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»in an ago­ny of« – von den Ago­ni­en über­set­ze­ri­scher Fort­bil­dung (3)

Nach­dem wir das letz­te Mal die Ent­wick­lung von »ago­ny« in den Wör­ter­bü­chern skiz­ziert haben, sehen wir uns doch zum Abschluss noch an, was die Kol­le­gen im Lauf der Zeit so mit der Wen­dung »in an ago­ny of« gemacht haben. Hier zeigt sich der Sinn des Sam­melns & sys­te­ma­ti­schen Durch­ackerns gedruck­ter Über­set­zun­gen ganz wun­der­bar. Ob man nun von Haus aus ein Pro­blem mit der Wen­dung gehabt hät­te oder nicht, spielt dabei kei­ne Rol­le; es lässt sich eine Men­ge ler­nen. Und das soll­te ja der Sinn der gan­zen Arbeit sein. 

Aus Grün­den der Bequem­lich­keit – die Geschich­te ist wie­der mal weit mehr Arbeit gewor­den als beab­sich­tigt – neh­me ich mal ein­fach noch eini­ge Fund­stel­len aus mei­ner Daten­bank, ohne sie wei­ter ein­zu­tei­len oder zu kate­go­ri­sie­ren. Das sind nun kon­kre­te, im Druck erschie­ne­ne Bei­spie­le für den Umgang mit unse­rer Wen­dung »in an ago­ny of«. Und nur neben­bei bemerkt: obwohl ich selbst­ver­ständ­lich die Über­set­zer prin­zi­pi­ell nen­ne, möch­te ich in den Fäl­len dar­auf ver­zich­ten, in denen jemand völ­lig dane­ben gelangt hat. Es geht hier schließ­lich nicht dar­um, im Glas­haus mit Stei­nen zu wer­fen, son­dern dar­um etwas zu ler­nen, wei­ter nichts. 

The gunner’s mate was sus­pen­ded in an ago­ny of worry about the let­ter that Maryk had sent to the Red Cross regar­ding his mother’s ill­ness.«1

»Der Geschütz­füh­rer schweb­te in einer stän­di­gen, zer­mür­ben­den Unru­he, seit Maryk wegen der Krank­heit sei­ner Mut­ter an das Rote Kreuz geschrie­ben hat­te.«2

An dem Satz gefällt mir so eini­ges nicht und »sus­pen­ded« wäre gleich ein wei­te­rer Kan­di­dat für eine ähn­li­che Recher­che. »Zer­mür­ben­de Unru­he« an sich für »in an ago­ny of worry« frei­lich wäre prin­zi­pi­ell eine durch­aus brauch­ba­re Lösung. 

and I am in an ago­ny of ner­ves, every day that you are away from us, for fear that I should be taken away sud­den­ly, in the midd­le of the night per­haps«3

Atwood, Ali­as Grace: »und jeden Tag, den Du nicht bei uns bist, lei­de ich Qua­len der Angst, daß ich plötz­lich abbe­ru­fen wer­den könn­te, viel­leicht in der Mit­te der Nacht«4

Hier wur­den »ner­ves« und »fear« recht cle­ver zusam­men­ge­zo­gen. Und »Qua­len der Angst« sind nach­zu­voll­zie­hen. Ich fin­de dafür auch auf die Schnel­le zwei Bei­spie­le in der deut­schen Literatur: 

Da setzt sich denn der Bube, in der Mit­te des Zim­mers mit dem Rücken gegen den Vor­hang gekehrt, in einen Ses­sel und bleibt ein paar Stun­den lan­ge sit­zen, indes der arme Hof­meis­ter im Hem­de und mit blo­ßen Füßen alle Qua­len der Angst und der Käl­te erdul­det.«5

und:

Nun, wer­de nicht wie­der ängst­lich, fuhr sie fort, da sie sah, daß Mar­gari­thens Kopf glü­hend roth auf die Brust sank, und alle Qua­len der Angst und Beschä­mung sie zu ergrei­fen schie­nen. Wenn es Dich sehr ängs­tigt, will ich war­ten, bis Du mehr Ver­trau­en zu mir fas­sest, soll­te ich hier über­haupt lan­ge ver­wei­len.«6

Wie’s der Zufall so will, von einem Schloss zum ande­ren. Nor­man Mailer, dem ich die Wen­dung gar nicht zuge­traut hät­te, benutzt sie in sei­ner Hitler-Biographie: 

the con­ti­nuing absence of Alo­is cau­sed Johann Nepo­muk Hied­ler to live in an ago­ny of love.« 7

