Jeder ist ein Über­set­zer – über im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes ein­ge­bil­de­te Wörtlichkeit

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Jeder kann über­set­zen. Natür­lich, so wie jeder im Prin­zip alles auf die­ser Welt kann: kochen, lau­fen, klemp­nern, Leu­te hin­sicht­lich ihrer Steu­ern bera­ten. Jeder von uns kann zu einem hohen Pro­zent­satz, was jeder ande­re kann. Nur, wenn Sie drei­ßig Jah­re Moto­ren bau­en, dann sehen Ihre Moto­ren eben anders aus als der, den sich da gera­de ein blu­ti­ger Amateur­schrauber zusam­men­zurammeln ver­sucht. Das Pro­blem ist nur, außer beim Über­set­zen müss­te man das in kei­nem ande­ren Metier auf der Welt dis­ku­tie­ren. Weder beim Moto­ren­bau, noch beim Leis­tungs­sport. Und auch die Män­gel des Ama­teur­pro­dukts wären über­all rasch zu sehen.

Ich höre als Über­set­zer immer wie­der mal, dass man denn doch lie­ber mit jeman­dem arbei­ten wür­de, der »wört­lich« über­setzt und des­sen Über­set­zun­gen sich den­noch »gut lesen«. Von mir aus. Als pro­fes­sio­nel­ler Über­set­zer bin ich die­se Dis­kus­si­on herz­lich leid. Ich ver­knei­fe mir selbst die Bemer­kung, man soll­te selbst­ver­ständ­lich dort­hin gehen, wo man gelie­fert bekommt, was man als blu­ti­ger Ama­teur für das Bes­se­re hält; es führ­te doch wie­der nur zur ewig glei­chen alber­nen, weil sinn­lo­sen Dis­kus­si­on. Ner­vig ist natür­lich, wenn man ein »redi­gier­tes« Manu­skript zur Durch­sicht zurück­be­kommt, das sich mehr oder weni­ger als eben die Inter­li­near­ver­si­on ent­puppt, die man durch mehr­ma­li­ge Über­ar­bei­tung bewusst hin­ter sich gelas­sen hat. Mehr oder weni­ger, weil plötz­lich auch mas­sen­wei­se Feh­ler drin­ste­hen, die man als Pro­fi nie gemacht hätte.

Es ist immer die­sel­be Illu­si­on: dass die­se offen­sicht­lich so wün­schens­wer­te »Wört­lich­keit« beim Über­set­zen die bes­se­re Lösung sei. 1 Was man – hier wären eine Rei­he von Exkur­sen über Stil von­nö­ten – noch als Geschmack­sa­che abtun könn­te, läge das ers­te Gegen­ar­gu­ment nicht immer gleich auf der Hand: Die­se Art der wört­li­chen Über­set­zung geht so gut wie immer (es gibt natür­lich Über­set­zun­gen unter­schied­li­cher Schwie­rig­keitsgrade) Hand in Hand mit einer weit gerin­ge­ren Tref­fer­quo­te – sprich: einer grö­ße­ren Zahl von Über­set­zungs­feh­lern. War­um? (mehr …)

  1. Das hat viel mit der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit zu tun, mit denen der Ama­teur in einem Wald von Wör­tern steht. Er sieht noch nicht ein­mal, dass er in sei­ner Ver­zweif­lung, sich da durch­zu­fin­den, vor lau­ter Bäu­men den Wald nicht mehr sieht. Man muss aber den Text vor­ne­weg stel­len, man muss wis­sen, was man damit machen will, was für ein Gesicht die Über­set­zung haben soll. Da hat der ein­zel­ne Satz sich dann eben unter­zu­ord­nen.[]

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Darf’s ein biss­chen mehr sein? Wenn der Über­set­zer den Dau­men mit auf die Waa­ge legt…

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Das Pro­blem des Zitie­rens bei Über­set­zun­gen habe ich vor eini­ger Zeit hier ange­spro­chen. Das Zitat fügt sich in der Über­set­zung aus dem einen oder ande­ren Grund nicht immer so in den neu­en Kon­text, in dem man das ger­ne hät­te. Das ist letzt­lich frus­trie­rend, aber durch­aus inter­es­sant, sieht man sich doch gezwun­gen, sich mit dem zu befas­sen, was da zitiert wird. Und die mehr oder min­der bewuss­ten Prin­zi­pi­en der eige­nen Arbeits­wei­se zu überdenken…

Der Über­set­zer ist ein Leser mit einer gesun­den Para­noia — oder wenies­tens soll­te er das im Ide­al­fall sein. Er soll­te ver­deck­te Bedeu­tun­gen erken­nen, Zusam­men­hän­ge sehen. Und er ist ein Gärt­ner, der — je nach dem Grad die­ser Para­noia — mehr oder weni­ger bewusst Sinn auf­zu­päp­peln, sprich her­aus­zu­ar­bei­ten ver­sucht. Das gilt dum­mer­wei­se auch, wenn er sieht, dass etwas barer Unfug ist. Hier ein net­tes Bei­spiel, mit dem ich mich eben zu befas­sen hatte.

