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Die Funk­ti­on des Slangs (2)

Serie

Bran­der Mat­thews teilt den Slang grob in vier Kate­go­rien, die in die­sem zwei­ten Teil sei­nes Essays umris­sen wer­den. Es wird sicher vie­le erstau­nen, dass Slang über das unmit­tel­ba­re Gau­di­um hin­aus eine wich­ti­ge Funk­ti­on inner­halb unse­rer Spra­che hat. Inter­es­sant sind auch die Zeit­räu­me, von denen hier die Rede ist: dass Wör­ter bin­nen drei Jahr­hun­der­ten aus der Gos­se auf­stei­gen und wie­der in der Gos­se ver­schwin­den kön­nen, hat nun sicher nichts mehr von der »Rasanz«, von der Mat­thews in die­sem Zusam­men­hang spricht. In die­ser Hin­sicht müss­te man heu­te natür­lich der Beschleu­ni­gung der Zeit Rech­nung tra­gen. Und sicher müss­te man auch »vul­gär« und »Gos­se« neu defi­nie­ren. Aber das machen wir, wie gesagt, spä­ter. Blei­ben wir mal bei den Grund­la­gen. Es hat sich hier­zu­lan­de prak­tisch nie jemand wirk­lich damit befasst.

Fort­set­zung von hier.  Über­set­zung © Bern­hard Schmid

Bran­der Mat­thews
Die Funk­ti­on des Slangs
aus Parts of Speech: Essays on Eng­lish (1901)

Teil II

Eine Ana­ly­se moder­nen Slangs offen­bart uns die Tat­sache, dass sich die Wör­ter und Wen­dun­gen, aus denen er sich zusam­men­setzt, grob in vier Kate­go­rien ein­tei­len las­sen, alle recht unter­schied­li­chen Ursprungs und sehr ver­schie­denen Werts. Zwei­en die­ser Katego­rien gegen­­­über mag die Ver­ach­tung zuläs­sig sein, die dem Slang als Gan­zes gegen­über so oft zum Aus­druck gebracht wird. Den bei­den ande­ren Kate­go­rien gegen­über ist ein sol­ches Gefühl ganz und gar nicht gerecht­fer­tigt, da sie der Spra­che einen unschätz­ba­ren Dienst erwei­sen.

Die ers­te der bei­den unwür­di­gen Kate­go­rien ist jene, zu der die Über­le­ben­den des »Diebesla­teins« gehö­ren, jene vul­gä­ren Aus­drücke, mit denen vul­gä­re Men­schen vul­gä­re Din­ge be­schreiben. Es ist dies der Slang, den der Ste­no­graph des Poli­zei­ge­richts kennt und ger­ne aus­gie­big im Mun­de führt. Es ist dies der Slang, den Dickens in die Lite­ra­tur ein­geführt hat. Es ist die­se Kate­go­rie von Slang, die in der Haupt­sa­che für den schlech­ten Ruf des Begriffs ver­ant­wort­lich ist. Ein Gut­teil des Miss­fal­lens der Leu­te fei­ne­ren Geschmacks gegen­über dem Slang kommt jedoch von der zwei­ten Kate­go­rie, zu der die kurz­le­bi­gen Wen­dun­gen ge­hören, die rein zufäl­lig für eine Sai­son im Schwan­ge und schließ­lich ein für alle mal wie­der ver­ges­sen sind. Die­se Ein­tags­flie­gen unter den Schlag­wör­tern sind sel­ten anrü­chig wie in vie­len Fäl­len die Wör­ter und Wen­dun­gen der ers­ten Kate­go­rie, aber sie sind durch die Bank albern. The­re you go with your eye out, das als wit­zi­ge Bemer­kung in Lon­don gang und gäbe war, und Whe­re did you get that hat?, das sich kur­zer Beliebt­heit in New York erfreu­te, sind Wen­dun­gen so harm­los wie schal. Die­se kurz­le­bi­gen Phra­sen kom­men und gehen und sind rasch wie­der ver­gessen. Wahr­schein­lich muss man den meis­ten Lesern von For­cy­the Wil­sons Old Ser­geant heu­te erklä­ren, dass wäh­rend des Krie­ges grape-vine ein bewusst in die Welt gesetz­tes Gerücht bezeich­ne­te.
Es muss jedoch gesagt wer­den, dass im Fal­le der ers­ten Klas­se ein Stre­ben nach oben zu kon­sta­tie­ren ist, eine Ten­denz sich zu des­in­fi­zie­ren, wie jedem Leser von Gro­ses Dic­tion­a­ry of the Vul­gar Tongue auf­fal­len muss, wenn er ent­deckt, dass Wen­dun­gen, die einem heu­te völ­lig unge­zwun­gen über die Lip­pen gehen, im vori­gen Jahr­hun­dert eine gehei­me Bedeu­tung hat­ten. Es gibt auch, und gar nicht so weni­ge, ver­steck­te Anspie­lun­gen in eini­gen von Shake­speares bekann­tes­ten Stü­cken, die glück­li­cher­wei­se allen außer den auf das eli­sa­be­tha­ni­sche Voka­bu­lar spezia­lisierten Stu­dio­si ent­ge­hen.

