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Wiki­Leaks und Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal

Immer wie­der sehe ich mich die­ser Tage dank Wiki­Leaks an eine Über­set­zung erin­nert, die ich vor eini­gen Jah­ren gemacht habe: Das Jahr­buch Kor­rup­ti­on 2005 von Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal.1 Las­sen Sie mich das kurz erklä­ren…

bei ama­zon

Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal ist eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich den Kampf gegen die Kor­rup­ti­on auf die Fah­nen geschrie­ben hat. Welt­weit. Ihr Grün­der ist Peter Eigen,2 ein deut­scher Jurist, der unter ande­rem als Welt­bank-Mana­ger in West­afri­ka tätig war. In die­ser Eigen­schaft erleb­te er aus ers­ter Hand, wel­chen Scha­den Kor­rup­ti­on anrich­tet, in der drit­ten wie über­all sonst auf der Welt. Ich habe wäh­rend der Über­set­zung eine unge­mei­ne Bewun­de­rung ent­wi­ckelt für die­sen Mann. In einem der zahl­rei­chen Fall­bei­spie­le ver­schie­de­ner Autoren ging es um Russ­land. Es wird dar­in ziem­lich anschau­lich geschil­dert, wie kor­rup­te Machen­schaf­ten den indus­tri­el­len Mit­tel­stand ent­eig­net haben. Nicht zuletzt sind das die Machen­schaf­ten, die zu den Mil­li­ar­den­ver­mö­gen geführt haben, die laut Putin heu­te in Deutsch­land bzw. Euro­pa nach Anla­ge­mög­lich­kei­ten  ver­lan­gen.3
Was mich an das Buch bzw. die­sen Arti­kel erin­nert hat, ist fol­gen­de Pas­sa­ge in einem Leit­ar­ti­kel des bri­ti­schen Guar­di­an:

Wiki­Leaks mag sich hier und da im Urteil dar­über ver­ga­lop­piert haben, wo genau bei der Ver­öf­fent­li­chung von Kriegs­ta­ge­bü­chern und Depe­schen die Gren­ze zu zie­hen ist, aber alles in allem sind die Vor­her­sa­gen der Panik­ma­cher über den Ein­bruch des Him­mels nicht ein­ge­trof­fen. Man wirft Herrn Assan­ge eine har­te anti­ame­ri­ka­ni­sche Hal­tung vor. Dabei ver­öf­fent­licht er seit eini­gen Jah­ren deku­vrie­ren­des Mate­ri­al über kor­rup­te, repres­si­ve Regie­run­gen über­all auf der Welt, ein Unter­fan­gen, mit dem er eher allein auf wei­ter Flut stand, obwohl sich die­ses in sei­nen Inten­tio­nen gar nicht so sehr von  Orga­ni­sa­tio­nen wie Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal unter­schei­det, die sich der groß­zü­gi­gen Unter­stüt­zung der USA erfreut.

bei ama­zon

Auch Lar­ry Kings Inter­view mit dem rus­si­schen Minis­ter­prä­si­den­ten Wla­di­mir Putin hat­te mich an den Russ­land-Arti­kel im Jahr­buch Kor­rup­ti­on 2005 erin­nert. Das Inter­view bezog sei­ne Span­nung ja nicht aus dem Umstand, dass Putin Scha­dens­be­gren­zung  hin­sicht­lich der bei Wiki­Leaks durch­ge­si­cker­ten Depe­schen betrei­ben woll­te; man hat ja irgend­wie dar­auf gewar­tet, dass King den Mann nach dem rus­si­schen »Mafia-Staat« befragt und viel­leicht sogar, wie vie­le Schäf­chen er selbst so ins Tro­cke­ne gebracht hat. Eine albern-nai­ve Erwar­tung, sicher. Aber Lar­ry King hört ja ohne­hin auf. War­um nicht noch eine Bom­be? Weil der Mann ein Voll­pro­fi ist, klar… Und Putin, der es doch nun wirk­lich nicht nötig hat, bedank­te sich ja denn auch dicke dafür:

KING: Herr Pre­mier­mi­nis­ter, ich bedan­ke mich viel­mals. Ich freue mich dar­auf, Sie bald auf  rus­si­scher Erde zu sehen.
PUTIN: Lar­ry, Sie sind ein­ge­la­den. Ich erwar­te Sie hier in Mos­kau. Sie haben Mos­kau bis­lang nie besucht, und ich bin sicher, es wird Ihnen gefal­len.
KING: Vie­len Dank, Herr Pre­mier­min­siter.
PUTIN Kann ich Sie noch etwas fra­gen?
KING: Sicher.
PUTIN Ich weiß nicht war­um, aber der König ver­lässt die ame­ri­ka­ni­sche Büh­ne. Also –
KING: Manch­mal weiß ich selbst nicht war­um.
PUTIN Es gibt auf der ame­ri­ka­ni­schen Büh­ne und in den ame­ri­ka­ni­schen Mas­sen­me­di­en vie­le talen­tier­te und inter­es­san­te Leu­te, aber trotz­dem gibt es dort nur einen King. Ich fra­ge nicht, war­um er abtritt. Aber trotz­dem, was mei­nen Sie, wann wer­den wir wie­der mit Recht aus­ru­fen kön­nen, ›Lang lebe der König.‹ ? Wann wird es wie­der einen Mann geben, der welt­weit so beliebt ist, wie sie es nun ein­mal sind?

Vom mäch­tigs­ten Mann Russ­land Rotz um die Backe geschmiert zu bekom­men! Das ist schon was; ich den­ke mal, danach kann man beru­higt in den Ruhe­stand tre­ten, King oder nicht. Trotz­dem ver­dankt er das Kom­pli­ment wohl sei­nem diplo­ma­ti­schen Geschick, zu dem ja wohl auch gehört, gewis­se Gedan­ken – und sei­en sie noch so offen­sicht­lich – für sich zu behal­ten. Nicht zuletzt ja auch ein grund­sätz­li­ches Pro­blem der Ver­öf­fent­li­chun­gen auf Wiki­Leaks. Wie auch der Gedan­ke, der sich nach die­sem Inter­view auf­drängt: Führt die mas­sen­haf­te Auf­de­ckung poli­ti­scher Lügen bzw. gar Kor­rup­ti­on  zur wei­te­ren Gewöh­nung dar­an wie im Fal­le der Ver­öf­fent­li­chung von Sextapes  inter­na­tio­na­ler Stars? Braucht man dann in Fäl­len, die einen frü­her erle­digt hät­ten, nur kalt lächelnd dazu zu ste­hen? Und ist danach popu­lä­rer denn je zuvor. Die Ita­lie­ner bele­gen dies ja womög­lich jetzt schon mit ihrem Chef. Noch möch­te ich glau­ben, bei uns wür­den der­lei Ver­mu­tun­gen über das Staats­ober­haupt zu, tja, etwas – irgen­was – füh­ren…

  1. Ist die Tat­sa­che, dass ein Buch von die­ser Bedeu­tung bei amazon.com nicht einen ein­zi­gen Leser­kom­men­tar her­vor­ge­bracht hat, ein Hin­weis dar­auf, wie sehr das Schick­sal die­ser Welt Genera­tio­nen zuge­tacker­ter Deorol­ler am Arsch vor­bei­geht? Auch wenn 2005 drauf steht, das Buch gehört mehr denn je gele­sen. []
  2. * 11. Juni 1938 in Augs­burg. Er ist Grün­der und war Vor­sit­zen­der der NGO Trans­pa­ren­cy Inter­na­tio­nal, deren erklär­tes Ziel es ist, sich gegen Kor­rup­ti­on zu enga­gie­ren. Seit 2004 ist er mit Gesi­ne Schwan ver­hei­ra­tet. Im Jahr 2007 grün­de­te er zusam­men mit Burk­hard Gnä­rig das Ber­lin Civil Socie­ty Cen­ter, ein Forum für inter­na­tio­nal täti­ge Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tio­nen, das den Aus­tausch von Erfah­rung und Wis­sen inner­halb der Zivil­ge­sell­schaft und mit ande­ren Berei­chen erleich­tern soll. []
  3. Süd­deut­sche Zei­tung, Samstag/Sonntag, 27./28. Novem­ber 2010, »Putin: Euro­pa miss­ach­tet rus­si­sche Inves­to­ren« []

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