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Lin­gu­is­ti­sche Aspek­te des Slang (5)

E.B. Tylor – Lin­gu­is­ti­sche Aspek­te des Slang (5)

Macmillan’s Maga­zi­ne, Vol. XXIX (1873–74) pp. 502–513

Über­set­zung © Bern­hard Schmid

(Fort­set­zung von)

Es lässt sich nicht ver­mei­den, dass der Schatz alt­ehr­wür­di­ger Scher­ze, wie er uns in Slang­wör­ter­bü­chern erhal­ten ist, zuwei­len treff­li­chen Anek­do­ten moder­ne­ren Datums im Wege steht. So ver­hält es sich mit fol­gen­der berühm­ten Pas­sa­ge aus Car­lyles Life of Ster­ling: »Mir ist ein Bei­spiel für Ster­lings Elo­quenz zu Ohren gekom­men, das uns auf den Schwin­gen schmun­zeln­den Hören­sa­gens über­lie­fert ist und augen­schein­lich auf die eine oder ande­re Art auf den Kon­ser­va­tis­mus der Kir­che anspielt: ›Haben sie nicht?‹ oder viel­leicht auch ›Hat Sie (die Kir­che) nicht‹ – ›einen schwar­zen Dra­go­ner in jeder Gemein­de, bei gutem Salär und eben­sol­cher Kost aus Ross- und Men­schen­fleisch, der dort Patrouil­le rei­tet und für der­lei kämpft?‹« Durch­aus wahr­schein­lich, so bemerkt Car­lyle, dass der schwar­ze Dra­go­ner »begreif­li­cher­wei­se die rund­um jun­ge Phan­ta­sie zu stür­mi­schem Geläch­ter auf­sta­chel­te«; der Scherz jedoch war bereits etwas ange­staubt, da bereits Gro­se, lan­ge vor Ster­lings Geburt, in sei­nem Slang­wör­ter­buch »a review of the black cui­ras­siers« als »Heim­su­chung durch die Geist­lich­keit« defi­niert hat­te. Die­sel­be klas­si­sche Auto­ri­tät (das Buch erschien 1785) übri­gens, die Tur­key mer­chant als Geflü­gel­händ­ler* defi­niert. Ich muss es bes­se­ren Ken­nern der Ver­gan­gen­heit über­las­sen, die Fra­ge um die Wahr­schein­lich­keit einer Anek­do­te zu klä­ren, nach der die­ser Scherz von dem (1736 gebo­re­nen) Hor­ne Too­ke stammt, den die Jungs bei sei­ner Ankunft in Eton die schreck­li­che Fra­ge nach sei­nen Ver­hält­nis­sen stell­ten: »Was macht denn dein Vater?«

Es war unter Ety­mo­lo­gen durch­aus üblich, ein Wort, mit dem man sei­ne lie­be Not hat­te, etwas abzu­än­dern, um Sinn hin­ein­zu­be­kom­men, so wie wir das von Stra­ßen­händ­lern her ken­nen; ers­te­re frei­lich mit wis­sen­schaft­li­chem Anspruch, wäh­rend letz­te­re ein Wort nur der Umgangs­spra­che anpas­sen wol­len. Einem die­ser geschei­ten Gelehr­ten (der gro­ße Feh­ler von Phi­lo­lo­gen ist der, dass sie ein­fach zu gescheit sind) woll­te nicht ein­leuch­ten, war­um man mit Käse über­ba­cke­nen Toast als Welsh rab­bit bezeich­nen soll­te, so dass er denn zu dem Schluss kam, es müs­se sich um eine Ver­ball­hor­nung von Welsh rare-bit (im Sin­ne eines Lecker­bis­sens) han­deln. Die Öffent­lich­keit nahm es ihm ab und schrieb das Wort ent­spre­chend, so dass heu­te selbst die bes­te Aus­ga­be von Webster’s Dic­tion­a­ry (Bell and Daldy’s) das Gericht als »eigent­lich Welsh rare-bit« wie­der­gibt. Nun, das Gan­ze ist schlicht dum­mes Zeug; der Begriff rare-bit an sich ist erfun­den, und Welsh rab­bit ist ein genui­ner Slang­be­griff, der zu einer gran­zen Grup­pe von Begrif­fen gehört, die auf die­sel­be humor­vol­le Wei­se das beson­de­re Gericht, Pro­dukt bzw. die Spe­zia­li­tät einer bestimm­ten Gegend beschreibt. Eini­ge Bei­spie­le: ein Essex sti­le ist ein Gra­ben und ein Essex lion ein Kalb, Field-lane duck ist ein geba­cke­ner Schafs­kopf; Glas­gow magis­tra­tes, Gou­rock hams oder Nor­folk capons sind alle­samt Bück­lin­ge; Irish apri­cots oder Muns­ter plums sind Kar­tof­feln; Grave­send sweet­me­ats sind Krab­ben; und ein Jeru­sa­lem pony ist ein Esel.