»Die fort­wäh­ren­de Abwe­sen­heit von Alo­is ver­ur­sach­te Johann Nepo­muk Hied­ler wah­re Lie­bes­mar­tern.«8

kön2001_400»Lie­bes­mar­tern« ist eine durch­aus ori­gi­nel­le Lösung. Die Ver­stär­kung durch »wah­re« scheint mir recht idio­ma­tisch und erin­nert mich an einen Arti­kel aus den Leben­den Spra­chen von anno dun­nemals, laut dem das Deut­sche gern etwas kräf­ti­ger zulangt als das Eng­li­sche. Muss ich mal raus­su­chen. Eine wei­te­re sol­che Ver­stär­kung wäre »tau­send«, das ich bei E.T.A. Hoff­mann gefun­den habe: »wie er aus dem von tau­send Lie­bes­qua­len auf­ge­reg­ten Gemüt her­vor­spru­del­te«9. Da ich die »Lie­bes­mar­tern« nicht gefun­den habe, gebe ich mich hier mal mit den »Lie­bes­qua­len« zufrie­den. Bei Her­mann Essig heißt es »hin­ter den ver­schlun­ge­nen Armen der in hei­ßen Lie­bes­qua­len Sit­zen­den an der Ais­ne.«10 Aber ich schwei­fe wie­der mal ab. Wer­fen wir lie­ber mal einen Blick in Edgar Allan Poes Gor­don Pym in Der Über­set­zung von Arno Schmidt:

My powers of speech total­ly fai­led, and in an ago­ny of ter­ror lest my fri­end should con­clude me dead, and return wit­hout attemp­ting to reach me, … «11

»Mein Sprach­ver­mö­gen ver­wei­ger­te mir ein­fach den Dienst; und in einer Ago­nie des Ent­set­zens, daß mein Freund mich für tot hal­ten & ohne einen wei­te­ren Ver­such, mich zu errei­chen, umkeh­ren kön­ne, stand ich da …«12

Arno Schmidt behält hier die »Ago­nie« bei, was durch­aus des Öfte­ren gemacht wird. Und der Text von Poe ist durch­aus alt genug, um das aus­zu­hal­ten. Von Poe zu einem ziem­lich jun­gen Text: 

At first it wouldn’t start. In an ago­ny of dread, she wai­ted and wat­ched as Dwi­na tried to fire the igni­ti­on.«13

»Starr vor Angst war­te­te Mad­dy und sah zu, wie Dwi­na den Zünd­schlüs­sel immer wie­der im Schloß dreh­te.«14

Auch eine ori­gi­nel­le Lösung, die mir per­sön­lich gut gefällt & auf die man erst mal kom­men muss; sicher nicht ver­kehrt, sich die zu mer­ken. Zeit­lich genau zwi­schen Poe und Let­te liegt wohl Dreiser: 

and final­ly in an ago­ny of dis­sa­tis­fac­tion with hers­elf at having brought all this on hers­elf, she reti­red to the rest room«15

»Aber ach, die­ses War­ten! Der Schmerz über sei­ne Käl­te! Sie konn­te es kaum aus­hal­ten und zog sich in einem Über­maß an Krän­kung dar­über, daß sie selbst an all dem schuld war, gegen drei Uhr in den Erho­lungs­raum zurück.“16

»Krän­kung« scheint mir »dis­sa­tis­fac­tion« nicht ganz zu tref­fen, obwohl ich zu sehen mei­ne, dass hier die »ago­ny« inte­griert wer­den soll – was frei­lich das »Über­maß« frag­wür­dig erschei­nen lie­ße. Ansons­ten ist auch »Über­maß an…« für »ago­ny of… « eine Lösung, die man sich her­aus­schrei­ben soll­te. Hier wie­der ein älte­rer Text: 

Every time Aram saw her, he was start­led at the altera­ti­on; and kis­sing her cheek, her lips, her temp­les, in an ago­ny of grief, won­de­red that to him alo­ne it was for­bidden to weep.«17

»So oft Aram sie sah, erschrak er über die Ver­än­de­rung. In der Todes­qual des Gra­mes küß­te er ihr Wan­ge, Lip­pen Schlä­fen und wun­der­te sich, daß nur ihm es ver­sagt war, zu wei­nen.«18

»In der Todes­qual des Gra­mes« gefällt mir zwar nicht, aber defi­ni­tiv trifft »Todes­qual« die »ago­ny«.