Sean Wil­entz weist in sei­nem hoch inter­es­san­ten Buch Bob Dyl­an in Ame­ri­ca dar­auf hin, dass Ano­t­her Side of Bob Dyl­an, Dyl­ans vier­te LP und das ers­te einer Hand­voll Meis­ter­wer­ke aus der Mit­te der Six­ties, so eini­ge poe­ti­sche Klöp­se ent­hält. Als Bei­spiel führt er fol­gen­den Vers an:

With unse­en con­scious­ness, I pos­ses­sed in my grip
A magni­ficent man­tel­pie­ce, though its heart being chipped.”
Bob Dyl­an, “Bal­lad in Plain D” (1964)

Bei flüch­ti­gen Lesen mag das nicht wei­ter auf­fal­len, aber wo wenn ein Dyl­an-Ken­ner wie Wil­entz, der sogar für Bob Dyl­ans offi­zi­el­le Web­site schreibt eigens dar­auf hin­weist, guckt man eben noch mal hin. Und so recht will das denn kei­nen rech­ten Sinn erge­ben, auch nicht als poe­ti­sches Bild. Und als einer, in einer ande­ren Spra­che auf­ge­wach­sen ist, (mehr …)

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Das Dre­cki­ge Dut­zend (1)

Ich schaue mir als Über­set­zer sehr vie­le Über­set­zun­gen an; zusam­men mit dem Ori­gi­nal. Satz für Satz. Seit den 1970er-Jah­ren schon. Das ist eine gute Mög­lich­keit, sich das eine oder ande­re abzu­gu­cken. Es gibt immer eine Lösung für ein Pro­blem, die auto­ma­tisch – in einer Daten­bank – parat zu haben, ganz prak­tisch ist; es gibt immer eine, auf die man selbst nicht gekom­men wäre. Und natür­lich fin­det man dabei auch jede Men­ge klei­ne­ren oder grö­ße­ren – auch him­mel­schrei­en­den – Murks. Das hat mich vor eini­gen Jah­ren auf die Idee gebracht, der­lei Klöp­se in einer Glos­se zusam­men­zu­tra­gen. Nicht alle, das wäre nicht zu schaf­fen und lang­wei­lig oben­drein, aber ein Dut­zend pro Titel scheint mir durch­aus ver­tret­bar. Also, bit­te­schön, das ers­te dre­cki­ge Dutzend.

Ich könn­te nicht sagen, ob Über­set­zun­gen heu­te schlech­ter denn je sind, das erfor­der­te etwas umfas­sen­de­re sta­tis­ti­sche Arbeit; ich kann nur sagen, dass sie trotz all der Mög­lich­kei­ten, die sich dem Über­set­zer heu­te bie­ten, nicht bes­ser gewor­den zu sein schei­nen. Aber ehr­lich gesagt, wie soll­ten sie auch? Über­set­zer­sei­tig tum­meln sich heu­te in die­sem Metier mehr blu­ti­ge Ama­teu­re denn je. 1 Und ver­lags­sei­tig sieht es nicht viel bes­ser aus. Alles, was zu faul zum Arbei­ten ist, bie­tet sich heu­te als frei­er Lek­tor an. Über das Lek­to­rat – frei oder nicht – habe ich hier im Blog schon das eine oder ande­re gesagt, ich möch­te die ein­schlä­gi­ge Arie hier mal außen vor las­sen; Tat­sa­che ist, der Über­set­zer hat heu­te weni­ger über den Inhalt »sei­ner« Über­set­zung zu bestim­men denn je. 2 Des­halb ist »das dre­cki­ge Dut­zend« auch kei­ne Über­set­zer­kri­tik, son­dern eine Über­set­zungs­kri­tik, will sagen eine Kri­tik des fer­ti­gen Pro­dukts, das in jedem Fal­le besag­tes Lek­to­rat zu ver­ant­wor­ten hat. 3

Ich habe eben das mehr oder weni­ger ver­kaufs­fer­ti­ge Pro­dukt »mei­ner« vor­vor­letz­ten Über­set­zung zurück­be­kom­men, Teil eines Schnell­schus­ses zu einem aktu­el­len The­ma, bei dem ich einer von vie­len war. 4 Im Begleit­schrei­ben aus dem Lek­to­rats­bü­ro heißt es sinn­ge­mäß, Hin­wei­se auf »Böcke« neh­me man gern ent­ge­gen, was natür­lich rei­ne Rhe­to­rik ist. Ich mei­ne, wann hät­te ein Lek­tor schon mal einen Feh­ler gemacht? (mehr …)

  1. Den Grund dafür habe ich mal ange­ris­sen.[]
  2. Falls es ande­re Lek­to­ren gibt, kei­ne Ahnung, wie die guten Über­set­zun­gen, die ich so fin­de, zustan­de gekom­men sind, mel­den Sie sich doch bei mir.[]
  3. Dar­über dann im Rah­men die­ser Serie ein ander­mal mehr.[]
  4. Das Schnell­schüs­se von vie­len gemacht wer­den müs­sen, ist auch so eine Unsit­te der Bran­che, die noch einer nähe­ren Erklä­rung bedarf. Sie folgt irgend­wann in die­sem Thea­ter.[]

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Geld von der Regie­rung? Was für ein Quatsch!

Ich tip­pe Scho­pen­hau­ers Betrach­tun­gen über Spra­che und Wor­te hier im Blog nicht nur gau­di­hal­ber ab und weil sie mitt­ler­wei­le gemein­frei sind; sie sind viel­mehr ein Stein­chen im Mosa­ik mei­ner Beschäf­ti­gung mit dem Über­set­zen und – in ihrer öffent­li­chen Dar­stel­lung – Par­ti­kel im Mosa­ik mei­ner Hoff­nung, etwas mehr Bewusst­sein für das Pro­blem des Über­set­zens könn­te der galop­pie­ren­den Ver­lu­de­rung der Bran­che durch den blu­ti­gen Ama­teur in die Zügel fal­len. Oder, was soll’s, viel­leicht auch nur um mei­nen Frust über sel­bi­ge – die Bran­che wie die Ver­lu­de­rung – abzureagieren.

