SlangGuy's Blog ...

Über die Funk­ti­on des Slangs (6)

Fort­set­zung von hier. Über­set­zung © Bern­hard Schmid

Bran­der Mat­thews
Die Funk­ti­on des Slangs
aus Parts of Speech: Essays on Eng­lish (1901)

Teil VI
(Ende)
Serie

Viel­leicht ist das Bild von der Aris­to­kra­tie etwas irre­füh­rend, da wir in der eng­li­schen Spra­che wie im nach­re­vo­lu­tio­nä­ren Frank­reich la car­ri­è­re ouver­te aux talents fin­den und jedes Wort eine fai­re Chan­ce auf die höchs­te Wür­de – die Auf­nah­me ins Wör­ter­buch – hat. Zwei­fels­oh­ne spie­len fami­liä­re Bezie­hun­gen nach wie vor eine gro­ße Rol­le, und eini­ge Wör­ter tun sich weit leich­ter damit, im Leben auf­zu­stei­gen als ande­re. Über­wie­gen­der Ansicht nach ver­lei­hen Krieg, Gesetz und Medi­zin einem Ter­mi­nus tech­ni­cus einen ehren­wer­te­ren Stamm­baum als zum Bei­spiel die Büh­ne oder der eine oder ande­re Sport.

Und den­noch ver­fügt gera­de die Welt der Büh­ne über ein eige­nes volu­mi­nö­ses Voka­bu­lar, das mit höchs­ter Prä­zi­si­on ein­ge­setzt wird. Das Thea­ter ist eine Brut­stät­te zeit­ge­nös­si­schen Slangs, der oft nicht weni­ger gesetz­los, kräf­tig und aus­drucks­stark ist als die Phra­sen des ame­ri­ka­ni­schen Wes­tens; aber es ver­fügt auch über eine eige­ne Ter­mi­no­lo­gie mit Hun­der­ten von Wör­tern, die stets mit abso­lu­ter Prä­zi­si­on ein­ge­setzt wer­den. Ein mas­cot, jemand der Glück bringt, und ein hoo-doo, jemand der Pech bringt, sind Begrif­fe aus der Welt der Büh­ne, soviel steht fest; und auch bei so manch ande­rem merk­wür­di­gen Wort wird sie als Quel­le genannt. Aber jeder hin­ter den Kulis­sen weiß auch, was sky-bor­ders, was bunch-lights, was vam­pi­re-traps und raking-pie­ces sind – alle­samt tech­ni­sche Begrif­fe, die alle mit stren­ger Prä­zi­si­on ein­ge­setzt wer­den. Wie die tech­ni­schen Begrif­fe eines jeden ande­ren Metiers auch, sind sie für den Unein­ge­weih­ten oft ver­wir­rend, und ein green­horn könn­te noch nicht ein­mal eine Ver­mu­tung anstel­len über die Bedeu­tung von Aus­drü­cken, die im Kon­ver­sa­ti­ons­zim­mer zu hören sind. Wel­cher Laie ver­möch­te die Auf­ga­be eines cut-drop zu erklä­ren, den Sinn einer carpenter’s sce­ne oder die prä­zi­se defi­nier­ten Pri­vi­le­gi­en, die ein bill-board ticket ein­schließt?

Es gibt ein Wort, das das all­ge­mei­ne Voka­bu­lar der Öffent­lich­keit jüngst dem klei­ne­ren des Schau­spiel­hau­ses ent­lehnt und das augen­schein­lich in der Ver­gan­gen­heit der eine oder ande­re Wan­der­schau­spie­ler von einem ande­ren, mit dem Slang der Die­be ver­trau­ten Vaga­bun­den aus­ge­borgt hat. Die­ses Wort ist fake. Es wies immer schon auf eine betrü­ge­ri­sche Absicht. »Are you going to get up new sce­ne­ry for the new play?« könn­te etwa jemand fra­gen, und die Ant­wort wäre: »No; we shall fake it.« – was bedeu­tet, man wür­de ein altes Büh­nen­bild1 über­ar­bei­ten und der­ge­stalt anpas­sen, dass es den Anschein eines neu­en erweckt. Von der Büh­ne ging das Wort über auf die Zei­tungs­bran­che, wo ein fake2 ein frei erfun­de­ner, also nicht auf Tat­sa­chen begrün­de­ter Arti­kel ist, »made out of who­le cloth«,3 wie ein stump-spea­ker4 sagen wür­de. Für Mr. How­ells,5 stets kühn im Gebrauch neu­er Wör­ter, ist fake gut genug, um es in The Qua­li­ty of Mer­cy6 ohne das Stig­ma von Anfüh­rungs­zei­chen oder Kur­si­ven zu ver­wen­den; so wie er in eben die­sem Roman auch das umgangs­sprach­li­che electrics für elek­tri­sches Licht ver­wen­det: »He tur­ned off the electrics.«