Wort­spie­le füh­ren zu merk­wür­di­gen neu­en Begrif­fen. Als etwa die alt­be­währ­te Maschi­ne­rie des Hen­kers – Wagen und Lei­ter – durch den »drop« (Fall­tür) ersetzt wur­de, sprach die für der­glei­chen Fein­hei­ten emp­fäng­li­che Men­ge davon, es sei autumn für den Ver­bre­cher in Anspie­lung auf das Fal­len des Laubs; oder, um ein weni­ger degou­tier­li­ches Bei­spiel zu neh­men: Als in Frank­reich ein auf­gemöbelter alter Schuh als dix-huit bezeich­net zu wer­den begann, weil er deux fois neuf war. Der Händ­ler in Sachen Slang wickelt sei­ne neue Bedeu­tung ger­ne in einen Witz, auf dass sei­ne Kund­schaft ihn aus­packt – und etwas Unan­ge­neh­mes dar­in fin­det. Man ver­langt von ihm sein Geld zurück, und er bie­tet einem ein drau­ght aus dem Pump­werk von Ald­ga­te; man gesteht ihm, ein Narr gewe­sen zu sein, weil man ihm ver­traut hat­te, und er emp­fielt einem kühl, doch nach Bat­ter­sea (mit sei­nen berühm­ten Kräu­ter­gär­ten) zu gehen, um sich dort sei­ne simp­les stut­zen zu las­sen. Wort­spie­le auf Orts­na­men bil­den dabei eine Klas­se für sich. Nach Bed­fordshire oder auf die Scil­ly Isles zu gehen, bedarf kei­ner Erklä­rung; ein Green­lan­der ist ein Neu­ling, und Feri­en in Peck­ham zu machen bedeu­tet, ohne Abend­essen aus­kom­men zu müs­sen. Nach dem­sel­ben Prin­zip bedeu­tet in Frank­reich »aller à Ver­sailles« sich auf­re­gen und ein Narr »fait son cours à Asniè­res«; es ist dort außer­dem ein all­ge­mein bekann­ter Wink mit dem Zaun­pfahl, jeman­den sei­nes Wegs zu schi­cken, indem man ihm eine Prä­ben­de in der Abtei von Vat­an in Aus­sicht stellt. Um nicht wei­ter bei eher schwa­chen Bil­dun­gen zu ver­har­ren, wer­fen wir als nächs­tes einen Blick auf his­to­ri­sche Relik­te in sol­chen Slang­wör­tern, die ihren Ursprung im Namen einer Per­son oder eines Ortes haben oder Zeug­nis eines Ereig­nis­ses able­gen, eines Brauchs oder einer Idee.