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Scho­pen­hau­er sprach im letz­ten Abschnitt der hier abge­druck­ten klei­nen Phi­lo­so­phie des Fremd­spra­chen­er­werbs – und die­ser scheint mir (ist das zuviel ver­langt?)  die Vor­aus­set­zung für das Über­set­zen wie für das Lek­to­rie­ren einer Über­set­zung – davon, bei der »Erler­nung einer frem­den Spra­che, meh­re­re ganz neue Sphä­ren von Begrif­fen in sei­nem Geis­te abzu­ste­cken«, dadurch enstün­den »Begriffs­sphä­ren wo noch kei­ne waren«, weil man eben »nicht bloß Wor­te« erler­ne, son­dern »Begrif­fe« erwer­be. Und die­ses blo­ße »Wor­te-erler­nen« 1 ist letzt­lich auch der Hin­ter­grund für das Übel, auch bloß »Wor­te« zu über­set­zen, das heu­te gras­siert, das Übel der »wört­li­chen« Über­set­zung; und ich spre­che hier von »wört­lich« nicht im Sin­ne irgend­wel­cher Über­set­zungs­theo­rien, son­dern von »wört­lich« in sei­nem banal-bür­ger­li­chen Sinn.

Oder kon­kret gesagt: Erst heu­te mor­gen stieß ich wie­der, wie schon mehr­mals die­ser Tage, auf einen der Kar­di­nal­feh­ler der ama­teur­haf­ten Über­set­zung. Bei der Reche­re­che eines ganz ande­ren Pro­jekts traf ich auf fol­gen­den Satz: (mehr …)

  1. beim Ama­teur sind sie ohne­hin ledig­lich nach­ge­schla­gen bis erra­ten[]

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Wie wenig ihr gan­zes Den­ken über die Wor­te hinausgeht…

Arthur Schopenhauer’s sämmt­li­che Werke
Par­er­ga und Paralipomena
Klei­ne phi­lo­so­phi­sche Schriften

Ver­ein­zel­te, jedoch sys­te­ma­tisch geord­ne­te Gedan­ken über vie­ler­lei Gegenstände


Kap. XXV.
Ueber Spra­che und Worte 


§. 309.

(Zwei­ter Teil.)

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Scho­pen­hau­er beschäf­tigt sich hier mit der Bedeu­tung, die das Erler­nen einer Fremd­spra­che auf unse­re Bil­dung und damit auf unser Den­ken hat. Aus dem Umstand, dass jede Nati­on anders denkt, geht her­vor, dass das Erler­nen ihrer Spra­che unse­ren Hori­zont erwei­tert, indem es ihm eben nicht nur neue Wör­ter, son­dern auch neue Begrif­fe hin­zu­fügt. »Meh­re­re neue­re Spra­chen wirk­lich inne haben und in ihnen mit Leich­tig­keit lesen ist ein Mit­tel, sich von der Natio­nal­be­schränkt­heit zu befrei­en, die sonst Jedem anklebt.« Er spricht hier natür­lich nicht von einem Grund­kurs, der es einem erlaubt, es sich im Urlaub gut gehen zu las­sen. Ihm geht es viel­mehr dar­um, das Den­ken einer ande­ren Nati­on in sich auf­zu­neh­men und, auf der ande­ren Sei­te, sich selbst in die­ses Den­ken zu übersetzen.

Dem­ge­mäß liegt, bei Erler­nung einer Spra­che, die Schwie­rig­keit vor­züg­lich dar­in, jeden Begriff, für den sie ein Wort hat, auch dann ken­nen zu ler­nen, wann die eige­ne Spra­che kein die­sem genau ent­spre­chen­des Wort besitzt; wel­ches oft der Fall ist. Daher also muß man, bei Erler­nung einer frem­den Spra­che, meh­re­re ganz neue Sphä­ren von Begrif­fen in sei­nem Geis­te abste­cken: mit­hin ent­stehn Begriffs­sphä­ren wo noch kei­ne waren. Man erlernt also nicht bloß Wor­te, son­dern erwirbt Begrif­fe. Dies ist vor­züg­lich bei Erler­nung der alten Spra­chen der Fall; weil die Aus­drucks­wei­se der Alten von der uns­ri­gen viel ver­schie­de­ner ist, als die der moder­nen Spra­chen von ein­an­der; wel­ches sich dar­an zeigt, daß man, beim Ueber­set­zen ins Latei­ni­sche, zu ganz ande­ren Wen­dun­gen, als die das Ori­gi­nal hat, grei­fen muß. Ja, man muß meis­tens den latei­nisch wie­der­zu­ge­ben­den Gedan­ken ganz umschmel­zen und umgie­ßen; wobei er in sei­ne letz­ten Bestandt­hei­le zer­legt und wie­der rekom­po­nirt wird. Gera­de hier­auf beruht die gro­ße För­de­rung, die der Geist von der Erler­nung der alten Spra­chen erhält. – (mehr …)

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Meis­ter Pro­per der teut­schen Sprache

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Eigent­lich woll­te ich hier die Vor­re­de zu einem älte­ren deut­schen Fremd­wör­ter­buch abdru­cken, die ich heu­te Mor­gen müh­se­lig aus der Frak­tur­schrift 1 über­setzt habe. Nun woll­te ich aber dazu auch erklä­ren, war­um mich so etwas inter­es­siert. Und damit wür­de der Ein­trag etwas zu kom­plex, was mir irgend­wie dem Gedan­ken eines Blogs zuwi­der zu lau­fen scheint. So denn erst mal ein paar ein­lei­ten­de Wor­te. Mor­gen dann, ohne gro­ßes Gere­de drum­rum das Vor­wort selbst.

Hier erst mal der schö­ne Titel der alten Schwar­te in sei­ner beein­dru­cken­den Gänze:

All­ge­mei­nes Fremd­wör­ter-Hand­buch für Teutsche,
oder Erklä­rung aller fremd­ar­ti­gen Aus­drü­cke der teut­schen Con­ver­sa­ti­ons-Spra­che zur Ver­stän­di­gung, Aus­schei­dung und Wür­di­gung der in teut­schen Schrif­ten und in der Kunst- und Umgangs­spra­che vor­kom­men­den fremd­ar­ti­gen Wör­ter, Aus­drü­cke, Namen und Redens­ar­ten
.

