro­ßen, wich­ti­gen  Zei­tun­gen und Maga­zi­ne die Ansicht der wei­ßen Kri­tik. Und bei genaue­rer Hin­sicht erwei­sen sich die Mei­nun­gen der schwar­zen wie der kom­mu­nis­ti­schen Kri­tik zumeist als von Neid und per­sön­li­cher Rach­sucht geprägt bis ver­ständ­nis­los. (Immer­hin sorg­ten sie dafür, dass man ihn nicht als Sym­pa­thi­san­ten, geschwei­ge denn als Kom­mu­nis­ten ver­däch­ti­gen soll­te in der Roten­hatz, die mit Beginn des Korea­kriegs in Fahrt kam.)

(Fort­set­zung folgt)

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