Eini­ge die­ser his­to­ri­schen Ablei­tun­gen sind modern und ver­traut wie etwa die Namen bob­by oder pee­ler oder to burk, ein unan­ge­neh­mes The­ma ersti­cken. Weni­ger bekannt ist, dass es einen Gene­ral Mar­ti­net gab, des­sen Namen man auf ande­re Zucht­meis­tern über­trug; dass die Eisen­tür bzw. der Schie­ber an einem Ofen ein­mal ein sache­verel war nach dem berühm­ten »blower of the coals of dis­sen­si­on« zu Queen Annes Zeit; dass das weiß­ge­punk­te­te blaue Hals­tuch, das wir heu­te noch als bel­cher bezeich­nen, den Namen eines berühm­ten Preis­kämp­fers trägt; und dass der gal­gen­ähn­li­che Kran, mit dem man auf Werf­ten die Schif­fe mit Mas­ten ver­sieht, sei­nen Namen einem berühm­ten Scharf­rich­ter namens Der­rick, dem Cal­craft des 17. Jahr­hun­derts, ver­dankt. Bas­ti­le, die Bezeich­nung der Nicht­sess­haf­ten für ein Armen­haus (»uni­on work­house«); Bil­lings­ga­te als all­ge­mei­ne Bezeich­nung für jede Art von Unflä­tig­keit; und das Ver­bum to chi­vey nach dem Jun­gen­spiel Che­vy Cha­se sind Bei­spie­le mit offen­sicht­li­cher His­to­rie. Ande­re sind weni­ger offen­sicht­lich. So gehört der Begriff »hums in the autem«, mit dem die Spra­che der Die­be Leu­te in der Kir­che bezeich­net, in die Tage, in denen die Gemein­de einem belieb­ten Pre­di­ger durch Sum­men Bei­fall zoll­te; »the devil to pay, and no pitch hot« ist nicht etwa der bare Unsin, für die Lands­leu­te ihn hal­ten, da die Wen­dung sich auf die unter See­leu­ten als »Teu­fel« bezeich­ne­te und schwer abzu­dich­ten­de Düwel­naht bezieht; das Wort cocks­hy bewahrt die Erin­ne­rung an den einst belieb­ten Zeit­ver­treib, mit Knüt­teln nach leben­den Häh­nen zu wer­fen; und die cock-and-bull sto­ry, ein Begriff, den man heu­te auf eine aber­ne, nicht enden wol­len­de Geschich­te bezieht, illus­triert die Ver­ach­tung, mit der man die alten Tier­fa­beln bedach­te, das schie­re Ent­zü­cken, das der Mensch bei der Betrach­tung aller nied­ri­ge­ren Kul­tur­stu­fen rund um den Glo­bus emp­fand. Vie­le Wör­ter die­ser Kate­go­rie, hät­ten womög­lich als nicht mehr zu dechif­frie­ren­de Rät­sel in der Spra­che wei­ter­ge­lebt, hät­te nicht eine Per­son, der sie zufäl­lig kann­te, notiert. Zwei­fels­oh­ne ver­fügt jede Spra­che über der­lei his­to­ri­sche Wör­ter mit ver­lo­ren gegan­ge­nem Ursprung – ein Gedan­ke, der all jenen Phi­lo­lo­gen als War­nung vor ihrem Gewohn­heits­las­ter die­nen mag, die Ety­mo­lo­gie selbst des letz­ten Wor­tes fin­den zu wollen.

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* Anm. d. Übers. Da mir der “Witz” die­ses Slang­be­griffs nicht ganz ein­leuch­ten will, fra­ge ich mich, ob Gro­se nicht womög­lich einen Ange­hö­ri­gen der Wor­s­hip­ful Com­pa­ny of Poul­ters, eine der 108 Gil­den der City of Lon­don, meint. Nicht dass ich einen gro­ßen Unter­schied sehe. Falls ein Fach­mann auf die­sen Arti­kel sto­ßen sollte…

(Fort­set­zung von)(Fort­set­zung hier)

Wor­s­hip­ful Com­pa­ny of Poulters

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