Ein gemein­nüt­zi­ges Hand­buch für alle Stän­de, Berufs­ar­ten, Küns­te, Gewer­be, Schul- und Bil­dungs-Anstal­ten, so wie für Geschäfts­män­ner, Zei­tungs­le­ser und für jeden teut­schen Vaterlandsfreund.

von

Dr. J. F. H e i g e l i n, Pro­fes­sor der teut­schen Spra­che etc. 

Zwei­te sehr ver­bes­ser­te und ver­mehr­te Auflage

Tübin­gen, Ver­lag von C. F. Osi­an­der, l838.

*

»Meis­ter Pro­per der teut­schen Spra­che« – so viel­leicht lie­ße sich eine Serie über deut­sche Sprach­rei­ni­ger beti­teln, die mich nun mal grund­sätz­lich inter­es­sie­ren. Schon des­halb, weil mich so eini­ge Ten­den­zen der letz­ten drei­ßig Jah­re doch recht irri­tie­ren. Nicht als sol­che, ganz und gar nicht, son­dern ledig­lich in ihrer Eigen­schaft als geball­te Mas­sen­er­schei­nung, die gar nicht anders kann, als Zwang aus­zu­üben. Und dann mag ich nun mal unse­re Umgangs­pra­che nicht weni­ger als einen hübsch gedrech­sel­ten deut­schen Satz. Ich lese also die Vor­re­den zu sol­chen Wör­ter­bü­chern gern auf der Suche nach einem Mit­tel­weg. Oder Argu­men­ten dafür. (mehr …)

  1. Ich weiß, sie hat vie­le Freun­de; mir per­sön­lich geht sie aber nun mal auf den Zahn.[]

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Wer zum Gei­er war Larry?