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Gleich vier­mal habe ich mir unse­re Wen­dung im Fal­le von Sty­rons Nat Tur­ner notiert: 

With his other hand he is clut­ching his sto­mach in an ago­ny of delight, and his laugh­ter is high, loud, irre­pres­si­ble.«19

»Mit der ande­ren hält er sich den Bauch vor Lachen – das Geläch­ter klingt laut und hoch und unwi­der­steh­lich. »Hund, elen­der!« schreie ich ihn an.«20

Eine beson­ders ori­gi­nel­le Lösung ist folgende:

I was in an ago­ny of wai­ting.«19

»Das War­ten pei­nig­te mich.«21

Die »ago­ny« mit »pei­ni­gen« in eine Ver­bal­kon­struk­ti­on auf­zu­lö­sen, ist so ori­gi­nell wie sel­ten und ent­spre­chend inter­es­sant. Und der Kol­le­ge macht das gleich noch mal: 

as I sat here in the hope­l­ess ago­ny of the know­ledge of what was going to befall me«22

»wie ich hoff­nungs­los vor mich hin brü­te und genau weiß, was ich zu erwar­ten hab«21

Noch mal eine ver­ba­le Lösung, die viel­leicht ein ele­gan­te­res »in dem Wis­sen, was…« hät­te ver­tra­gen kön­nen statt dem zwei­ten Verb, aber »hoff­nungs­los brü­ten« scheint mir die »ago­ny« durch­aus eben­so zu tref­fen wie die nächs­te Lösung: 

buz­zing etern­al­ly bet­ween hea­ven and obli­vi­on in a pure ago­ny of mind­less twit­ching«22

»die end­los zwi­schen Him­mel und Ver­ges­sen hin und her sum­men, ver­dammt zur ewi­gen Qual, zuckend, vom Trieb gezwun­gen, sich von Schweiß und Schmutz und Kot zu ernäh­ren«21

Das sach­te Ver­schie­ben der Bezü­ge macht sich nicht schlecht. Und der »ago­ny« ist auch Genü­ge getan. Und zu guter Letzt, auch wenn das rei­ner Zufall ist, die Art Lösung, mit der wir begon­nen haben, die dar­in besteht, die Wen­dung ganz ein­fach wegzulassen: 

You mean to tell me that now, after all the­se here months, your heart ain’t touch­ed by the ago­ny of an event like that?«19

»Du willst mir also sagen, daß nach all die­sen Mona­ten dein Herz von so was nicht gerührt wird?«21

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  1. Her­man Wouk, The Cai­ne Muti­ny []
  2. Her­man Wouk, Die Cai­ne war ihr Schick­sal, dt. von Chris­toph Ecke []
  3. Atwood, Ali­as Grace []
  4. Atwood, Ali­as Grace, dt. von Bri­git­te Walit­zek []
  5. Grill­par­zer, Selbst­bio­gra­phie []
  6. Hen­ri­et­te Paal­zow, God­wie Cast­le. Bres­lau 1838 []
  7. Nor­man Mailer, The Cast­le in the Forest []
  8. Nor­man Mailer, Das Schloss im Wald, dt. von Alfred Stark­mann []
  9. Hoff­mann, Die Sera­pi­ons­brü­der []
  10. Essig, Der Tai­fun []
  11. Poe, Gor­don Pym []
  12. Poe, Gor­don Pym, dt. von Arno Schmidt []
  13. Kathy Let­te, Mad Cows []
  14. Kathy Let­te, Kin­der­wahn, dt. von Tho­mas Bod­mer []
  15. Theo­do­re Drei­ser, An Ame­ri­can Tra­ge­dy []
  16. Theo­do­re Drei­ser, Eine ame­ri­ka­ni­sche Tra­gö­die, dt. von Mari­an­ne Schön []
  17. Edward Bul­wer Lyt­ton, Euge­ne Aram []
  18. Edward Bul­wer Lyt­ton, Eugen Aram; die Guten­berg-DVD nennt den Über­set­zer lei­der nicht []
  19. Wil­liam Sty­ron, The Con­fes­si­ons of Nat Tur­ner [] [] []
  20. Wil­liam Sty­ron, Die Bekennt­nis­se des Nat Tur­ner; der Über­set­zer ist in mei­ner Buch­club-Aus­ga­be nicht genannt; das Titel­fo­to zu schie­ßen war ja auch sicher mehr Arbeit… []
  21. Wil­liam Sty­ron, Die Bekennt­nis­se des Nat Tur­ner [] [] [] []
  22. Wil­liam Sty­ron, The Con­fes­si­ons of Nat Tur­ner [] []

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