Die ande­ren bei­den Kate­go­rien von Slang sind ganz anders gear­tet. Auch wenn sie unter dem Stig­ma lei­den, das Dank der bei­den bereits cha­rak­te­ri­sier­ten Kate­go­rien jed­we­dem Slang an­haftet, die­nen sie einem Zweck. Ja, nicht nur ist ihre Nütz­lichkeit unbe­strit­ten, sie war nie grö­ßer als heu­te. Eine die­ser Grup­pen besteht aus alten und ver­ges­se­nen Wör­tern und Wen­dun­gen, die jetzt nach lan­ger Bra­che wie­der an die Ober­flä­che zu kom­men ver­su­chen. Die ande­re besteht aus neu­en Wör­tern und Wen­dun­gen, die, so kraft- und aus­drucks­voll sie oft sein mögen, noch kei­nen Platz im lite­ra­ri­schen Lexi­kon haben und noch in der Pro­be­zeit sind. In die­sen bei­den Kate­go­rien fin­den wir die Recht­fer­ti­gung für die Exis­tenz des Slangs, da es die Funk­ti­on des Slangs ist, unse­ren Wort­schatz zu be­reichern. Wör­ter nut­zen sich ab und ver­trocknen; wie Obst ver­lie­ren sie dabei an Saft und Geschmack. Und in die­sem Augen­blick wird es zur Pflicht des Slangs, einen Ersatz für die­je­ni­gen guten alten Wör­ter zu stel­len, die durch den har­ten Dienst faden­schei­nig gewor­den sind. Und vie­le der Rekru­ten, die der Slang ange­heu­ert hat, sind es wert, in das ste­hen­de Heer unse­rer Wör­ter auf­ge­nom­men zu wer­den. Wenn man einen Kon­ser­va­ti­ven mit Scheu­klap­pen, der zu fade ist die Poe­sie der Welt um ihn her­um zu sehen, als mos­s­back bezeich­net? Wenn uns ein Schau­spie­ler erzählt, wie die rei­sen­de Trup­pe, mit der er unter­wegs war, gestran­det (stran­ded) sei, wer woll­te die Kraft, die Treff­lich­keit die­ses Aus­drucks nicht sehen? Und wenn wir jeman­den sagen hören, wie reich er wäre, käme sein fore­sight (Weit­blick) nur sei­ner hind­sight (nach­träg­li­chen Ein­sicht) gleich, wer wüss­te den Wert eines sol­chen Wor­tes nicht zu schät­zen? Es nimmt nicht wei­ter Wun­der, wenn der Wort­künst­ler sich nach Wor­ten sehnt, die das Lexi­kon mit jugend­li­cher Fri­sche rege­nerieren! Es nimmt nicht wei­ter Wun­der, dass der Autor, der sei­ne Gedan­ken frisch zu prä­sen­tie­ren wünscht, dazu Wör­ter wählt, die noch in der Blü­te ste­hen, und dabei älte­re, ver­trock­ne­te Wör­ter außer Acht lässt, die kaum zu mehr als zur Auf­be­wah­rung in einem Her­ba­ri­um tau­gen wol­len!

Der Slang­for­scher ist über­rascht, in wie vie­len Fäl­len er einen ehren­wer­ten Stamm­baum für Wör­ter auf­zu­zeigen ver­mag, die schon vor so lan­ger Zeit ihres hohen Stan­des ver­lus­tig ge­gangen sind, dass man sie als Par­ve­nüs abtut, wagen sie es noch ein­mal, sich behaup­ten zu wol­len. Wör­ter haben ihre Schick­sa­le wie Men­schen und Bücher; und das Auf und Ab einer Wen­dung ist oft kaum weni­ger an­rührend als das eines Men­schen. Es heißt, hier in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten wen­de sich das Blatt des Schick­sals so plötz­lich, dass es nur drei Genera­tio­nen von Hemds­är­meln zu Hemds­­ärmeln sind. Die eng­li­sche Spra­che ist nicht ganz so schnell wie das ame­ri­ka­ni­sche Volk, aber selbst in der eng­li­schen Spra­che sind es nur drei Jahr­hun­der­te von Hemds­ärmeln zu Hemds­är­meln. Was könn­te einem moder­ner, ja west­ame­ri­ka­ni­scher erschei­nen als deck für einen Packen Kar­ten oder to lay out bzw. to lay out cold dafür, jeman­den nie­der zu schla­gen? Und doch sind bei­des gute alte Aus­drü­cke, die, nicht län­ger im Nieder­gang begrif­fen, auf ein erneu­tes Lebens­recht bestehen. Deck ist elisabetha­nisch; wir fin­den in Shake­speares King Hen­ry VI (Teil II, Akt V, Sze­ne 1)

The king was sly­ly fin­ger’d from the deck.

To lay out in sei­nem moder­nen Sin­ne ist ein­deu­tig sehr frü­hes Eng­lisch.

Fort­set­zung hier

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