Ich erin­ne­re mich noch, dass wir an der Schu­le Ende der 60er, Anfang der 70er Jah­re den Spruch hat­ten, jemand sol­le hier »nicht den Lar­ry machen«. Bis heu­te war der Spruch in allen Jahr­zehn­ten zu hören. Und sei­ne Beliebt­heit scheint eher zuge­nom­men zu haben als ab. Zumal er mitt­ler­wei­le meh­re­re Bedeu­tun­gen hat. Aber wer war die­ser sagen­haf­te Lar­ry? Dum­mer­wei­se hat­ten wir  damals was Bes­se­res zu tun, als dem Ursprung dum­mer Sprü­che nachzugehen…

~~~

Wie bei allen Wen­dun­gen, die aus irgend­ei­nem Grund attrak­tiv, aber in ihrer Bedeu­tung unklar sind, tritt sich die ursprüng­li­che Bedeu­tung, wie immer sie gelau­tet haben mag, ziem­lich rasch breit. Oft bis ins Gegen­teil. Man den­ke an eine Wen­dung wie etwas »passt wie die Faust aufs Auge«. Das ist hier noch nicht mal der Fall. Den­noch haben wir eine gan­ze Band­brei­te von Nuan­cen: Ob heu­te nun einer »den Lar­ry macht«, »einen auf Lar­ry macht« oder »den Lar­ry raus­hän­gen lässt« oder das alles mit »Lär­ri« oder »Ler­ryn« durch­spielt, es bedeu­tet ent­we­der, dass er (mehr …)

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Putin erteilt den Ame­ri­ka­nern eine Lek­ti­on in Sachen Demokratie

Eine vom über­set­ze­ri­schen Stand­punkt her ganz inter­es­san­te Geschich­te ist bei Lar­ry Kings Inter­view mit Wla­di­mir Putin pas­siert: der Dol­met­scher, der Putin ins Eng­li­sche über­setz­te, hat zuwei­len etwas Schwie­rig­kei­ten, zu einem sau­be­ren eng­li­schen Satz­bau zu fin­den. Was hin und wie­der zu Stel­len führt, bei denen erst das Nach­le­sen der Abschrift die Erkennt­nis bringt.

Ein Bei­spiel dafür ist die Stel­le gleich zu Beginn, als Putin in einer durch­aus raf­fi­nier­ten Retour­kut­sche das ame­ri­ka­ni­sche Demo­kra­tie­ver­ständ­nis in Fra­ge stellt:

I’d like to recall the fact that twice – twice! – in the histo­ry of the United Sta­tes of Ame­ri­ca, the­re were cases, the can­di­da­te to the pre­si­den­cy who sub­se­quent­ly beca­me pre­si­dent of the United Sta­tes were voted by majo­ri­ty of elec­to­ra­te, with the dele­ga­tes repre­sen­ting the les­ser num­ber of elec­to­ra­te as a who­le. Is that democracy?



Ich für mein Teil hab’ das beim Hören nicht kapiert. Obwohl ich mir sicher bin, dass ein eis­kal­ter Kun­de wie Putin sich im Rus­si­schen durch­aus klar aus­ge­drückt hat. Nicht dass das Tran­skript gehol­fen hät­te. Man ver­renkt sich die letz­ten Syn­ap­sen, aber der Satz ergibt erst einen Sinn, wenn man sei­ne paar Bro­cken Kennt­nis­se über das ame­ri­ka­ni­sche Wahl­sys­tem aus der Schub­la­de zerrt. Dann könn­te man das Gan­ze fol­gen­der­ma­ßen sehen: (mehr …)

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»Gover­nan­ce« gleich »good governance«?

Es gibt Wör­ter, die sich gera­de­zu auf­rei­zend der Über­set­zung ent­zie­hen, weil sie – in der Regel eine Fol­ge kom­ple­xer Unter­schie­de in Geschich­te und Den­ken der Völ­ker – ein­fach kein so recht pas­sen­des Gegen­stück in der Ziel­spra­che haben. „Table“ ist mit „Tisch“ meist pro­blem­los getrof­fen, selbst wenn es von Abar­ten nur so wim­melt: »bedsi­de table«, »card table«, »din­ner table«, »dres­sing table«, »exten­si­on table«, »gaming table« – alle sind sie defi­niert und haben im Deut­schen ihr Gegen­stück. 1 Für den Pro­fi gilt: Alle die­se Tische sind etwas Konkre­tes, Fass­ba­res – mit dem pas­sen­den Wör­ter­buch erle­digt sich die Über­set­zung von selbst.

Anders dage­gen ver­hält es sich mit allem, was nicht buch­stäb­lich fass­bar ist, Din­gen aus den Human­wis­sen­schaf­ten etwa, Sach­ver­hal­ten aus dem kul­tu­rel­len Bereich. So ist auch das Wort »gover­nan­ce« ein eher irri­tie­ren­der Fall. Und was »gover­nan­ce« noch irri­tie­ren­der macht, ist der Umstand, dass es es sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten zum poli­ti­schen Mode­wort auf­ge­schwun­gen hat. Es begeg­net einem, eine Beschäf­ti­gung mit dem Zeit­ge­sche­hen vor­aus­ge­setzt, schier Tag für Tag.

Der ein­schlä­gi­ge Ein­trag in der Wiki­pe­dia bringt das Wis­sens­wer­te sehr schön auf den Punkt, (mehr …)

  1. Und die Unsit­te, aus einem »cof­fee table« einen »Kaf­fee­tisch« zu machen statt einen »Couch­tisch«, unter dem man sich etwas vor­stel­len kann, rührt nur daher, dass das Über­set­zen längst in die Hän­de blu­ti­ger Ama­teu­re gefal­len ist, die Wör­ter über­set­zen statt Sinn.[]

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Der »Bush-Moment« – zwi­schen Mis­sio­nie­rungs­ei­fer und Ostfriesenwitz

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Beim Über­set­zen, ich muss­te mich erst jüngst wie­der schmerz­lich dar­an erin­nern las­sen, zahlt es sich aus, gera­de immer wie­der mal die Din­ge nach­zu­schla­gen, die man zu wis­sen meint. Es ist dies eine an sich fes­te Regel, die man im Eifer des Gefechts – den gan­zen lie­ben lan­gen Tag nach­schla­gen! – immer weder mal gern ver­gisst. Auch wenn sie einen hun­dert mal vor pein­li­chen Schnit­zern bewahrt hat. Aber natür­lich gibt es bei jeder Über­set­zung nicht zu knapp Neu­es nach­zu­schla­gen – da meint man schon mal, man kön­ne sich die ollen Kamel­len spa­ren. Zuwei­len frei­lich sitzt man nicht ledig­lich einem die­ser lei­di­gen fal­schen Freun­de auf; zuwei­len ergibt die Lösung mit einem sol­chen im Kon­text des­sen, was man gera­de über­setzt, ein­fach kei­nen Sinn.