Und dar­auf­hin mag der Rest von uns sowohl fake als auch electrics guten Gewis­sens benut­zen, wobei wir uns ent­we­der hin­ter Mr. How­ells ver­ste­cken, der sich im Fal­le eines Angriffs sei­ner Haut wohl zu weh­ren weiß, oder eben selbst antre­ten und auf unser Recht pochen, die bei­den Wör­ter auf­zu­grei­fen, weil sie nütz­lich sind. »Ist es von­nö­ten? Hält es der sprach­li­chen Ana­ly­se stand? Stammt es aus beru­fe­nem Mun­de oder wird von einem sol­chen gestützt? Dies sind die Über­le­gun­gen, anhand derer ein all­ge­mei­ner Kon­sens gewon­nen oder ver­wor­fen wird«, erfah­ren wir von Pro­fes­sor Whit­ney, »und der all­ge­mei­ne Kon­sens ent­schei­det jeden Fall unter Aus­schluss des Rechts­we­ges.« Ganz zufäl­lig ist Don Qui­xo­te Pro­fes­sor Whit­ney mit die­ser Aus­le­gung des Geset­zes zuvor­ge­kom­men, denn bei sei­ner Unter­wei­sung San­cho Pan­sas, der eben zum Statt­hal­ter einer Insel ernannt wer­den soll, bedien­te der Mann von der Man­cha sich einer lati­ni­sier­ten Form eines gewis­sen Wor­tes,7 das vul­gär gewor­den war, und erklär­te dabei: »und wenn auch man­cher die­ses Wort nicht ver­steht, so scha­det es wenig, denn der Gebrauch wird es mit der Zeit ein­füh­ren, so daß es als­dann leicht ver­stan­den wird, und die­ses heißt die Spra­che berei­chern, über wel­che die Men­ge sowie die Gewohn­heit immer ihre Macht aus­üben.«8 Zuwei­len lati­ni­siert man das nöti­ge, aber als für den Gebrauch zu ordi­när betrach­te­te Wort, wie Don Qui­jo­te es vor­zog, aber in der Regel erfährt es eine Ver­ede­lung, ohne ver­än­dert zu wer­den, indem man es ein­fach aus dem Krei­se sei­ner ehe­ma­li­gen, nie­de­ren Gefähr­ten ent­führt.

Eine der schwie­rigs­ten Lek­tio­nen für den Ama­teur­lin­gu­is­ten, besteht in einer Erkennt­nis, die den meis­ten von ihnen ver­wehrt blei­ben wird, dass näm­lich Vor­lie­ben flüch­tig sind, dass Vul­ga­ris­men an ihrer eige­nen Schwä­che ster­ben und Ver­ball­hor­nun­gen der Spra­che kaum Scha­den zufü­gen. Und nach dem Grund dafür braucht man nicht lan­ge zu suchen: ent­we­der sind die augen­schein­li­che Vor­lie­be, der mut­maß­li­che Vul­ga­ris­mus, die so genann­te Ver­ball­hor­nung eben­so zufäl­lig wie nutz­los, in wel­chem Fal­le sie sich nur kur­zer Beliebt­heit erfreu­en und rasch wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten wird; oder sie erfül­len einen Zweck und schlie­ßen eine Lücke, in wel­chem Fal­le sie sich, ganz gleich wie schlam­pig oder inkor­rekt sie gebil­det sein mögen, behaup­ten wer­den, womit der Fall dann erle­digt ist. Anders aus­ge­drückt, Slang und all die ande­ren Abwei­chun­gen vom hohen Stan­dard der lite­ra­ri­schen Spra­che sind ent­we­der flüch­ti­ger Art oder von Dau­er. Wenn sie nur kurz­le­big sind, so ist der Scha­den, den sie anrich­ten kön­nen, nicht der Rede wert. Sind sie von Dau­er, so ver­dan­ken sie ihr Über­le­ben ein­zig und allein der Tat­sa­che, dass sie prak­tisch oder not­wen­dig sind. Hat ein Wort, eine Phra­se sich ein­ge­rich­tet (wie allem Anschein nach reli­able),9 so ist es müßig, eine von der letz­ten Instanz gefäll­te Ent­schei­dung zu ver­ur­tei­len. Wir kön­nen bes­ten­falls, falls wir dies vor­zie­hen, selbst von ihrem Gebrauch abse­hen.