So ver­hielt es sich denn mit einem Arti­kel, den ich eben zu über­set­zen hat­te, und in dem von einem »Bush moment« die Rede. Es hieß da:

Remem­ber that old wit­ti­cism of the neo­cons of the ascen­dant Bush moment back in 2003: “Ever­yo­ne wants to go to Baghdad.  Real men want to go to Tehr­an”? 1

Nun scheint man ja unter einem »Bush moment« jene Augen­bli­cke zu ver­ste­hen, in denen es beim vor­letz­ten ‘kani­schen Prä­si­den­ten mal kurz aus­setz­te. Der Begriff »Bus­hism« scheint in die­sem Zusam­men­hang wohl bekann­ter zu sein.

Um nur ein Bei­spiel zu nen­nen: (mehr …)

  1. Tom­gram: Engel­hardt, Pla­cing Your Glo­bal Bets, Tom Eng­lel­ardt, Octo­ber 26, 2010.[]

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Recher­che als müßi­ges Aben­teu­er – eini­ge Betrachtungen

Müßi­ger Leser! Im letz­ten Teil von Bran­der Mat­thews Arti­kel über die Funk­ti­on des Slangs zitiert er Cer­van­tes’ Don Qui­jo­te, was Bil­dung und Schick­sal neu­er Wör­ter angeht. Da das Buch bereits über­setzt ist, schlägt man als Über­setzer natür­lich in die­ser bereits vor­han­de­nen Über­tra­gung nach. Nicht weil man zu faul ist, das sel­ber zu erle­di­gen, son­dern weil sich das nach den Regeln der Zunft so gehört. Und es ist meist ein rech­ter Auf­wand, der mit Biblio­theks­be­su­chen und weiß der Kuckuck was sonst noch ver­bun­den ist. Das Inter­net jedoch macht einem das alles erheb­lich leich­ter, gera­de­zu ver­gnüg­lich manchmal.

Check it out!

Vom Don Qui­jo­te gibt es meh­re­re Über­set­zun­gen, von denen die älte­ren im Web zu fin­den sind. Die neue und viel gerühm­te Über­tra­gung von Susan­ne Lan­ge steht auf mei­ner lan­gen Einkaufsliste…

Wie auch immer, bei Bran­der Mat­thews heißt es:

It hap­pens that Don Qui­xo­te pre­ce­ded Pro­fes­sor Whit­ney in this expo­si­ti­on of the law, for when he was inst­ruc­ting San­cho Pan­za, then about to be appoin­ted gover­nor of an island, he used a Lati­ni­zed form of a cer­tain word 1 which  had beco­me vul­gar, exp­lai­ning that “if some do  not under­stand the­se terms it mat­ters litt­le, for cus­tom will bring them into use in the cour­se of  time so that they will be rea­di­ly unders­tood. That is the way a lan­guage is enri­ched; cus­tom  and the public are all-power­ful the­re.” 2

oder bei mir:

Ganz zufäl­lig ist Don Qui­xo­te Pro­fes­sor Whit­ney mit die­ser Aus­le­gung des Geset­zes zuvor­ge­kom­men, denn bei sei­ner Unter­wei­sung San­cho Pan­sas, der eben zum Statt­hal­ter einer Insel ernannt wer­den soll, bedien­te der Mann von der Man­cha sich einer lati­ni­sier­ten Form eines gewis­sen Wor­tes, das vul­gär gewor­den war, und erklär­te dabei: »und wenn auch man­cher die­ses Wort nicht ver­steht, so scha­det es wenig, denn der Gebrauch wird es mit der Zeit ein­füh­ren, so daß es als­dann leicht ver­stan­den wird, und die­ses heißt die Spra­che berei­chern, über wel­che die Men­ge sowie die Gewohn­heit immer ihre Macht aus­üben.« 3

Die eng­li­sche Über­set­zung, die hier zitiert wird, ist rela­tiv schnell gefun­den, (mehr …)

  1. die Rede ist von rülp­sen: —Erutar, San­cho, quie­re decir regoldar, y éste es uno de los más tor­pes voca­b­los que tiene la len­gua cas­tel­la­na, aun­que es muy sini­fi­ca­tivo; y así, la gen­te curio­sa se ha aco­gi­do al latín, y al regoldar dice erutar, y a los regüel­dos, erut­a­cio­nes; y, cuan­do algu­nos no ent­ien­den estos térmi­nos, impor­ta poco, que el uso los irá intro­du­ci­en­do con el tiem­po, que con faci­li­dad se ent­ien­dan; y esto es enri­que­cer la len­gua, sob­re qui­en tiene poder el vul­go y el uso.[]
  2. Durch­aus inter­es­sant ist, dass Bran­der Mat­thews – in einem Arti­kel über Umgangs­spra­che – das Wort selbst nicht erwähnt.[]
  3. Miguel de Cer­van­tes Saa­ve­dra, Leben und Taten des scharf­sin­ni­gen Edlen Don Qui­xo­te von la Man­cha Dt. von Lud­wig Braun­fels. Gibt es hier.[]

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Keith Richards’ Arsch­loch­freun­de – Des ko koa Gua­ter sei…

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Dies ist kei­ne Über­set­zungs­kri­tik. Kann es gar nicht sein, weil ich die Über­set­zung nicht gele­sen habe. Aber mein Nach­bar hat mich gera­de auf die Rezen­si­on der Keith Richards-Bio­gra­phie in der FAZ auf­merk­sam gemacht. Und natür­lich hät­te ich als Über­set­zer für so einen Auf­trag mein lin­kes Ei gege­ben. Nicht nur weil ich Keith Richards irgend­wie mag.

Beim Über­flie­gen der Rezen­si­on noch im Ste­hen blieb mein Blick an etwas hän­gen, was ich erst nicht für wahr hal­ten moch­te, und das war die For­mu­lie­rung »fan­tas­ti­sche Arsch­loch­freun­de«. WTF, möch­te man auf Neu­deutsch aus­ru­fen? Weil ich es nicht fas­sen konn­te… moch­te… immer noch nicht fas­sen will…

Was sind wohl »Arsch­loch­freun­de« 1 in den Augen des­je­ni­gen, der sie in die Welt gesetzt hat? Nun, kei­ne Ahnung. Ich weiß nur eines, und das ist zweierlei:

Ers­tens weiß ich, was ein »Arsch­loch« ist und dass ein »Arsch­loch« im Deut­schen Nega­ti­ves kon­no­tiert und auch damit auch als Bestim­mungs­wort in Zusam­men­set­zun­gen das näher bestimm­te Grund­wort in den brau­nen Dreck zieht. Das liegt in der Natur deut­scher Wort­bil­dungs­ge­set­ze. Ein »Arsch­loch­po­li­ti­ker«, sei er denn hier mal um des Argu­ments wil­len erfun­den, wäre eben­so nega­tiv wie ein »Arsch­loch­über­set­zer«, wenn wir mal davon aus­ge­hen, dass es sich nicht um einen Über­set­zer han­delt, der sich auf das Über­set­zen von Arsch­lö­chern kapri­ziert hat. 2