Wir kön­nen sogar noch wei­ter­ge­hen und den Spieß gegen­über jenen umdre­hen, die im Slang ein ste­tig wach­sen­des Übel sehen. Nicht nur ist sei­tens angeb­li­cher Ver­ball­hor­nun­gen und zwei­fel­haf­ter Wen­dun­gen flüch­ti­ger Beliebt­heit für die Spra­che kaum Gefahr zu befürch­ten, wirk­lich Scha­den rich­ten die Puris­ten selbst an, denen nicht jede Ände­rung unse­rer Spra­che ein­leuch­ten und die der Ent­wick­lung des Sprach­ge­brauchs über­haupt Ein­halt gebie­ten und die Frei­heit ein­schrän­ken wol­len, die es unse­rer Spra­che ermög­licht, unge­hin­dert all den Bedürf­nis­sen nach­zu­kom­men, die sich im Lauf der Zeit ent­hül­len. Es sind die­se Zen­so­ren, in ihrer Halb­bil­dung immer rasch bei der Hand, gegen alles ihnen Neue zu pro­tes­tie­ren und den Stan­dard ihrer engen per­sön­li­chen Erfah­rung gemäß zu set­zen, die der Ent­wick­lung einer Spra­che Zügel anzu­le­gen ver­su­chen. Es kann gar nicht oft und nach­drück­lich genug erklärt wer­den, was für ein Glück wir haben, dass die Pfle­ge unse­rer Spra­che sowie die Kon­trol­le ihrer Ent­wick­lung nicht in den Hän­den selbst der kom­pe­ten­tes­ten Gelehr­ten liegt. In der Spra­che wie in der Poli­tik ist das Volk auf lan­ge Sicht der bes­se­re Ken­ner sei­ner eige­nen Bedürf­nis­se, als irgend­ein Spe­zia­list es sein kann. Wie Pro­fes­sor Whit­ney sagt, wäre »die Spra­che bald eines nicht gerin­gen Teils ihrer Kraft beraubt, wür­de man sie aus­schließ­lich in die Hän­de eines Indi­vi­du­ums oder einer Klas­se geben.« Und in nie­man­des Obhut wäre sie schnel­ler ver­küm­mert als in den Hän­den der Pedan­ten und Päd­ago­gen.

Eine in sprach­li­cher Hin­sicht schlam­pi­ge Per­son ist so anstö­ßig wie jemand, der sich in Bezug auf Manie­ren und Klei­dung gehen lässt; und Sau­ber­keit des Aus­drucks ist dem Ohr so ange­nehm wie Sau­ber­keit in der Klei­dung dem Auge. Man soll­te sei­ne Wor­te wenigs­tens eben­so sorg­fäl­tig wäh­len wie sei­ne Klei­dung; selbst der Anflug des Dan­dy­tums ist nicht anstö­ßig, wenn es beim Anflug bleibt. Wenn man jedoch sein gan­zes Den­ken auf sei­ne Klei­dung rich­tet, so liegt das im all­ge­mei­nen dar­an, dass man kein gro­ßer Den­ker ist; wenn jemand also sei­ne Kraft allein dar­auf ver­wen­det, Wör­ter und Wen­dun­gen zu ver­wer­fen, dann im all­ge­mei­nen des­halb, weil es ihm an Ideen für die Wör­ter und Wen­dun­gen man­gelt, die vor sei­nem Urteil bestehen. In den meis­ten Fäl­len lässt sich das, was man zu sagen hat, am bes­ten sagen, ohne in Slang zu ver­fal­len; aber ande­rer­seits ist ein Slang­aus­druck, der uns tat­säch­lich etwas sagt, bes­ser als ein makel­lo­ser, aber über das Bewusst­sein sei­ner eige­nen Schick­lich­keit hin­aus lee­rer Satz.

und die­ses Wort ist eins der schänd­lichs­ten, die wir in uns­rer Spra­che besit­zen, so aus­drucks­voll es auch ist, daher haben fei­ne Leu­te zum Latein ihre Zuflucht genom­men und sagen statt rülp­sen eruk­tie­ren und statt ein Rülps eine Erukta­ti­on; und wenn auch man­cher die­ses Wort nicht ver­steht, so scha­det es wenig, denn der Gebrauch wird es mit der Zeit ein­füh­ren, so daß es als­dann leicht ver­stan­den wird, und die­ses heißt die Spra­che berei­chern, über wel­che die Men­ge sowie die Gewohn­heit immer ihre Macht aus­üben.
  1. sce­ne­ry. []
  2. Ente. []
  3. völ­lig aus der Luft gegrif­fen. []
  4. öffent­li­cher Red­ner, z.B. ein Poli­ti­ker auf Wahl­kampf­rei­se, der einen Baums­stumpf als Podi­um für sei­ne Rede benutzt. []
  5. Wil­liam Dean How­ells, 1837–1920. []
  6. die zwei­te Fund­stel­le von »fake« in dem Roman befin­det sich hier; 1891. []
  7. die Rede ist von »eruct« bzw. »eruk­tie­ren« für »rülp­sen«. []
  8. Miguel de Cer­van­tes Saa­ve­dra, Leben und Tha­ten des scharf­sin­ni­gen edlen Don Qui­xo­te von La Man­cha (1801) Dt. von Lud­wig Tieck. []
  9. das Wort in sei­ner moder­nen Bedeu­tung gibt es erst seit 1850 und war lan­ge sei­ner Bil­dung wegen umstrit­ten []

Schreibe einen Kommentar

*

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.