Und zwei­tens weiß ich, was da im eng­li­schen Ori­gi­nal steht; (mehr …)

  1. Wer den Begriff »Arsch­loch­freun­de« in sei­ne Such­ma­schi­ne ein­gibt, der wird auf den ers­ten Blick sehen, dass der Begriff im Deut­schen vor­be­las­tet und in Gebrauch ist. []
  2. Eine Art Prok­to­lo­gen unter Über­set­zern ken­ne ich frei­lich nicht.[]

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Mal anders rum – Anthea Bell

Man über­setzt aus der Fremd­spra­che in die Mut­ter­spra­che. Das ist so die Regel. Natür­lich wird man immer wie­der mal dar­um gebe­ten, es »anders rum« zu machen, und wenn es nicht zu umfang­reich ist und kei­nen Scha­den anrich­ten kann, nimmt man so etwas gefäl­lig­keits­hal­ber an. Aber so rich­tig beschäf­ti­gen tut man sich nicht mit der Über­set­zung vom Deut­schen ins Eng­li­sche. Es ist einem fer­ner, als der Nicht­über­set­zer sich das vor­stel­len mag. Ich habe seit 40 Jah­ren hier irgend­wo eine Tin Drum her­um­ku­geln, die ich ger­ne mal gegen das Ori­gi­nal hal­ten wür­de, das immer in Reich­wei­te steht, aber ich bin nie dazu gekom­men. Aber­mals geweckt wur­de mein Inter­es­se an der Über­set­zung ins Eng­li­sche, als ich vor eini­gen Jah­ren im Web auf einen Vor­trag einer eng­li­schen Kol­le­gin stieß: Anthea Bell.

Gekom­men bin ich auf sie über Ihren Vor­trag »Trans­la­ti­on as Illu­si­on« und das eher zufäl­lig. Oder auch nicht. Da Anthea Bell in die­sem Vor­trag etwas anspricht, was mir selbst das Über­setzer­le­ben ver­gällt: »The Cur­se of the Copy Edi­tor«. Der Fluch des Lek­to­rats hört sich wun­der­bar roman­tisch nach Dr. Mabu­se an oder nach Fu Man­chu, ist aber weit weni­ger span­nend oder unter­halt­sam, als Klein Häns­chen so den­ken mag – in die Auto­bran­che über­setzt hie­ße die­ses Phä­no­men: Das Auto, dass Sie da eben gekauft haben, ist von einem Ama­teur nach­ge­ar­bei­tet und wür­de nicht fah­ren. Aber las­sen wir mei­ne per­sön­li­chen Pro­ble­me mal bei­sei­te; blei­ben wir bei der Aus­sa­ge der eng­li­schen Kol­le­gin zum The­ma, die mir die Über­set­zung Ihrer Wor­te ins Deut­sche bit­te nach­se­hen mag: (mehr …)

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Truf­faut – Das Letz­te Interview

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Kürz­lich hat man mir eine gro­ße Freu­de gemacht. Ich war mal ein rich­ti­ger Film­fan. Einer, der sich alle mög­li­chen alten Schwarz-Weiß-Strei­fen rein­ge­tan hat. Pan­zer­kreu­zer Potem­kin und so. Einer, der alle Rezen­sio­nen gele­sen hat. H. C. Blu­men­berg fällt mir ein. Und an der Schu­le hat­te ich für eini­ge Zeit das ansons­ten ver­wais­te Amt eines Film­re­fe­ren­ten 1, wo ich im Fest­saal abends hin und wie­der Fil­me gezeigt habe. Die man damals noch in zent­ner­schwe­ren Rol­len mie­ten muss­te, vom Bahn­hof abho­len, 16-mm-Appa­rat mie­ten, Lein­wand orga­ni­sie­ren, einen tech­nisch begab­te­ren Mit­schü­ler als Vor­füh­rer abkom­man­die­ren, einen Kas­sen­wart, wenigs­tens hun­dert Leu­te in den Fest­saal bekom­men, sonst zahl­te ich drauf…

Das ist ewig her. Aber Fran­çois Truf­faut war damals der Größ­te. Sicher nicht von unge­fähr wid­me­te die phan­tas­ti­sche blaue Rei­he Han­ser (gibt’s ver­mut­lich längst nicht mehr) Truf­faut den ers­ten Band. 1974 war das. Ich habe in mehr als eini­gen Kar­tons gekramt und die Rei­he gefun­den. Mit den Fel­li­ni-Büchern von Dio­ge­nes. Und Büchern über Robert Alt­man und Pres­ton Stur­gess, Herr­gott noch mal. (mehr …)

  1. Das hat rich­tig Arbeit gemacht; zu so was waren die, die sich nur ger­ne reden hör­ten, zu faul. []

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Das Ver­schwin­den der Illu­sio­nis­ten – die Buch­bran­che und ihre Übersetzer

Bei der bevor­ste­hen­den Buch­mes­se wird ein­mal mehr eines unter den Tisch fal­len: dass es sich näm­lich bei einem Gut­teil der dort gleich hal­len­wei­se feil­ge­bo­te­nen Titel um Über­set­zun­gen han­delt. Dass folg­lich buch­stäb­lich kein Wort, von dem, was in einem die­ser Bücher steht, von sei­nem Autor stammt, son­dern von sei­nem Statt­hal­ter im jewei­li­gen Land. Umber­to Eco, Rod­dy Doyle, Dan Brown, J.K. Row­ling, Michel Hou­el­le­becq – wer deren Bücher auf Deutsch liest, der liest sie in Über­set­zung und damit das Werk eines Übersetzers.

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Um die Wür­di­gung sei­ner Arbeit, die Wür­di­gung der Tat­sa­che, dass es – um ein Kli­schee zu bemü­hen – ohne den Über­set­zer kei­ne Welt­li­te­ra­tur gäbe, ist es aller­dings gar nicht so toll bestellt, wie man mei­nen möch­te, hält man ihr Aus­maß gegen die Tat­sa­che, dass hier­zu­lan­de ohne ihn kaum einer je von Don Qui­jo­te, Can­d­i­de oder Moby Dick gehört hät­te, geschwei­ge denn dass sich jemand dar­an als geneig­ter Leser hät­te erfreu­en kön­nen. Umge­kehrt gilt das natür­lich auch für unse­re Autoren, sei es ein Patrick Süs­kind, ein Hein­rich Böll oder ein Gün­ter Grass.
Der Leser einer Über­set­zung ist sich die­ser Tat­sa­che meist nicht bewusst. Er liest in der Illu­si­on, das Werk des Autors zu lesen. Für ihn steht der Name des Autors außen drauf und auf der Klap­pe und innen drin; für ihn ist die Über­set­zung das Ori­gi­nal. Nun, gegen Illu­sio­nen ist an sich nichts ein­zu­wen­den. Wer gibt sich nicht gern den Illu­sio­nen eines David Cop­per­field hin? Und ist Lesen an sich nicht schon eine Art Illu­si­on, das Gele­se­ne selbst zu erfah­ren? Nur ist der Illu­sio­nist hier­bei in der Regel nicht weni­ger gefragt als die Illu­si­on. Karl May, Edgar Wal­lace, Geor­ges Sime­non, wir lesen die Wer­ke die­ser Leu­te, weil ihre – sprich gro­ße – Namen dahin­ter bzw. dar­auf ste­hen. Und für David Cop­per­field gilt das nicht weni­ger. (mehr …)

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Die Fas­zi­na­ti­on der Fremd­spra­che – alles Hum­bug oder was?

Man kennt das: in einer ande­ren Spra­che klingt alles irgend­wie tie­fer, scheint alles mehr Gewicht zu haben. Ich könn­te Dut­zen­de von Bei­spie­len allein aus der Musik anfüh­ren, von Leo­nard Cohen bis Micha­el Sti­pe. Als Über­set­zer spürt man das dop­pelt. Die Über­set­zung ist in der Tat oft nur ein plat­ter Abklatsch eines sprach­li­chen Reli­efs. Und dann staunt man immer wie­der, wenn Aus­län­der, sagen wir mal in Songs und Chan­sons, plötz­lich deutsch sin­gen – und man spürt, dass sie das Deut­sche für tie­fer, fas­zi­nie­ren­der hal­ten. Sind Fremd­wör­ter hier ein Mit­tel­weg? Eine Brü­cke? Krü­cke? Oder sind sie, wie ich das emp­fin­de, über die Fach­spra­che hin­aus alber­ne Angeberei?

Bran­der Mat­thews, des­sen Arti­kel über die Funk­ti­on des Slangs ich hier in Über­set­zung erst­mals dem deut­schen Inter­es­sier­ten vor­stel­len möch­te, zitiert sei­nen Lands­mann, den Dich­ter James Rus­sell Lowell, zu eini­gen ein­hei­mi­schen Wen­dun­gen. Da man als Über­set­zer grund­sätz­lich in der Pflicht ist, von Zita­ten die Ori­gi­na­le zu fin­den, habe ich nach eini­ger Suche die Cam­bridge Edi­ti­on von Lowells Com­ple­te Poe­ti­cal Works auf­ge­tan; hier fin­det sich im Anhang die »Intro­duc­tion  to the Second Seri­es of the Big­low Papers« und hier wie­der­um das Zitat. 1

Wie auch immer, Lowell erwähnt im sel­ben Abschnitt,  in dem es um das Ver­hält­nis des Spre­chers zur eige­nen und zur frem­den Spra­che geht, (mehr …)

  1. Mat­thews hat sei­ne Quel­le nicht ange­ge­ben, nur Lowell genannt. Vor Zei­ten des Inter­webs hät­te einem so eine Suche Tage geraubt, jetzt sind es zehn Minu­ten – und die sind Kei­ne Mühe, son­dern eine Freu­de.[]

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Buch­stäb­li­che Viel­falt – Wör­ter aus deut­schen Landen

Ein Blick in ein belie­bi­ges Dia­lekt­wör­ter­buch genügt, um zu erken­nen, wie reich die deut­sche Spra­che an nuan­cier­ten Syn­ony­men für prak­tisch alle nur erdenk­li­chen Wör­ter und Wen­dun­gen ist.

Wirft man fer­ner einen Blick auf die Ent­wick­lungs­ge­schich­te der deut­schen Spra­che, so ist die For­de­rung, mehr von die­sen Wör­tern aus den Regio­nen in die deut­sche Umgangs­spra­che zu holen, nur logisch. Die hoch­deutsche Umgangs­spra­che ist so ent­stan­den. Und die­ser Pro­zess hat seit dem Beginn des 20. Jahr­hun­derts an Tem­po gewon­nen. Das Inter­net, wo jeder mit jedem redet, setzt noch eins drauf. Und bei all dem rüden Ton, der zuwei­len in Web-Foren herrscht, wegen eines Dia­lekt­worts sah ich noch kei­nen run­ter­ge­macht. Im Gegen­teil, die Leu­te fra­gen nach, wenn sie etwas nicht ver­ste­hen, und wenn das Wort brauch­bar ist, über­nimmt man es ein­fach, egal  aus wel­chem Win­kel des Lan­des es kommt. Eine Viel­zahl der der­zei­ti­gen deut­schen Mode­wör­ter, ich mei­ne nicht die hirn­los aus dem Eng­li­schen über­nom­me­nen, haben so in kür­zes­ter Zeit gesamt­deut­sche Kar­rie­re gemacht.  Wie­so auf die­se Viel­falt nicht auch in Über­set­zun­gen zurückgreifen?
Es sind ja auch immer nur eini­ge weni­ge, die einem in ihrer klein­ka­rier­ten Beschränkt­heit gleich den Dialekt!-Knüppel zwi­schen die Bei­ne wer­fen wol­len – nicht dass sie sich im Ein­zel­fall vor­her kun­dig machen wür­den. Meist ist ihnen das Wort ohne­hin ein­fach nur fremd.
Um viel­leicht den einen oder ande­ren dazu zu bekom­men, dem einen oder ande­ren brauch­ba­ren Wört­chen zur all­ge­mei­nen Akzep­tanz zu ver­hel­fen, hier etwas zur Geschich­te des Pro­blems. Ich zitie­re – in Aus­zü­gen – aus dem fünf­ten Kapi­tel (»His­to­ri­sches zur neu­hoch­deut­schen Wort­geo­gra­phie«) von Paul Kret­schmers Ein­füh­rung zu sei­nem Buch Wort­geo­gra­phie der hoch­deut­schen Umgangs­spra­che aus dem Jah­re 1918.
Es geht ein­fach dar­um anzu­deu­ten, dass die hoch­deut­sche Umgangs­spra­che noch gar nicht so lan­ge exis­tiert, wie vie­le viel­leicht anneh­men wür­den, und wie sehr sie bei all den damit ver­bun­de­nen Pro­ble­men auf die deut­schen Regio­nen baut. (mehr …)

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Ame­ri­ka­ni­sche Lyrik (1)

Der Rabe
von
Edgar All­an Poe

Deutsch von Alex­an­der Neidhardt.

Einst in mit­ter­näch­t’­ger Stunde,
Als ob lang vergess’ner Kunde
Ich in alten, net­ten Bänden
Grü­bel­te, das Her­ze schwer,
Und ich nickend kaum noch wachte,
Plötz­lich ich zu hören dachte
Klop­fen an der Thür es sachte.
“Ein Besu­cher ist es, der
Ange­klopft!” so sagt’ ich murmelnd,
“Ein Besu­cher ist es, der
Klopft, – nur dies – und sonst nichts mehr.” – (mehr …)

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